Was bringt eine feste Impfquote? Die Hausärzte im Kreis Ludwigsburg sehen sich unter Druck gesetzt. Foto: Imago/Zoonar

Wer zu wenig impft, dem drohen finanzielle Abzüge. Die Ärzteschaft im Kreis Ludwigsburg kritisiert eine Regelung, die am 1. Januar 2026 für Hausärzte in Kraft tritt.

Es rumort in den Hausarztpraxen – viele niedergelassene Mediziner sind unzufrieden mit neuen Vorgaben, die ab dem 1. Januar 2026 gelten. Die Regeln machen das Abrechnen mit den gesetzlichen Krankenkassen zum Bürokratiemonster, heißt es. Besonders kontrovers diskutiert wird eine neue Impfquote. Wer sie als Arzt nicht erfüllt, muss mit hohen finanziellen Einbußen rechnen.

Das Impfen erwies sich während der Corona-Pandemie für viele Ärzte als lukratives Geschäft. Der Staat belohnte Mediziner mit Steuergeldern durch vergleichsweise hohe Vergütungen. Der öffentliche Druck auf impfkritische Ärzte und Patienten war hingegen hoch.

Strenge Impfquoten: Hausärzte fürchten finanzielle Einbußen

Jetzt sollen niedergelassene Allgemeinmediziner mindestens sieben Prozent ihrer Patienten jeweils in den ersten drei Quartalen und 25 Prozent im vierten Quartal impfen. Geschieht dies nicht, drohen Abzüge. Wer unter einer Impfquote von zehn Prozent bleibt, dem könnten unter Umständen bis zu 40 Prozent der sogenannten Vorhaltepauschale der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gestrichen werden.

Generell belohnt die Vorhaltepauschale die Ärzte dafür, dass sie ihre Praxisinfrastruktur für die Grundversorgung bereithalten. Wer zehn Kriterien erfüllt, erhält einen Bonus – unter anderem für so wichtige Dienste wie Hausbesuche, Betreuung von Altenheimbewohnern oder verlängerte Sprechzeiten. Neu ist jetzt, dass diese Anreize in ein starres System gepresst werden. Die Impfquote benachteilige zum Beispiel Landärzte mit einem älteren Patientenkreis, der bereits durchgeimpft sei, monieren Kritiker.

Ob eine Impfung im Einzelfall überhaupt sinnvoll ist, entscheidet zwar nach wie vor der Mediziner mit seinem Patienten, doch der Druck zur Impfquote könnte das Vertrauen erschüttern. Warum will mein Arzt mich unbedingt impfen?, mag sich so manch kritischer Patient fragen.

Vorgegebene Stückzahlen erfüllen – so kommen sich wiederum manche Hausärzte vor, wollen sie nach wie vor vollständig an die GKV-Gelder gelangen. Beschlossen haben das im August dieses Jahres die Spitzenverbände der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der GKV. „Es ist ein bürokratisches Ungetüm geschaffen, das nach unserer Einschätzung an der Versorgungsrealität vorbeigeht“, sagt Carola Maitra, Vorsitzende der Kreisärzteschaft, Anästhesistin an der Klinik in Markgröningen und verheiratet mit einem Hausarzt in Hemmingen.

Carola Maitra kritisiert als Vorsitzende der Kreisärzteschaft Ludwigsburg die neuen Regelungen. Foto: Martin Stollberg

Verfehlt ist die Impfquote laut Maitra auch deshalb, weil Hausärzte immer je nach Einzelfall zum Wohl ihres Patienten entschieden. „Es ist doch unsinnig anzunehmen, ein Hausarzt würde die Anzahl der Impfungen mitzählen und gegebenenfalls die Impf-Aktivitäten intensivieren.“ Gesundheit sei keine Ware – und könne nicht nach Marketing-Regeln organisiert werden.

Geht Impfunwilligkeit der Bevölkerung zu Lasten der Hausärzte?

Unsinnig sei die Impfquote zudem, so Maitra, weil viele Grippeimpfungen schon zum Ende des dritten Quartals durchgeführt würden. Die Impfungen fehlten dann zum Erfüllen der höheren 25-Prozent-Quote im vierten Quartal. „Es ist aus unserer Sicht ebenfalls vollständig verfehlt, Impfunwilligkeit in der Bevölkerung den Honoraren der niedergelassenen Ärzteschaft zuzuschlagen.“

Die Impfquote bedeute keine Impfpflicht, erklärt hingegen Dr. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Was stimmt ist, dass die Vorhaltepauschale nach wie vor für alle Praxen bezahlt wird.“ Erfüllten Ärzte zwei von zehn Kriterien, werde die Pauschale auch in derselben Höhe wie bisher bezahlt. „Und eins dieser zehn Kriterien ist das Impfen.“ Es gebe lediglich die Bedingung, dass zehn Impfungen pro Quartal durch eine Praxis durchgeführt werden. „Das ist aber für eine normale hausärztliche Praxis überhaupt kein Problem.“

„Impfen ist ein Kerngeschäft“: Hausarzt hält Impfquoten für niedrig

Kritik an der Bürokratie, aber nicht an der Vorgabe, viel zu impfen, äußert Hans-Jürgen Kolepke, Hausarzt in Ludwigsburg und wie Carola Maitra Mitglied im Vorstand der Kreisärzteschaft. „Impfen ist ein Kerngeschäft – die Quoten sind ein gängiges Vergütungssystem, die Impfquoten in diesem Falle eher niedrig angesetzt.“ In der Regel kämen die Patienten bereits gut informiert in die Praxis. Sie fragten, ob diese oder jene Impfung auch noch zusätzlich für sie sinnvoll sei.

Ärzte stünden laut Kolepke nicht in der Versuchung, möglichst viele Impfungen an ihre Patienten zu „verkaufen“. Es mangele schon allein deshalb nicht an möglichen Impfungen, weil die Ständige Impfkommission (Stiko) mehr Impfungen empfehle.

Gerade die über 60-Jährigen sollten sich neben einer jährlichen Grippeimpfung und einer Coronaimpfung auch gegen Pneumokokken und Gürtelrose impfen lassen. Über 75-Jährigen wird zur Impfung gegen das Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) geraten. Das Virus könne schwere Atemwegserkrankungen verursachen.

Bürokratie ist das eigentliche Problem

Unerträglich ist laut Kolepke die Bürokratie in den Arztpraxen geworden. Die Abrechnungssysteme verstehe keiner mehr, Kuranträge erinnerten eher an Bücher. Gleichzeitig fielen Elemente der gesetzlich vorgeschriebenen digitalen Ausrüstung fast täglich aus und produzierten hohe Kosten und Frust.

Eine elektronische Patientenakte könne man nur ausfüllen, wenn man vorher ausführlich dazu geschult worden sei und sich eingehend damit beschäftigt habe. „Hier stellt sich für mich bei dem nicht funktionierenden Technikkram nicht mehr die Frage, ob die Digitalisierung uns und den Patienten nutzen soll oder umgekehrt – sie beantwortet sich von selbst.“