Nach einem Schicksalsschlag, der ihn fast das Leben gekostet hätte, fing der Ludwigsburger Jörg Kroll an umzudenken – und engagiert sich seitdem ehrenamtlich.
An Heiligabend vor zwei Jahren erinnert sich Jörg Kroll nur ungern zurück. „Da war ich krank und konnte deshalb nicht bei der Feier des Kreisdiakonieverbands helfen. Das hat mich mächtig geärgert“, sagt der 65-Jährige. Denn sonst würde er den gemeinsamen Heiligen Abend in der Ludwigsburger Feuerseemensa unter keinen Umständen verpassen, auch wenn die Feier sich anders anfühle als zu Hause unterm Baum. Zu helfen liege ihm wirklich am Herzen. „Man freut sich, wenn die anderen sich freuen“, bringt er es auf einen ebenso einfachen wie verständlichen Nenner.
Kroll ist nicht der typische Ehrenamtliche. Er ist einer, der aus Erfahrung weiß, wovon er spricht, wenn er sagt, dass keiner der Einsamen, Singles, Obdachlosen und Alleinerziehenden, die gemeinsam feiern, essen und singen – so das Motto der Veranstaltung – sich freiwillig in die jeweilige Situation begeben hat.
Schicksalsschlag warf ihn aus dem Berufsleben
Bei ihm war der Auslöser ein Herzstillstand kurz nach seinem 50. Geburtstag. „Ich habe mich kaputt geschuftet, ich habe gearbeitet wie um mein Leben“, sagt er rückblickend. Nie habe er als Empfänger von Hartz IV vom Sozialstaat abhängig sein wollen. Doch nach diesem Schicksalsschlag war er so gut wie raus aus dem Berufsleben. „Mit 50 ist man auf dem Arbeitsmarkt praktisch chancenlos.“ Hinzu kam: Wegen des Herzschrittmachers habe er nicht mehr in seinem erlernten Beruf als Radio- und Fernsehmechaniker arbeiten dürfen, auch Lastwagen habe er dann nicht mehr fahren dürfen. Und so fiel er aus einem arbeitsamen Leben auf Null zurück und in ein schwarzes Loch. Das belastete ihn auch psychisch.
Irgendwann war er so weit, dass er zur Ludwigstafel gehen musste, weil er sich die Lebensmittel in einem normalen Laden nicht mehr leisten konnte. „Aber mich einfach nur in die Schlange zu stellen, empfand ich als erniedrigend“, erklärt er. Deshalb habe er gefragt, ob man jemanden zur Hilfe gebrauchen könne. Damit lief er offene Türen ein – mit Folgen: „Ich war nicht ein einziges Mal Kunde dort, ich wurde gleich Ehrenamtlicher“, sagt Jörg Kroll.
Materielles ist zweitrangig
Das ehrenamtliche Engagement habe ihm dabei geholfen, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Und er habe wohl auch generell eine ziemlich ausgeprägte soziale Ader, sagt er schmunzelnd. „Ich gebe lieber, als dass ich nehme. Manche halten mich deshalb für blöd. Aber ich habe gelernt, dass Materielles zweitrangig ist.“ Wichtig sei, „dass man morgens aufstehen kann und grinsen“, sagt der gebürtige Cottbuser. Das Geld müsse zum Leben reichen und ab und zu für eine kleine Freude, mehr brauche man nicht.
Schon fast philosophisch wird er, wenn er sich daran erinnert, wie er früher zum Reparieren von Fernsehgeräten und Radios in Wohnungen und Häuser gekommen ist. „Ich habe alles gesehen – von bitterer Armut bis hin zu größter Dekadenz wie dem Swimming Pool im Wohnzimmer. Und die Armen haben oft glücklicher ausgesehen als die Reichen, denen vielleicht nur Neid begegnet.“
„Man trifft immer nette Leute“
Seit fast 14 Jahren engagiert er sich nun ehrenamtlich – bei der Ludwigstafel und bei der Heilig-Abend-Feier des Kreisdiakonieverbands, wo er beim Service an den Tischen und auch beim Aufräumen nach der Feier mit anpackt. „Man trifft dort immer nette Leute“, sagt er. Besonders schön findet er es, dass auch etliche Helferinnen und Helfer dabei sind, die ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren. „Ich freu mich immer über die Zusammenarbeit mit jungen Leuten – und natürlich auch mit allen anderen.“
Auch als Experte für Radio- und Fernsehtechnik kann er übrigens noch Freude bereiten. „Ich mache beim Repaircafé in Eglosheim mit. Die Leute sind glücklich, wenn ich ihren alten Walkman repariere und sie endlich wieder ihre Kassetten hören können.“
Heiligabend in der Feuersee-Mensa
Termin
Am 24. Dezember sind alle, die den Heiligen Abend nicht allein verbringen wollen, zur Feier in die Ludwigsburger Feuersee-Mensa in der Karlstraße eingeladen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Team
Der ehrenamtliche Initiativkreis unter dem Dach des Kreisdiakonieverbands Ludwigsburg übernimmt die Gesamtverantwortung. Rund 60 Engagierte haben sich bereits gemeldet und erwarten 150 bis 200 Gäste.
Unterstützung: Die Stadt Ludwigsburg stellt die Feuerseemensa zur Verfügung, der Rotary-Club Ludwigsburg Altwürttemberg holt Spenden bei den Bäckereien ab. Auch Geldspenden sind willkommen: Kreisdiakonieverband Ludwigsburg, KSK Ludwigsburg, IBAN DE62 6045 0050 0000 0260 91, Zweck: „Heiligabend“.