Helene Hegemann Foto: dpa - dpa

Mit ihrem Romandebüt „Axolotl Roadkill“ hat die damals 18-jährige Helene Hegemann für Furore gesorgt. Nun stellt sie bei der LesART ihren neuen Roman „Bungalow“ vor.

EsslingenAls 18-Jährige hat Helene Hegemann vor acht Jahren mit ihrem Romandebüt „Axolotl Roadkill“ für jede Menge Furore gesorgt: Das Feuilleton lobte das Buch und die junge Schriftstellerin über den grünen Klee, ein unglaublicher Hype um das sprachlich ungewöhnliche Werk setzte ein. Als herauskam, dass Teile des Romans ohne Quellenangabe aus Texten eines Bloggers übernommen worden waren, wurden Buch und Autorin mit demselben Hochdruck verdammt, mit dem sie vorher beklatscht worden waren. Mit dem für den Deutschen Buchpreis nominierten „Bungalow“ (Hanser Berlin, 23 Euro) stellt die heute 26-Jährige bei der LesART ihren dritten Roman vor. Um jeglichem Plagiatsverdacht zuvorzukommen, hat sie ihr neues Buch mit Quellenangaben versehen und den Rest der Geschichte stark abstrahiert und fiktionalisiert.

Keinen Vater, dafür eine schizophrene Mutter

Die jugendliche Charlie erinnert sich daran, wie sie als zwölfjähriges Mädchen ohne Vater mit ihrer schizophrenen und alkoholkranken Mutter in einer heruntergekommenen Mietskaserne lebt: Das Geld ist knapp, ab Monatsmitte isst Charlie Würfel- zucker und Schnitt- lauch oder Toastbrot mit Öl. An der Laderampe im Supermarkt oder an noch nicht abgeräumten Tischen im Café sammelt sie Essensreste, um satt zu werden. Die Mutter leert Charlies Sparbüchse, manipuliert ihre Tochter und bedroht sie körperlich und emotional. Und dennoch hält die wehrlose Charlie in ihrer Co-Abhängigkeit zu ihr. „Das Schlimme war“, sagt sie einmal, „dass ich sie nicht hassen konnte.“ Charlie übernimmt die Rolle der Erwachsenen und spielt allen etwas vor, aus Angst, das Jugendamt könnte sie ihrer Mutter wegnehmen.

Vom Balkon aus hat Charlie eine gute Sicht auf die benachbarte Villen-Siedlung. Eines Tages zieht in einen der Designer-Bungalows das Schauspielerehepaar Maria und Georg ein: Gutaussehend und elegant und ebenso berechnend wie unberechenbar. Charlie ist fasziniert von diesem anderen Leben, beginnt die beiden zu stalken und wünscht sich nichts sehnlicher, als von Maria und Georg wahrgenommen zu werden. Um die Aufmerksamkeit des glamourösen Paares auf sich zu ziehen, schreckt sie auch nicht davor zurück, einen Unfall zu inszenieren. Irgendwann geht Charlies Plan auf und gipfelt in einer für die Jugendliche reichlich gefährlichen Dreiecksbeziehung mit dem dekadenten Künstlerpaar.

In einem langen inneren Gedankenstrom, verwoben mit Elementen der Collage, lässt Helene Hegemann Charlie sehr direkt und oft drastisch formuliert im Rückblick von dieser Zeit erzählen. Das ist schnell, hart und brutal, das klingt rotzig, hat einen ganz eigenen Sound mit Elementen von Jugendslang und Straßen-Sprech. „Bungalow“ ist die Coming-of-Age-Geschichte eines heranwachsenden Mädchens, dem viel aufgebürdet wird. Das Buch ist auch Sozialdrama und gesellschaftliche Milieustudie. Und es ist das Psychogramm einer Mutter-Tochter-Beziehung, eine Erzählung von sozialer Verwahrlosung, Vernachlässigung und völlig zerrütteten Beziehungen.

Ein Buch über Angst und Hilflosigkeit

Die wenigen geglückten Freundschaften machen nur umso deutlicher, wie katastrophal Charlies Leben ist. Das Buch erzählt von Angst, Hilflosigkeit, Überforderung und Einsamkeit. Und vom tiefen Wunsch nach Liebe und Verlässlichkeit. Immer begleitet von der Frage: Wie, verdammt nochmal, kriegt man das hin mit diesem Leben? Darüber hinaus zieht Helene Hegemann auch eine politische Ebene ein: Der Roman spielt in einer nahen Zukunft, in der es Personenbeförderung via Drohne gibt. Der Himmel bleibt dauerhaft grau, eine ökologische Katastrophe nimmt ihren Lauf. Irgendwann bricht in dieser Dystopie auch ein Krieg aus. Die Apokalypse scheint nah.

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