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Grundschüler in Baden-Württemberg sollen keine langen Wege haben. Daher will das Kultusministerium kleine Schulen mit wenigen Schülern stärken.

Lenningen (dpa/lsw)An der Tür hängt ein Schild aus vergangenen Zeiten, «Klasse 4» steht darauf. «Das gilt nicht mehr», erklärt Rektorin Resi Wörz. Denn die kleine Grundschule Schopfloch in der Gemeinde Lenningen (Landkreis Esslingen) besuchen gerade einmal 16 Schüler - was bedeutet, dass alle Kinder, von Klasse 1 bis zu Klasse 4, gemeinsam unterrichtet werden. Wörz hält zusammen mit einer anderen Lehrerin den Unterricht.

In den Hauptfächern arbeiten die Kinder am selben Thema. «In Sachkunde schlagen wir dann das Buch auf. Jeder, der lesen kann, liest vor. Die Kleinen hören zu», sagt die 61 Jahre alte Schulleiterin. Auch die Aufgaben sind angepasst: «Wie heißen die Monate, in denen die Sommerferien sind?» Während die Älteren sich darauf konzentrieren, die Fragen auf dem Arbeitsblatt richtig zu beantworten, setzen die Jüngeren das Bilderrätsel mit einem badenden Frosch zusammen und malen es aus.

An jeden Schüler verteilt Wörz einen Wochenplan. Darauf steht, wann welche Seite in einem Buch bearbeitet oder ein Aufsatz geschrieben werden soll. «Ich muss Klasse 1 vorbereiten, Klasse 2, 3 und 4 und dann zum Teil noch den Unterricht für Sprachanfänger, die kein Deutsch können.» Der Aufwand ebenso wie die Verantwortung sei groß. Die Rektorin erhält - wie andere Leiter baden-württembergischer Grundschulen mit 80 Schülern oder weniger - eine Besoldung nach A12 sowie eine Zulage von knapp 175 Euro. Das bedeutet, der Rektor einer kleineren Schule verdient kaum mehr als die Lehrer seines Kollegiums.

Grundschulleiterstellen «sind extrem unattraktiv», sagt die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz. 217 Schulleiterstellen sind nach Angaben des Kultusministeriums aktuell nicht besetzt, davon 146 an Grundschulen, die rund die Hälfte aller Schulen in Baden-Württemberg ausmachen. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) plant, die Besoldung auf A13 anzuheben, sobald an der Schule mehr als 40 Kinder lernen. Grundschulen seien «ein wichtiger Standortfaktor für die Familien vor Ort», erklärt sie dazu. Auch den Wunsch der CDU-Landtagsfraktion, ausnahmslos alle Rektoren nach A13 zu besolden, würde sie mittragen.

Innerhalb der Regierungskoalition herrscht bei dem Thema Uneinigkeit. «Eine bessere Bezahlung, die wir unterstützen, löst das Problem erst mal nicht, weil die Schulleiterstellen von größeren Standorten immer noch attraktiver bleiben», sagte eine Sprecherin der Grünen-Fraktion.

Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, gibt zu bedenken, dass an kleinen Grundschulen die Qualität leiden kann: Es gebe dort nicht mehr ausgebildete Lehrer für alle Fächer. «Da werden Sie nicht unbedingt einen Musiklehrer, eine ausgebildete Sportlehrerin haben.»

Im Südwesten gibt es aktuell 104 Grundschulen mit weniger als 40 Schülern. Für den Fortbestand gibt es keine Mindestschülerzahl oder andere Kriterien. Eine Grundschule kann nur geschlossen werden, wenn deren Träger das beantragt. Wie viele kleine Grundschulen in den vergangenen Jahren geschlossen wurden, darüber gibt es beim Ministerium keine Zahlen.

Nicht nur an Leitern für Grundschulen mangelt es, sondern auch an Lehrern. Auf die Stelle in Schopfloch hatten sich vergangenes Jahr zwar sieben beworben - allerdings waren darunter sechs ausgebildete Gymnasiallehrer, wie Rektorin Wörz erzählt: «Die hätten Probleme bekommen. 1er bis 4er gleichzeitig zu unterrichten, wenn man Latein oder Physik studiert hat, wie soll das gehen?» Schließlich kam Grundschulpädagogin Theresa Breier. «Ich wollte an eine Zwergenschule. Ich kann den Unterricht frei gestalten», sagt die 31-Jährige. «Und bei den Schülern gibt es Heterogenität, was man eigentlich immer fördern will. Sie können sich helfen und voneinander lernen.»

Braier hat gerade einen Schüler im Flur getröstet, während Schulleiterin Wörz im Klassenzimmer mit den anderen Lieder fürs anstehende Schulfest einstudiert. Sollte eine der beiden Lehrkräfte krank werden, gerät das eingespielte System ins Wanken - zumal einige Fächer getrennt unterrichtet werden. «Dann steht fest, die andere muss voll einspringen. Du überlegst dir also ganz genau: Bist du wirklich krank oder geht’s doch irgendwie?», sagt Wörz. In zwei Jahren wird sie in den Ruhestand gehen. Ob sich dann ein Nachfolger findet? «Das kann ich nicht beantworten.»

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