Der Handel mit verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln blüht. Zollfahnder haben jetzt mehrere Asylunterkünfte in Region und Land durchsucht. Die Tatverdächtigen sollen die Stuttgarter Szene mit Zehntausenden Tabletten versorgt haben.
Wer unter Schmerzen, Epilepsie oder Angststörungen leidet, bekommt nicht selten vom Arzt oder der Ärztin den Wirkstoff Pregabalin verschrieben. Die Tabletten erfreuen sich aber auch beim Thema Medikamentenmissbrauch großer Beliebtheit. Offenbar gibt es gerade in Stuttgart eine wachsende Szene an Konsumenten, die sich das verschreibungspflichtige Medikament auf dem Schwarzmarkt besorgen, etwa im Schlossgarten. Beliefert worden sind sie zuletzt wohl von einer Gruppe, die im ganzen Land bandenähnliche Strukturen aufgebaut haben soll. Bis zu diesem Mittwoch.
Da schlugen in den frühen Morgenstunden die Zollfahnder zu – und zwar in Flüchtlingsheimen. Gemeinsam mit der Polizei durchsuchten sie Asylunterkünfte in Deizisau und Leinfelden-Echterdingen (Landkreis Esslingen), Mannheim und Schwäbisch Hall. Sie vollstreckten fünf Haftbefehle und nahmen drei weitere Personen vorläufig fest, die später wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. Zwei der Festnahmen erfolgten am Stuttgarter Hauptbahnhof, alle anderen Personen wurden in ihren Unterkünften verhaftet.
Bei den Durchsuchungen wurden die Ermittler fündig. Neben schriftlichen und elektronischen Beweismitteln sicherten sie 4350 Tabletten Pregabalin, über 400 Gramm Ecstasy-Tabletten, 400 Amphetamin-Tabletten und rund 3000 Euro Bargeld. Das soll aber nur die Spitze des Eisbergs sein. Die Fahnder gehen davon aus, dass die Gruppe Zehntausende Tabletten, dazu auch Kokain und Cannabis, illegal aus dem Ausland nach Baden-Württemberg geschafft hat.
Hintergrund sind Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Stuttgart und des Zollfahndungsamts Stuttgart. Sie haben eine Gruppe von acht Männern im Alter zwischen 21 und 26 Jahren im Visier. Alle Tatverdächtigen stammen aus der Region Palästina und sind in verschiedenen Asylunterkünften untergebracht. Sie werden verdächtigt, bandenmäßigen Handel mit dem Schmerzmittel Pregabalin sowie den anderen Substanzen getrieben zu haben. Die Ware sollen sie in Flüchtlingsunterkünften deponiert und von dort aus überwiegend in Stuttgart an Endabnehmer verkauft haben.
Fund im Fernbus aus Belgien
Auf die Spur der mutmaßlichen Bande sind die Ermittler bei einer Routinekontrolle gekommen. Im Februar war ein 26 Jahre alter Mann überprüft worden, der mit dem Fernbus aus Belgien eingereist war. In seinem Reisegepäck fanden Zöllner rund 30 000 Tabletten mit dem Wirkstoff Pregabalin. Der 26-Jährige ist inzwischen wegen eines besonders schweren Falls des Handeltreibens mit Arzneimitteln zu einer zu Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt worden.
„Durch die umfangreichen Ermittlungen des Zollfahndungsamts Stuttgart ist es gelungen, die mutmaßliche Tätergruppierung zu zerschlagen und ihren illegalen Handel mit Pregabalin und Betäubungsmitteln zu beenden. Uns liegen Hinweise vor, wonach die Tatverdächtigen wesentlich für die Versorgung des illegalen Marktes mit dem brisanten Schmerzmittel im Stadtgebiet von Stuttgart verantwortlich waren“, sagt Daniel Schnitzer, der Sprecher des Zollfahndungsamts Stuttgart. Dass die Verdächtigen allesamt aus den Palästinensergebieten stammen, sei nach ersten Erkenntnissen eher Zufall und nicht speziellen Verbindungen der Drogenkette in diese Region geschuldet.
Wert von 100 000 Euro
Die Ermittlungen dauern weiter an. Möglicherweise folgen noch weitere Erkenntnisse. Den Straßenverkaufspreis für die insgesamt rund 34 350 sichergestellten Tabletten schätzen die Fahnder auf rund 100 000 Euro.
Laut Schnitzer ist es die erste größere Sicherstellung von Pregabalin im Bereich der Stuttgarter Zollfahnder. Vergleichbare Fälle in dieser Dimension seien auch in Deutschland bisher nicht bekannt. Vor unkontrolliertem Konsum des Medikaments warnen die Ermittler ausdrücklich. Es gebe ein Risiko für eine Arzneimittelabhängigkeit. Zudem werde suizidales Verhalten für Pregabalin beschrieben. Berichten der britischen Statistikbehörde zufolge solle in Großbritannien „eine große Anzahl von Todesfällen in Zusammenhang mit dem Konsum dieses Wirkstoffes stehen“.