Die Hagelflieger sind an den Generatoren an den Tragflächen beziehungsweise am Rumpf zu erkennen. Foto: Phillip Weingand

In der Region Stuttgart ist man mit den Ergebnissen der Hagelabwehr per Flugzeug zufrieden. Doch die finanziell angespannte Situation der Weinbaubetriebe, die den Betrieb zum großen Teil ermöglichen, bleibt nicht ohne Folgen.

Der Blick von Malte Neuper geht nach oben. Dort, Richtung Stuttgart, sammeln sich einige Wolken am strahlend blauen Himmel. „Ganz normale Schönwetterwolken, absolut keine Hagelgefahr“, erklärt Neuper. Er muss es wissen, er arbeitet als Meteorologe beim Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Firma Radar-Info. Als solcher leitet er die Einsätze von Hagelfliegern. Diese steigen auf, sobald sich ein Gewitter formiert, und versprühen unterhalb der Wolken über Rauchgeneratoren Silberjodid. In den Wolken sollen sich als Folge aufsteigend warmer Luft nicht große Hagelkörner bilden. Sie sollen stattdessen zu Regentropfen oder Graupelkörnern kondensieren, die möglicherweise auf dem Weg nach unten schon schmelzen, statt dort großen Schaden anzurichten.

Weinbauverbände sind treibende Kraft – zumindest bislang

Hagelflieger-Pilot Frank Kasparek Foto: Weingand

Über Stuttgart, dem Rems-Murr-Kreis, dem Kreis Ludwigsburg sowie Teilen der Kreise Heilbronn, Böblingen und Esslingen sind dafür zwei Flieger der Hagelabwehr Region Stuttgart unterwegs, die von den Firmen FK Aviation und Jumara Air Service betrieben werden. Außerdem fliegen über ganz Württemberg zwei weitere Flugzeuge der Württembergischen Gemeinde-Versicherung (WGV). Im Badischen gibt es etliche weitere Akteure.

Maßgeblich verantwortlich für die Finanzierung von Hagelfliegern sind – neben Landkreisen, Städten, Versicherungen und Gemeinden – schon seit jeher Weinbaugenossenschaften und Winzer. „Diese tragen einen Großteil der Kosten, doch ihre finanzielle Situation ist schwierig“, sagt Gerd Holzwarth, der Forst- und Landwirtschaftsdezernent im Landratsamt des Rems-Murr-Kreises. Weil derzeit viele Rebflächen reduziert oder ganz aufgegeben werden, fallen Beiträge weg. Der Kreistag habe zwar schon signalisiert, bei einer Deckungslücke einzuspringen. „Wir würden uns aber freuen, wenn weitere Versicherungen dem Beispiel der WGV folgen würden.“ Auch eine EU-Förderung oder weitere Firmen und Verbände als Partner wären möglich.

Bislang ist die WGV die einzige Versicherung in Baden-Württemberg, die sich an der Finanzierung der Hagelflieger beteiligt. Und das, obwohl die potenziellen Nutznießer am Boden natürlich nicht alle dort versichert sind. Das Zögern von anderen Versicherungen mag auch daran liegen, dass es durchaus Kritik an dem Verfahren gibt. Der Professor Michael Kunz, ebenfalls beim KIT, sagte im vergangenen Jahr der Südwest-Presse, es gebe keinen endgültigen Beweis für die Wirksamkeit der Hagelflieger. Der bekannte Meteorologe Jörg Kachelmann bezeichnete die Hagelabwehr per Flugzeug schlicht als „völligen Schwachsinn“. Bedenken gibt es auch angesichts des verwendeten Stoffes: Silberjodid ist ein umweltgefährdender Stoff. Das Umweltbundesamt hat dessen Konzentration, die durch die Hagelflieger entsteht, jedoch als unproblematisch eingestuft.

Die Hagelflieger sind kein Beweis für „Chemtrails“

Der Fakt, dass Flugzeuge am Himmel Stoffe versprühen, ruft auch Verschwörungstheoretiker auf den Plan. „Chemtrail“-Gläubige sehen die Hagelflieger als Beweis dafür, dass Kondensstreifen am Himmel in Wahrheit von Flugzeugen ausgebrachte giftige Chemikalien seien. Der Hagelflieger-Pilot Markus Duwe vom Jumara Air Service sagt jedoch: „Ich habe nie einen Kondenssteifen hinter einem Hagelflieger gesehen.“ Auch als Verkehrsjetpilot habe er nie erlebt, dass Chemikalien dem Treibstoff zum Versprühen beigemischt würden.

In der Region sind die Verantwortlichen überzeugt von den Hagelfliegern. „Seit ihrer Etablierung vor 40 Jahren haben wir deutlich weniger Hagelschäden“, sagt Michael Stuber, der Leiter des Landwirtschaftsamts im Rems-Murr-Kreis. Dadurch könnten Ernteausfälle, aber auch Reparaturkosten für Fahrzeug- und Hauseigentümer, und ebenso Versicherungsansprüche reduziert werden. Auch in den Augen der WGV rechnet sich der Einsatz der Flugzeuge. Frank Folkert leitet die Abteilung Schadenmanagement und stellt die jährlichen Kosten von 400 000 bis 450 000 Euro in Relation zur Höhe eines durchschnittlichen Hagelschadens von 3000 Euro. „Das bedeutet, dass wir nur 150 Schäden verhindern müssen, um die Kosten zu kompensieren.“

Einsätze der Hagelflieger sind öffentlich einsehbar

Ein Unwetter aus der Vogelperspektive Foto: Thomas Ortlieb

Im vergangenen Jahr waren die vier Flieger der Region und der WGV insgesamt 77 Mal unterwegs. In genauen Zahlen darstellen lasse sich der Erfolg allerdings nicht, räumt Malte Neuper ein. Am Himmel herrschten keine Laborbedingungen, die dafür nötig wären. Aber die Effekte seien durch die langjährige Erfahrung, durch Beobachtungen am Radar und durch komplexe Computersimulationen belegt.

Hagelabwehr Die WGV hat unter der Adresse hagelabwehr.de ein Infoportal zu dem Thema eingerichtet. Und unter www.rems-murr-kreis.de mit dem Suchbegriff „Hagelabwehr“ lässt sich zudem jeder einzelne Flug der Hagelflieger in der Region Stuttgart einsehen, inklusive der Einsatzorte, der Flughöhe und der erfolgten Jodidausbringung.