Eingang zur Bundesgartenschau 1961 in Stuttgart Foto: Sammlung Klapka

Stuttgart 21, die Oper und jetzt die Bundesgartenschau – in der Landeshauptstadt dauert alles ewig. Und dabei haben wir eigentlich keine Zeit mehr. Eine Glosse von Jan Sellner.

Die folgenden Zeilen sind einer in Stuttgart verwurzelten, uralten Kulturtechnik gewidmet: Es handelt sich um die Kunst des Wartens oder vielmehr des Wartenmüssens. Wie schon eine frühere Werbekampagne behauptete, können wir alles! Und besonders gut können wir warten – ob wir wollen oder nicht. Eigentlich wollen wir nicht! Und deshalb wollen wir auch auch gar nicht hören, dass Stuttgart sich jetzt dazu durchgerungen hat, sich mit Esslingen, Ludwigsburg und dem Verband Region Stuttgart um die Bundesgartenschau 2043 zu bewerben – was nichts anderes heißt, als von heute an 18 Jahre lang zu warten! Bis dahin sind die jetzt Neugeborenen volljährig und die Älteren steinalt, weshalb es ehrlicher wäre, von der Bundeswarteschau 2043 zu reden.

Auf S 21 und die Oper warten wir schon jahrelang

Aber wir haben’s ja offenbar! Zeit im Überfluss! Nein, die haben wir nicht, um das in aller Deutlichkeit zu sagen! Der im Westen wenig bekannte, viel zu früh verstorbene Liedermacher Gerhard Gundermann aus Hoyerswerda sang in einem seiner Lieder: „Ich habe keine Zeit mehr . . .“ Eilig stimmen wir mit ein. Denn auch wir haben keine Zeit mehr und ehrlich gesagt auch keine Lust mehr, auf alles ewig zu warten – wie die Landstreicher Estragon und Wladimir in Samuel Becketts berühmtem Stück „Warten auf Godot“. Oder der „Mann vom Lande“ in der nicht weniger berühmten Franz-Kafka-Parabel „Vor dem Gesetz“, wo dieser bis ans Lebensende vergeblich darauf wartet, eingelassen zu werden.

Angeblich verbringt der Mensch 374 Tages seines Lebens mit Warten. Wobei dieser Wert relativ zu sehen ist. Schließlich warten wir in Stuttgart schon sehr viel länger, nämlich jahrelang, auf die einst für 2019 avisierte und nun für Ende 2026 versprochene Fertigstellung des Tiefbahnhofs.

Der blaue Teppich im Opernhaus ist in Auflösung begriffen

Und auf die Sanierung der Oper! Stuttgarts großes Sankt-Nimmerleins-Tag-Projekt. Hier kann man noch nicht mal von einer Unvollendeten sprechen, weil noch gar nicht damit begonnen worden ist. Sollte es irgendwann doch zu Auszug, Interim und Umbau kommen, dürften die heute handelnden Personen bei Wiederaufnahme des Spielbetriebs im sanierten Littmannbau betagte Pensionäre sein. Die 2040er Jahre stehen als wackelige Zahl im Raum – vielleicht eröffnet die Oper dann zeitgleich mit der Bundesgartenschau? Niemand weiß es.

So lange spielen die Staatstheater tapfer weiter – in der neuen Spielzeit unter dem Motto „Musik als Heimat“. Und genauso lange schreitet die Auflösung des ausgetretenen blauen Teppich im Opernhaus voran. Selbst auf neue Auslegware muss man hier Ewigkeiten warten! Was tun: Tee trinken? Ovid lesen? Bei ihm steht: „Warten gibt Stärke – es bringt die jungen Trauben zur Reife und wandelt, was nur sprossender Keim war, zu kraftvoller Saat.“

Müssen wir uns einfach in Geduld üben?

Schön gesagt, doch leider will bei uns so gar nichts wachsen. Keine Kreuzbühne, kein Teppich, keine Stadt am Fluss – und die Gartenschau erst 2043. Oder sind wir einfach nur zu ungeduldig? Die Autorin Laura Erler führt die negativen Emotionen, die beim Warten entstehen, auf unser mitteleuropäisches Zeitverständnis zurück. Während wir, laut dem US-Sozialpsychologen Robert Levine, in einer „Uhrzeit-Kultur“ lebten, seien Länder wie Indien von einer „Ereigniszeit-Kultur“ geprägt. Dort dauerten Dinge so lange, wie sie eben dauerten. Vielleicht sollten wir Stuttgart 21, die Oper und die Bundesgartenschau mal unter diesem Aspekt betrachten und zufrieden vor uns hin warten. Auch Leo Tolstoi wusste: „Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.“ Ommm!

dd