Künftig sollen an der Reisachschule Erstklässler nur noch mit Erstklässlern in einer Klasse lernen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Nach fast 20 Jahren stellt die Reisachschule in Stuttgart-Weilimdorf ihr Konzept für die Eingangsstufe um: Vom nächsten Schuljahr an sollen Erst- und Zweitklässler nicht mehr gemeinsam in einer Klasse unterrichtet werden. Aus triftigen Gründen.

Stuttgart - Auf ihrer Homepage informiert die Reisachschule in Stuttgart-Weilimdorf immer noch über die Vorteile des gemeinsamen Lernens von Erst- und Zweitklässlern. Ein Konzept, das die damalige Kultusministerin Annette Schavan vor rund 20 Jahren als Modellprojekt eingeführt hatte, um die damals hohen Rückstellungsquoten bei der Einschulung zu senken – und somit auch das Durchschnittsalter der Abc-Schützen. Motto: „Schulanfang auf neuen Wegen.“ Seit 2002 praktizierte das auch die Reisachschule. Doch zum nächsten Schuljahr kehrt sie zum klassischen Modell der jahrgangshomogenen Klassen zurück. „Die jährlichen Veränderungen in der Zusammensetzung des Klassenverbands werden mittlerweile als immer schwieriger empfunden“, teilte die Schulleiterin Sabine Andreae den Eltern als Begründung für den Schritt mit.

Entscheidung „völlig unabhängig von Corona“

„Das war völlig unabhängig von Corona“, versichert die Rektorin unserer Zeitung. Schule sei ein dynamischer Prozess – „wir evaluieren die Konzepte seit Jahren“. Und bereits vor der Coronapandemie „ist uns deutlich geworden, dass die Kinder ein verlässliches soziales Gefüge brauchen“. Dieses finde sich bei vielen offenbar nicht mehr so stark wie in früheren Zeiten außerhalb der Schule. „Die Familienstrukturen haben sich verändert“, sagt Andreae. Es gebe inzwischen viele Alleinerziehende, viele Kinder seien im Schülerhaus, mehr Mütter gingen arbeiten. Da passt offenbar das Konzept der Jahrgangsmischung nicht mehr zum Bedürfnis der Schüler. Denn: „Bei der Jahrgangsmischung wechselt die Klassenzusammensetzung nach jedem Jahr“, erläutert die Rektorin. Erst von der dritten Klasse an erlebten die Kinder eine homogene Gruppe.

Vorteile für Erst- und Zweitklässler

Als Vorteile, die bisher bei der Jahrgangsmischung ins Gewicht fielen, listet die Reisachschule sowohl welche für die Kleinen als auch für die Großen auf: „Die Erstklässler lernen durch Beobachten, Zuschauen, Nachmachen, Mitmachen. Sie leben sich schnell ein. Die Zweitklässler lernen durch Erklären und Wiederholen. Sie lernen durch Übernahme von Patenschaften für die Erstklässler soziale Verantwortung und fungieren als Vorbilder.“ In der Abwägung sei jetzt allerdings das soziale Gefüge der Klasse und somit eine homogene Klassengemeinschaft stärker ins Gewicht gefallen, so Andreae. Auch die Gesamtlehrerkonferenz und die Schulkonferenz hätten der Veränderung zugestimmt.

Freie Arbeitsformen und Patenschaften sollen bleiben

Aber, so die Rektorin: „Die Vorteile der Jahrgangsmischung wollen wir beibehalten.“ Als Beispiele nennt sie freie Arbeitsformen und individuelles Lernen. Außerdem Patenschaften zwischen Großen und Kleinen, aber eben nicht mehr im Regelunterricht. Diese würden jeweils zugewiesen. Auch jahrgangsübergreifende Projekte solle es weiterhin geben.

Im Staatlichen Schulamt kann man die Entscheidung der Reisachschule nachvollziehen: „Viele Kinder brauchen heute eine stabilere Umgebung“, sagt Schulrätin Claudia Scherer. Und die Kleinen brächten nicht nur kognitiv unterschiedliche Voraussetzungen mit, sondern auch im sozial-emotionalen Bereich. Etwa, wenn es darum gehe, Aufträge anzunehmen und auszuführen, Ausdauer zu beweisen, sich selber zurückzunehmen oder gemeinsam mit anderen Kindern Aufgaben zu erfüllen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. All das sei in einer homogenen Klasse einfacher.

Denn auch im Schulamt sei angekommen, dass die Eingangsklassen vielfältiger werden. Im Übrigen gehörten offene Unterrichtsformen, die man bei einer Jahrgangsmischung zwingend brauche, inzwischen zur Standardmethodik – „dafür braucht es keine Jahrgangsmischung mehr“.

Schulamt: Gesamtkonzept der Jahrgangsmischung trägt immer noch

Gleichwohl stehe das Schulamt auch weiterhin zum Gesamtkonzept der Jahrgangsmischung – „das trägt immer noch“, meint Scherer. „Kinder finden es toll, wenn sie einen größeren Partner haben. Das ist etwas ganz anderes als Lehrkräfte“, so die Schulrätin. Wenn die Kleinen von den Großen sähen, wie diese schon lesen können, dann sporne das viel mehr an. Aber letztlich sei das Konzept eine Entscheidung des Kollegiums und der Elternschaft. Da spiele auch die Struktur im Stadtteil eine Rolle, und die sei ja sehr unterschiedlich. Die Grundschule Uhlbach, die Wilhelmschule Untertürkheim und die Maria-Montessori-Schule in Giebel arbeiten ebenfalls mit der Jahrgangsmischung. Und da sei ihr, so Scherer, „keine Entwicklung zur Veränderung bekannt“.

Im Abschlussbericht des Kultusministeriums zum Modellprojekt „Schulanfang auf neuen Wegen“ vom Mai 2006 wird dieses „im Spektrum der in der letzten Dekade eingeleiteten länderspezifischen Reformmaßnahmen als der elaborierteste und als pädagogisch höchst anspruchsvoller Reformversuch“ bewertet. Und es wird darin hervorgehoben: „Die Befürchtungen, dass die Jahrgangsmischung in der Schuleingangsstufe die Lehrerinnen und Lehrer überfordere und damit sich ungünstig auf die Schullaufbahn der Grundschülerinnen und -schüler auswirke, konnten nicht bestätigt werden“.