Heilbronn boomt. Seit zehn Jahren wächst in der Stadt ein Wissens- und Bildungszentrum. Was hat die Stiftung des Lidl-Gründers Dieter Schwarz damit zu tun?
Heilbronn - Wenn der Oberbürgermeister durch Heilbronn radelt, dann kommt „der Harry“ nur langsam vorwärts. Am Zebrastreifen beginnt ein Autofahrer ein Pläuschchen mit dem Rathauschef, im Straßencafé sitzen Bekannte, in der Kita im Neckarbogen hält Harry Mergel Ausschau nach dem Sprössling von Freunden. Und, ach ja: die Mitarbeiterin in der Experimenta kennt er auch schon ewig. Sie war schon dabei, als das Wissens- und Forschungszentrum Experimenta noch Science Center hieß und in städtischer Hand war.
Harry Mergel, 65 Jahre alt, Sozialdemokrat, geboren in Heilbronn, aufgewachsen in Heilbronn, ausgebildet in Heilbronn, sozialisiert auf dem Musikfestival Gaffenberg, während seiner Zeit als Lehrer in Freiburg ein täglicher Pendler von und nach Heilbronn, langjähriger SPD-Stadtrat, Fraktionschef, Schulbürgermeister und seit 2014 Oberbürgermeister von Heilbronn – dieser Harry Mergel sagt: „Ich bin ein Patriot.“
Ohne die Stiftung hätte sich die Stadt nicht so entwickelt
Davon gibt es viele, der OB kann einige aufzählen. Ein Name fällt gleich zu Beginn: Dieter Schwarz, Gründer und Eigentümer der Schwarz-Gruppe, zu der Kaufland und Lidl gehören. Er feiert am 24. September seinen 82. Geburtstag und zählt zu den reichsten Deutschen. Auch er ist ein gebürtiger Heilbronner – und eben ein Patriot, wie Mergel sagt: Ohne Dieter Schwarz und seine Stiftung hätte seine 120 000 Einwohner zählende Stadt in den vergangenen zehn Jahren niemals diese Entwicklung hingelegt: „Das ist vollkommen ausgeschlossen“.
Auf den diversen Hochschulen an dem hochmodernen und im Wesentlichen von der Schwarz-Stiftung bezahlten Bildungscampus studieren heute 10 0000 junge Leute, doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Als erste Stadt nach Ulm 1967 darf sich Heilbronn jetzt Universitätsstadt nennen, weil die Technische Universität München dort eine Außenstelle unterhält. 22 Professuren vor allem im Bereich digitaler Technologien finanziert die Schwarz-Stiftung für die nächsten 30 Jahre. Das Fraunhofer-Institut mit seiner Forschung zu Künstlicher Intelligenz wurde dort ebenso angesiedelt wie das Ferdinand-Steinbeis-Institut mit seiner Arbeit über Digitalisierung. Mit dem Neubau der Experimenta hat die Schwarz-Stiftung das größte deutsche Science Center mitten in Heilbronn platziert. Die Stiftung unterhält Kindergärten und Schulen, eine zweisprachige Privatschule entsteht gerade im neuen Stadtteil Neckarbogen. Und, und, und.
Die Schwarz-Stiftung spricht nicht über Geld. Sie hat es einfach.
Wie viel Geld Dieter Schwarz für seine Stadt schon hat springen lassen, behält er für sich. In der Stiftung spricht man traditionell nicht über Geld. Man hat es, und man hat es reichlich. Für Mergel ist das Stiftungsengagement ein „Sechser im Lotto plus Zusatzzahl mit einem Riesenjackpot“. Ohne Dieter Schwarz und seine Stiftung hätte die Stadt niemals den Zuschlag erhalten für den baden-württembergischen Innovationspark Künstliche Intelligenz.
„Ein Sechser im Lotto“
Und zwar deutlich. Acht der zehn internationalen Jury-Mitglieder haben für Heilbronn votiert. Die Reaktionen der Mitbewerber um den 50-Millionen-Euro-Zuschuss des Landes vor allem aus den Cyber-Valley-Regionen Stuttgart, Karlsruhe und Neckar-Alb fielen ein bisschen beleidigt aus. Als Ökologe teile er die Entwicklungsziele des „chinesischen Modells“ von Heilbronn nicht, wo rund 25 Hektar im Gewerbegebiet Steinäcker zugepflastert würden, kritisierte der Tübinger OB Boris Palmer (Grüne). Man habe doch die gebündelte Expertise aus Baden-Württemberg ins Rennen geworfen, staunte der Karlsruher OB Frank Mentrup (SPD). Das Land entscheide sich für eine Lösung mit einem „großzügigen Kapitalgeber“, maulte die Tübinger Landtagsabgeordnete Dorothea Kliche-Behnke (SPD).
„Was sich seit 2009 bei uns entwickelt hat, ist denen offensichtlich verborgen geblieben“, sagt Mergel amüsiert. In Heilbronn „entsteht ein neues Kraftzentrum, das dem Land guttun wird“. 2009 war aus seiner Sicht ein zentrales Jahr für die Stadt. In diesem Jahr beschloss Heilbronn mit Mergel als Schulbürgermeister den Umbau zur Bildungsstadt. Der Grund: In Heilbronn sind viele starke Betriebe daheim. Die kommen aber vor allem aus der Automobil- und Zuliefererbranche, es sind Maschinenbauer oder Logistiker, Wirtschaftsbereiche, „die in starkem Maße transformationsbedürftig sind“. Dieser Wandel, so die Erkenntnis 2009, könne nur gelingen, wenn Bildung zum zentralen Rohstoff wird. Seitdem bezahlen Eltern keine Kindergartengebühren mehr, weil die Stadt Kitas als Bildungsstätten definiert. Schulkinder werden nicht im Hort, sondern in den Schulen ganztags betreut und gefördert, die Stadt baute Mensen, bündelte das Engagement von Vereinen, Bibliotheken und Museen bei der Betreuung. Das Ergebnis: Mehr als drei Viertel der Heilbronner Schulen haben ein Ganztagesangebot, landesweit sind es 31,4 Prozent.
Bildung als wichtigster Rohstoff für die Zukunft
Das Stiftungsengagement löst mitunter Unbehagen aus
„Alles, was wir tun“, sagt Harry Mergel, „muss auf das Bildungskonto einzahlen“, das ist die Leitlinie. An diesem Punkt traf man sich mit der Schwarz-Stiftung, die sich der Förderung des lebenslangen Lernens verschrieben hat. „Wir haben uns gesucht und gefunden im Anspruch, Heilbronn zur Wissens- und Bildungsstadt zu machen“, sagt der OB. Auf diesem Weg schreitet die Stadt voran „mit der Kraft der zwei Herzen“.
Das Engagement der Stiftung löst mitunter Unbehagen aus. Als Mergel 2014 sich um die Nachfolge von OB Helmut Himmelsbach bewarb, gehörte nicht nur der ehemalige IG-Metallchef Klaus Zwickel zu seinen Fürsprechern. Auch Dieter Schwarz warb öffentlich für den Sozialdemokraten, was diesem unangenehme Fragen bescherte. Die Schaffung der bayrischen Universitätsenklave im Unterland stieß teils auf scharfe Kritik. Das Portal Hochschulwatch etwa bezeichnete den starken finanziellen Einfluss als Dammbruch: Wenn ein Institut sich so abhängig mache von einem einzigen Geldgeber, so die Befürchtung, sei die Freiheit der Forschung gefährdet.
Dass die Stadt ausgerechnet dem Lidl-Konkurrenten Aldi ein Grundstück abknöpfen und dem Bildungscampus als Erweiterungsfläche zuschlagen möchte, hat für manchen ein Gschmäckle. Beim Neubau der privaten Josef-Schwarz-Schule im Neckarbogen fragten sich einige Stadträte, ob dort eine private Schule mit Schulgeld nicht fehl am Platz sei. Die Stadt verhandelt nun darüber, den Neckarbogen-Kindern den Zugang zu der Schule zu ermöglichen.
Hochschulwatch sieht die Freiheit der Lehre gefährdet
Ist die Stadt abhängig von Schwarz? „Das kann man, das muss man nicht so nennen“, sagt Harry Mergel. „Uns plagen die gleichen Sorgen wie andere Städte auch.“ Es fehlt an bezahlbarem Wohnraum, die Digitalisierung und der Klimawandel sind große Herausforderungen. Aber auch ohne die Schwarz-Stiftung, davon ist der patriotische OB überzeugt, „ist Heilbronn ein starker Wirtschaftsstandort und mit seiner Natur und dem Neckar eine Stadt mit hoher Lebensqualität“.