Der Schwabe Axel Kromer ist seit 2017 Vorstand Sport des Deutschen Handballbundes. Foto: /Noah Wedel

Der gebürtige Ludwigsburger Axel Kromer arbeitet seit 2017 als Vorstand Sport beim Deutschen Handballbund. Vor der Heim-EM spricht er über die Chancen der Nationalmannschaft und der gesamten Sportart sowie das große Ziel Olympiateilnahme.

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft startet an diesem Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF und Dyn) in Düsseldorf gegen die Schweiz in die Heim-EM. Axel Kromer, der Vorstand Sport des Deutschen Handballbundes (DHB), schätzt die Lage ein.

Herr Kromer, Sie werden am Mittwoch 47. Wird der 10. Januar 2024 der aufregendste Geburtstag Ihres Lebens?

(Lacht) Das könnte in der Tat der Fall sein. Bei der Heim-WM 2019 fiel das Eröffnungsspiel auch auf meinen Geburtstag. Doch dieses Event der Superlative mit über 53  000 Zuschauern ist natürlich etwas ganz Besonderes. Da rückt mein Geburtstag noch mehr in den Hintergrund als ohnehin schon. Seit ich 37 bin, bin ich an dem Tag nicht mehr zu Hause.

Im Eröffnungsspiel 2019 gab’s ein lockeres 30:19 gegen Südkorea. Diesmal dürfte es deutlich schwieriger werden.

Die Schweiz hat auf ihrem Briefkopf noch keine drei Sterne stehen und ist für die Breite der Sportfans deshalb vielleicht nicht der allergrößte Handballname, aber auf uns wartet eine Riesenaufgabe. Wer die Bundesliga verfolgt, weiß, dass einige Schweizer Spieler tragende Rollen bei ihren Clubs innehaben. Und über den Schweizer Spielmacher Andy Schmid müssen wir ohnehin nicht reden.

Eine Niederlage könnte fatale Folgen haben.

Wir kennen den Modus und wissen, dass nur zwei von vier Teams weiterkommen. Deshalb ist das Spiel gegen die Schweiz ein ganz, ganz wichtiges, keine Frage. Wir beschäftigten uns aber vielmehr mit den grandiosen Folgen, die ein Sieg vor einer Weltrekord-Kulisse in der Arena und vielleicht fünf Millionen Menschen an den TV-Geräten haben kann. Diese Euphorie wollen wir mit nach Berlin nehmen, in die Spiele gegen Nordmazedonien und Frankreich.

Nach dem Ausfall von Patrick Groetzki ist das junge Team noch unerfahrener. Kann es an dem Druck zerbrechen?

Derzeit höre ich das Wort Druck nirgends in Verbindung mit negativen Gefühlen. Natürlich weiß ich, dass im Sport das Mentale eine sehr große Rolle spielt. Aber oft machen sich junge Spieler auch weniger einen Kopf. Juri Knorr hat bei der WM 2023 in Polen ein Megaturnier gespielt, unsere U-21-Nationalspieler haben bei der Heim-WM Spitzenleistungen abgerufen, als der Fokus auf sie größer hätte nicht sein können. Aber klar, letztendlich kann man erst im Nachgang sagen, ob der Druck beflügelt oder gelähmt hat.

„Auch wir haben Weltklassespieler“

Sie waren 2016 Co-Trainer unter Dagur Sigurdsson, als ein Team ohne ganz große Namen den EM-Titel holte. Sehen Sie Parallelen?

Ich sehe uns nicht als Team der Namenlosen. Wir haben mit Andreas Wolff, Johannes Golla und Juri Knorr eine Achse, die in jeder Nationalmannschaft der Welt ihren Platz hätte. Jeder Einzelne würde eine tragende Rolle spielen. Und ich weiß gar nicht, ob wir anstelle von Julian Köster im linken Rückraum zwangsläufig Nikola Karabatic bringen wollten. Wir müssen uns als DHB nicht kleinmachen. Auch wir schaffen es, Topleute auszubilden. Auch wir haben Weltklassespieler.

Die in Interviews sagen, was sie denken?

Unsere Spieler präsentieren sich offen, authentisch und schlau. Das machen sie super, ohne dass sie da stundenlang von uns gebrieft werden. Aber es ist schwierig in Deutschland, Stars zuzulassen. Wenn jemand meinungsstarke, prägende Statements abgibt, dann kann das ruck, zuck als Retourkutsche zurückkommen. Vor allem dann, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt, mit dem immer noch alles steht und fällt.

Was sind Ihre Haupterkenntnisse aus den Testspielsiegen gegen Portugal?

Dass wir in verschiedenen Abwehrkonstellationen erfolgreich sein können, sowohl was die personelle Besetzung betrifft, als auch was das System angeht.

Wie realistisch ist eine Medaille?

Ich finde es schön, dass wir nicht von oben etwas vorgeben, sondern dass von der Mannschaft selbst Aussagen kommen wie: „Wir wollen ins Halbfinale einziehen.“ Oder: „Wir wollen ganz oben landen.“ Für mich ist realistisch, dass wir in jedem Spiel und gegen jeden Gegner als Sieger vom Feld gehen können.

Schon mit Platz drei könnten Sie sich direkt für die Olympischen Spiele in Paris qualifizieren?

Dafür müssten die bereits qualifizierten Weltmeister Dänemark und Gastgeber Frankreich im EM-Finale stehen.

Paris 2024 als klares Ziel

Ist die Olympiateilnahme aus Ihrer Sicht Pflicht?

Das ist unser klares Ziel, da will ich gar nicht drum herumreden. Das Ticket für ein Qualifikationsturnier haben wir unabhängig vom EM-Abschneiden als WM-Fünfter bereits sicher. Wir würden uns auch als Ausrichter eines solchen Turniers bewerben. Für den deutschen Handball wäre es grandios, wenn wir erstmals seit 2008 mit einem Frauen- und einem Männerteam in Paris am Ball wären.

Die Fußball-Nationalmannschaft enttäuschte zuletzt immer wieder. Die Basketballer begeisterten mit ihrem WM-Titel die Menschen, obwohl fast nichts im Free-TV zu sehen war. Sie spielen jetzt in ausverkauften Arenen eine Heim-EM, alle Spiele werden live in ARD und ZDF übertragen. Ist das nicht eine riesige Chance für den Handball?

Weil es eine riesige Chance ist, haben wir uns ja um die dauerhafte Partnerschaft mit den Öffentlich-Rechtlichen und um die Ausrichtung bemüht. Wir stellen fest, dass solche Heimturniere medial noch stärker verbreitet werden. Dazu kenne ich auch im Schwabenland viele Vereine, die mit Bussen zu den Spielen fahren oder Public-Viewing-Events daraus machen. Wir wollen, dass der Handball gesellschaftlich noch wichtiger wird, wir wollen der Politik zeigen, dass der Handball förderwürdig ist. Unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg anderer Sportarten.

Um den Erfolg des Handballs voranzutreiben, hat Bob Hanning vorgeschlagen, aus dem VfL Potsdam im Fall des Bundesliga-Aufstiegs ein „Team Deutschland“ zu machen, in dem U-21-Nationalspieler eine Plattform bekommen. Was halten Sie davon?

Das ist netter Versuch von Ihnen, aber wir haben vereinbart, das Thema erst nach der EM zu diskutieren. Nur so viel: Da ich mit Bob gefühlt jede Woche ein Telefonat führe, kannte ich seine Gedanken bereits.

Was sind Ihre Gedanken in Sachen Bundestrainer? Sein Vertrag läuft bis nach den Olympischen Spielen.

Es wäre derzeit nicht gewinnbringend, uns damit zu beschäftigen oder irgendwelche Statements loszulassen. Alfred arbeitet wie jeder bei uns im DHB für eine erfolgreiche EM – aktuell haben er und wir nichts anderes im Kopf.

Wer wird Europameister?

Wenn ich jetzt eine andere Nation nenne als unsere, dann heißt es, der Kromer schenkt den Titel ab (lacht). Favorit ist Dänemark, das kann ich sagen. Aber die Favoriten müssen sich vorher auch noch neunmal beweisen, bevor sie Europameister werden.

Zur Person

Karriere
Axel Kromer wurde am 10. Januar 1977 in Ludwigsburg geboren. Er spielte als Kreisläufer unter anderem beim TV Kornwestheim und VfL Pfullingen, mit dem er 2002 in die Bundesliga aufstieg. 2001 begann er seine Trainerlaufbahn beim Handballverband Württemberg (HVW) im Nachwuchsbereich, 2012 folgte der Wechsel zum Deutschen Handballbund (DHB). Dort wurde er 2014 Assistent von Bundestrainer Dagur Sigurdsson bei der A-Nationalmannschaft und holte 2016 den EM-Titel. Seit 2017 ist er Vorstand Sport des Deutschen Handballbundes.

Persönliches
Kromer hat zwei Söhne, Janis (16) und Julian (14). Er lebt in Mössingen. (jüf)