In Esslingen und Göppingen ist es Tradition, doch längst wird auch in Stuttgarter Clubs am Heiligen Vormittag gefeiert. Der Pfarrer der evangelischen Stiftskirche sieht’s gelassen.
Immer mehr Stuttgarter Bars öffnen am Heiligen Vormittag zum Vorglühen aufs große Fest. Was hält der Pfarrer Matthias Vosseler (56) von dem Treiben rund um seine evangelische Stiftskirche.
Herr Vosseler, der Heilige Morgen hat sich zu einer Ausgeh-Tradition entwickelt. In den Clubs der Stadt wird gefeiert. Wie blicken Sie als City-Pfarrer auf diese neue Unart?
Der Heilige Morgen geht ja in der Regel an mir völlig vorbei, weil ich in hoher Konzentration auf den Nachmittag, den Abend und den Weihnachtsmorgen bin, wo wir vier Gottesdienste haben. Aber grundsätzlich ist es schön, wenn Menschen zusammenkommen und feiern. Das Wiedersehen alter Freunde, Schulkameraden und so weiter, die von überallher wieder ‚nach Hause‘ kommen, stand ja am Anfang.
Ist das nicht für Sie eine Konkurrenz?
Nein, wer am Heilig Morgen feiert, kann auch am Heilig Abend in die Kirche. Ich erinnere mich an den Satz aus Südtirol, wenn es am Samstagabend mal spät wurde: „Wer saufen kann, kann auch in die Kirche gehen“.
Dann haben Sie also kein Problem damit?
Naja, es gibt auch ein deutliches Contra zum zu viel Feiern am Morgen: Gespräche mit Menschen, die von den Auseinandersetzungen am Heilig Abend erzählen, gehören zu meinen schlimmsten Erfahrungen in der Seelsorge. Da hat zu viel Alkohol, gerade bei Vätern, schon manche Beziehung zerstört und Frau und Kindern einen so schlimmen Abend beschert, dass er nicht ohne Folgen blieb. Also: es sollte immer maßvoll bleiben.
Sollte die Kirche dem Heiligen Morgen nicht selbst etwas entgegensetzen?
Das tun wir doch, und zwar am 25. Dezember. Wir feiern dann am Weihnachtsmorgen auch Gottesdienst mit Abendmahl und mit Wein. Ein Schluck genügt und Gemeinschaft ist auch da. Herzliche Einladung zum wahren Heilig Morgen!