Konfirmation Ende der 50er-Jahre in der Karlshöhe in Ludwigsburg. Huber ist als Zweiter von rechts in der hinteren Reihe zu sehen. Foto: oh - oh

Körperliche, sexualisierte und psychische Gewalt gehörten in den 1950er- und 1960er-Jahren in vielen Kinderheimen zur Tagesordnung. Zu den Opfern zählte ein Lichtenwalder.

LichtenwaldHeimkinder mussten Urin trinken“ – diese Überschrift eines EZ-Artikels Ende vergangenen Jahres hat Hans Huber aufgerüttelt. Der Beitrag handelte von der Aufarbeitung der Geschichte der Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 im Land. Ein Projektteam des Landesarchivs Baden-Württemberg hatte zusammen mit Sozialminister Manfred Lucha einen Abschlussbericht vorgelegt, der dokumentiert, welch unsägliches Leid vielen Heimkindern in dieser Zeit widerfahren war (siehe Infobox unten). Schwere körperliche, sexualisierte oder psychische Gewalt gehörten in vielen Einrichtungen zur Tagesordnung. Zu den Opfer zählte auch Hans Huber. Lange Zeit hatte der Lichtenwalder mit sich gerungen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch die Lektüre des besagten Artikels wirkte so sehr in ihm nach, dass der heute 74-Jährige irgendwann entschied er: Von den zum Teil brutalen Erziehungsmethoden, die damals in den Heimen angewandt und gerne totgeschwiegen wurden, sollen alle wissen.

Huber hatte keine leichte Kindheit. 1944 geboren, wuchs er in Münsingen auf. Seinen Vater hat er nie zu Gesicht bekommen. Die Mutter musste hart arbeiten, um sich und den Buben durchzubekommen. Und Hans machte es ihr, aber auch den Lehrern nicht leicht. „Ich bin immer abgehauen aus der Schule“, erzählt er lachend. „Manchmal habe ich mich mehrere Tage versteckt.“ In seinen Zeugnissen ist nachzulesen, dass er oft durch Abwesenheit glänzte. Irgendwann hatte er dann den Stempel „schwer erziehbar“ weg. Die Folge: „Die vom Jugendamt Esslingen haben mich in ein Heim gesteckt.“ Hubers erste Station war die Karlshöhe in Ludwigsburg. Wann das genau war, weiß der Lichtenwalder nicht mehr genau. „Ich war in der 6. oder 7. Klasse.“ Die Mutter habe damals in Köngen gelebt. Von der Karlshöhe ging es später ins Gustav-Werner-Heim in Reutlingen, weitere Stationen waren Schönbühl bei Waiblingen, Voccawind bei Ebern (Oberfranken) und Freistatt (Niedersachsen).

Erzieher zog am Geschlechtsteil

Wie viele seiner Mitbewohner in den Heimen sei er oft geschlagen worden, erzählt er. Die Erzieher seien da nicht zimperlich gewesen. Um einen Zögling zu züchtigen, sei man entweder eingesperrt worden oder man habe kein Essen bekommen. „Um 5 Uhr mussten wir aufstehen“, erinnert sich Huber. „Das war oft wie im Knast.“ Er hat mitbekommen, dass der eine oder andere in der Not seinen eigenen Urin getrunken hat, weil er nichts zu trinken bekam. In Schönbühl sei er, weil er nicht gespurt habe, ein paarmal vom Erzieher am Geschlechtsteil gezogen worden, berichtet Huber. Seine schlimmste Zeit sei die Voccawind gewesen. „Da bin ich oft geschlagen worden.“ Wie viele andere habe er als Jugendlicher in einem Steinbruch arbeiten müssen. „Von früh um sieben bis abends um sieben, wie in einem Arbeitslager.“ Einmal habe er versucht abzuhauen. Was jedoch misslang. Hans wurde erwischt und zur Strafe mit einem Stock blutig geprügelt. An Voccawind, das damals nur wenige Kilometer von der Zonengrenze entfernt lag, habe er die schlimmsten Erinnerungen, erzählt der 74-Jährige. Nicht viel besser seien die Verhältnisse danach im niedersächsischen Freistatt gewesen. „Da mussten wir im Moor unter übelsten Bedingungen Torf stechen.“ Huber erzählt das alles ohne Groll. „Wir kannten es gar nicht anders.“ In allen Heimen, die er besucht habe, sei regelmäßig mit Gewalt gearbeitet worden. Mit 18 sei er dann „aus dem Heim rausgeschmissen“ worden. Huber verpflichtete sich für vier Jahre zum Wehrdienst bei der Bundeswehr. Doch bereits nach zwei Jahren beging er als Oberfeldwebel Fahnenflucht und geriet mehr und mehr auf die schiefe Bahn. Er ersuchte in der DDR um Asyl, merkte aber schnell, dass der sozialistische Arbeiter- und Bauernstaat nicht seine Welt ist. Huber beging Grenzverletzung und Republikflucht und musste dafür zweimal ins Gefängnis.

„Nur Scheiße gebaut“

Letztlich durfte er doch wieder ausreisen in die Bundesrepublik. „Aber auch da habe ich wieder nur Scheiße gebaut“, sagt er. Wegen einer Bombendrohung habe er zwei Jahre auf Bewährung bekommen, wegen Körperverletzung sei er zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Mehr schlecht als recht schlug sich Huber durchs Leben, oft mit Gelegenheitsjobs, zum Beispiel als Möbelschlepper oder als Schlachthofmitarbeiter. Vier Jahre arbeitete er beim Werkschutz im Daimler-Werk Untertürkheim.

Heute lebt Hans Huber zurückgezogen in einer kleinen Mietwohnung im Lichtenwalder Ortsteil Hegenlohe. Seine Partnerin, mit der er 30 Jahre lang zusammen war, ist vor zwei Jahren gestorben. Der 74-Jährige ist ein Sozialfall. Er lebt von Grundsicherung. 700 Euro stehen ihm im Monat zur Verfügung. „Das Geld reicht mir“, sagt Huber. Seit seine Partnerin nicht mehr da ist, kauft ein Nachbar für ihn ein. Und gelegentlich schaut die Pfarrerin vorbei. Huber erwartet nicht mehr viel vom Leben. Seit man ihm, dem Kettenraucher, wegen Durchblutungsstörungen den linken Vorderfuß amputiert hat, ist er an den Rollstuhl gebunden. Aber der Kopf macht noch gut mit. Und der sagt ihm, dass viele Heimkinder in den 50er- und 60er-Jahren übelsten Misshandlungen ausgesetzt waren. Über seine eigene Situation klagt er mit keinem Wort. Aber er ist davon überzeugt, dass es richtig ist, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

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