Die Esslinger Fahrradstraße Hindenburgstraße war in den vergangenen Jahren ein Schwerpunkt bei Fahrradunfällen. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Radunfälle. Gründe dafür sind nicht nur mehr Radfahrer und mehr Pedelecs, sondern laut ADFC auch die mangelnde Infrastruktur.

EsslingenFahrradfahren liegt im Trend. Immer mehr Menschen steigen vom Auto aufs Rad um oder nutzen in ihrer Freizeit verstärkt den Drahtesel. Doch was für Umwelt und Gesundheit positiv ist, hat auch eine Kehrseite: Die Zahl der Radunfälle steigt. Im vergangenen Jahr gab es im Gebiet des Polizeipräsidiums Reutlingen, zu dem auch der Kreis Esslingen gehört, über zehn Prozent mehr Radunfälle als noch 2017 – und die 1072 Unfälle im Jahr 2018 markieren einen Höchststand in den vergangenen Jahren. Laut dem Radverband ADFC liegt das jedoch nicht nur an der steigenden Zahl der Radler.

Auch im Kreis Esslingen verzeichnet man eine steigende Tendenz an Radunfällen in den vergangenen Jahren. Zählte die Polizei im Jahr 2014 noch 422 Fahrradunfälle, waren es im vergangenen Jahr schon 489. Für fünf Radfahrer endeten die Unfälle im Jahr 2018 tödlich. Auch bei den Pedelecs stieg die Zahl der Unfälle, nämlich von 25 im Jahr 2014 auf 67 in 2018.

Nach Angaben des Reutlinger Polizeipräsidiums verschulden die Radler in mehr als der Hälfte der registrierten Fälle die Unfälle selbst. Die häufigste Ursache für Fahrradunfälle sei die Missachtung der Vorfahrt – dazu gehört auch das Überfahren roter Ampeln – , gefolgt von zu hoher Geschwindigkeit, Alkoholeinfluss und Fehlern beim Einfahren in den fließenden Verkehr. Auch Verstöße gegen das Rechtsfahrgebot und das verbotswidrige Benutzen der Fahrbahn seien häufige Gründe für Radunfälle. Insgesamt stelle die Polizei immer wieder fest, dass Radler teilweise ein geringes Regelbewusstsein hätten, so Christian Wörner von der Pressestelle des Reutlinger Polizeipräsidiums.

Über zwölf Prozent Steigerung in Esslingen

In der Stadt Esslingen ist die Zahl der Fahrradunfälle ebenfalls gestiegen, und zwar von 63 (2017) auf 72 im vergangenen Jahr – eine Steigerung um 12,5 Prozent. Getötet wurde auf Esslinger Straßen im Jahr 2018 kein Radfahrer, doch es gab sieben Schwer- und 46 Leichtverletzte. Ein Radunfall-Schwerpunkt in den vergangenen Jahren war die Hindenburgstraße.

Doch was sind die Gründe für die steigende Zahl der Radunfälle und welche Konsequenzen sollten daraus gezogen werden? Dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Einigkeit herrscht darüber, dass ein wesentlicher Grund für die Zunahme der Unfälle die steigende Zahl der Radfahrer ist – und dass die Folgen mit dem Tragen eines Helms abgemildert werden könnten. Auch die zunehmende Zahl an Pedelecs sieht man allgemein als Herausforderung: Sowohl viele Nutzer selbst als auch Autofahrer unterschätzten die Geschwindigkeit der batterieunterstützten Räder – was zu Unfällen führen könne. Doch schon bei der Frage nach der Rolle der Infrastruktur gehen die Meinungen auseinander. So sagt etwa der Polizeisprecher Christian Wörner: „Ein fehlender Radweg und das Mitfahren der Radler im normalen Verkehr ist nicht zwangsläufig problematisch.“

Das sieht man beim Esslinger Kreisverband des ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) etwas anders. Der Vorsitzende Thomas Rumpf sagt: „Die Infrastruktur für Radfahrer ist nicht sicher gestaltet.“ Oft gebe es viel zu wenig Platz für Radler, vor allem an Einmündungen würden sie häufig übersehen. Von Radschutzstreifen, die etwa die Polizei als guten Schutzraum für Radler bezeichnet, hält man beim ADFC wenig. „Das sind einfache und günstige Lösungen, die aber eigentlich nicht helfen“, sagt Rumpf. Das sehe man in der Esslinger Kiesstraße: Statt für Radler freigehalten zu werden, würden die Streifen ständig von Autos befahren.

Schlechte Radinfrastruktur

Was die Rad-Infrastruktur betrifft, ist laut Rumpf ohnehin noch einiges im Argen in Esslingen und dem Kreis: Es fehlten durchgängige Radwege, genügend Platz für Radler sowie ein Winterdienst für Radwege. Auch linksseitige Radwege seien ein Problem: „Viele Autofahrer schauen nur nach links“, so Rumpf – weil sie nicht mit Radlern von rechts rechneten. Seiner Meinung nach müsste man andere Prioritäten bei der Aufteilung des Straßenraums setzen – auch wenn mehr Platz für Radler weniger Platz für Autos bedeute. Durchgängiges Tempo 30 innerorts würde zudem zumindest die Unfallschwere abmildern.

Gerhard Gorzellik, Leiter des Esslinger Ordnungsamts, sagt: „Jeder Anstieg von Unfällen wird von uns als Verkehrsbehörde kritisch betrachtet.“ Nach Auswertung der Daten und Fakten beschäftige sich die städtische Unfallverkehrskommission mit möglichen Konsequenzen. Ähnlich geht der Landkreis vor. Für mehr Sicherheit raten Stadt und Kreis den Radlern aber auch, einen Helm zu tragen und Verkehrsregeln zu beachten.

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