Die Schüler haben Freude an ihrer Rückkehr in die Klassenzimmer. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

In der ersten Woche nach der Schulöffnung werden Probleme im Präsenz- und Fernunterricht deutlich. Manche Grundschulen erteilen nur zehn Stunden in der Präsenz – andere bis zu 18.

Stuttgart - Lehrkräfte sind durch den seit Wochenbeginn laufenden Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht an Grundschulen sowie in den Abschlussjahrgängen der weiterführenden Schulen nach Ansicht von Lehrergewerkschaften und Schulbehörden extrem belastet. Denn neben dem Unterricht werden sie teilweise in die Notbetreuung eingebunden, auch gibt es laut Gewerkschaft GEW Probleme, wenn Lehrkräfte nach dem Präsenzunterricht nach Hause fahren, um von dort digitalen Fernunterricht zu erteilen. „Die Pausen reichen oft nicht, damit sie rechtzeitig zuhause sind“, so GEW-Sprecher Matthias Schneider, dadurch komme es zu Unterrichtsausfällen. Nicht in allen Schulen sei die Ausstattung für digitalen Fernunterricht zu jeder Zeit gegeben.

Ältere Lehrkräfte beantragten Impftermin – vergeblich

„Alle sind froh, sich wieder zu treffen und gleichzeitig verunsichert wegen der Ansteckungsgefahr durch Virusmutationen“, zieht die GEW-Landeschefin Monika Stein die Bilanz der ersten Woche. Sie habe Rückmeldungen aus Grundschulen, Sonderpädogigischen Bildungs- und Beratungszentren und Kitas, dass dort Personal fehle. „Seit Monaten ignorieren Grüne und CDU unsere Vorschläge zur Entlastung durch pädagogische Assistenzen und Lehramtsstudenten.“ Stein sagte, dass einige Lehrkräfte über 64 Jahre versucht hätten, einen Impftermin zu erhalten, sie seien aber abgewiesen worden. Der Bildungsverband VBE weist darauf hin, dass Anweisungen des Kultusministeriums, jeweils nur zwei Jahrgangsstufen in den Präsenzunterricht zu lassen, sich bei kleinen Grundschulen gar nicht eins zu eins umsetzen ließen.

Kleine Grundschulen auf dem Land habe ein Busproblem

Jörg Hofrichter, Leiter des Staatlichen Schulamtes in Göppingen, bestätigt das: „Wir haben auf dem Land zum Teil sehr kleine, einzügige Grundschulen mit gemischten Jahrgangsstufen und insgesamt 40 bis 50 Schülern. Eine in unserem Kreis hat sogar nur 19“, so Hofrichter. An einigen Standorten kämen daher alle vier Jahrgangsstufen, allerdings werde in halbierter Klassenstärke unterrichtet Auch sei es nicht möglich, täglich den Präsenzunterricht frühmorgens und mittags zu wechseln. „Wir haben da ein Busproblem. Wir können die Kinder nicht ständig hin und herfahren.“ Einige Schulen nutzten leer stehende Gemeindebüchereien für Unterricht. Die Zahl der Unterrichtsstunden in der Präsenz sei unterschiedlich, einige unterrichten bis zu 18 Stunden in der Schule, andere die Mindestzeit von zehn.

Die Stimmung sei „gut“, heißt es im Mörike-Gymnasium

Hofrichter berichtete von einem „momentan deutlichen Mehraufwand“ für Lehrer: Sie müssten Präsenzunterricht erteilen, in der Notbetreuung von der zweiten bis fünften Stunde mitarbeiten und Fernunterricht vorbereiten. „Beispielsweise stellt eine unserer Schulen da liebevoll kleine Taschen mit den Aufgaben zusammen“, so Hofrichter. Auch die Rückkopplung und die Korrektur des Fernunterrichts müsse geleistet werden. Alles in allem hätten Schulen „tolle Modelle“ entwickelt. Es gebe Realschulen, die die Klassen dreigeteilt hätten, um in Präsenz AES (Alltagskultur, Ernährung, Soziales) oder Fremdsprachen zu unterrichten.

„Die Stimmung ist gut, die Schüler und Schülerinnen sind froh, wieder in der Schule zu sein und die direkte Ansprache mit Lehrkräften und Mitschülern zu haben“, sagt Gerda Eller, Rektorin am Mörike-Gymnasium in Esslingen. Die Maskenpflicht werde diszipliniert beachtet, fast alle Leistungskurse fänden in Präsenz statt. Wie andere Gymnasien nutzt das „Mörike“ große und freie Räume von unteren Klassen, um dort Kursgruppen – deren Teilnehmerzahl reicht von elf bis 24 – mit Abstand zu unterrichten. Beim Wechselunterricht werde darauf geachtet, dass die „Reisezeiten“ für Schüler nicht ausufern. So hätten Abiturienten und Kursstufe je eine Woche am Vormittag Präsenz- und am Nachmittag Fernunterricht.

Es entsteht eine Neiddebatte bei den Eltern

Gerhard Brand, Landeschef des VBE, sagt, dass Unterschiede bei der Unterrichtszeit in Präsenz – zehn bis 18 Stunden an Grundschulen – eine „Neiddebatte“ schürten. „Manche Eltern beschweren sich, dass ihr Kind nur zehn Stunden erhält, an der Nachbarschule aber 18.“ Für Lehrkräfte sei digitaler Fernunterricht „anstrengender“. Nach den Erfahrungen der ersten Woche plädiert Brand für täglichen Wechsel: „Montag Präsenzunterricht, Dienstag werden zu Hause die am Montag mitgegebenen Aufgaben erledigt, Mittwoch ist wieder Präsenz.“ Das sei bei Grundschulen das beste Modell, es komme ohne Videokonferenzen aus.