Die offizielle Inbetriebnahme zweier Gasturbinen im Heizkraftwerk Münster in den Neubauten (hellgraue Fassade) ging nahezu geräuschlos über die Bühne. Foto: EnBW/Uli Deck

Das Kraftwerk Münster in Stuttgart liefert Wärme und Strom - und das bald klimaneutral. Die EnBW nimmt an dem Standort dafür neue Turbinen in Betrieb.

Ibbenbüren hat sich vor wenigen Tagen mit einem lauten Knall von seinem Kohlekraftwerk verabschiedet. In Stuttgart wurde am Freitag kein Sprengstoff eingesetzt, die offizielle Inbetriebnahme zweier Gasturbinen im Heizkraftwerk Münster ging nahezu geräuschlos über die Bühne. Einen Knalleffekt aber gibt es. Münster ist laut Energie Baden-Württemberg (EnBW) eines der ersten wasserstofffähigen Gasturbinen-Kraftwerke in der Republik. Mit der neuen Anlage soll in wenigen Jahren ein neues Energiezeitalter eingeläutet werden.

Kraftwerk hat Referenzcharakter

In den 2030er-Jahren soll die Umstellung auf grünen, also klimaneutralen Wasserstoff kommen, so Peter Heydecker, Vorstand Nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur bei der EnBW. Das Kraftwerk mit den neuen Siemens-Turbinen habe „Referenzcharakter“, der Wechsel von der Kohle- zur Gasverbrennung bedeute bereits 60 Prozent weniger Kohlendioxidemissionen. Und 90 Prozent weniger Feinstaub und 45 Prozent weniger Stickoxide, ergänzte Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) bei einer lockeren Gesprächsrunde auf einer provisorischen Bühne direkt neben dem innerhalb von zwei Jahren hochgezogenen Kraftwerksneubau. Die Anlage vermeide damit sieben Prozent der Kohlendioxid-Emissionen aller Stuttgarter Haushalte, so Nopper. Stuttgart sei die erste Großstadt in Deutschland, die sich komplett von der Kohle verabschiede. 2035 will man klimaneutral sein. Das Thema Wärme ist dabei zentral, denn 45 Prozent der Treibhausgase in Stuttgart gehen auf das Konto von Heizungen. Die EnBW versorgt im Kraftwerks-Verbund Mittlerer Neckar 28 500 Wohnungen, 1400 Firmen und 380 öffentliche Einrichtungen mit Fernwärme – auch aus Münster, wo das erste Kraftwerk 1908 in Betrieb ging.

Sonntag: Großwärmepumpe am Tag der offenen Tür

Insgesamt investiert die EnBW in den nächsten Jahren 1,6 Milliarden Euro, um nicht nur in Stuttgart, sondern auch an den weit größeren Standorten Altbach/Deizisau und Heilbronn den Schalter von Kohle auf Gas und dann auf Wasserstoff umzulegen. Das nennt sich „Fuel-Switch“. In Stuttgart flossen rund 276 Millionen Euro in die neue Technik, 16 davon in eine Großwärmepumpe. Die EnBW zeigte die Anlage in der Voltastraße 45 bei einem Tag der offenen Tür am Sonntag. Bereits 2019 hatte die EnBW das Kraftwerk in Gaisburg von der Kohle- auf Gasbefeuerung umgestellt.

Müllverbrennung bleibt zentral

Herz des Kraftwerks Münster bleibt laut dem EnBW-Vorstandsvorsitzenden Georg Stamatelopoulos die Müllverbrennung. 450 000 Tonnen Müll, das sind ein Drittel des Gesamtaufkommens ins Baden-Württemberg, werden hier für die Fernwärmeversorgung genutzt. Im Winter werden zu den drei Müllkesseln bisher und in einem kurzen Parallelbetrieb noch bis Anfang 2026 bis zu drei Kohlekessel und drei mit Heizöl gespeiste Turbinen zugeschaltet, sukzessive werden die beiden Gasturbinen bis zu 124 Megawatt (statt bisher 69) elektrische Spitzenleistung und 370 Megawatt Wärme liefern. Der Umstieg erfolge schrittweise bis Frühjahr 2026, denn „wir wollen testen“, so Stamatelopoulos. Natürlich ist auch die Versorgungssicherheit ein wichtiger Aspekt. Die EnBW hat übrigens ihren Gasbezug über mehr als ein Jahrzehnt abgesichert.

Siemens sieht Potenzial

„In der Größenklasse ist das die effizienteste Turbine der Welt“, sagte Christian Bruch, Vorstandsvorsitzender der Siemens Energy AG. Mit leichten Umrüstungen könne die Turbine 70 Prozent, mit einem größeren Eingriff dann 100 Prozent Wasserstoff verkraften. Der Markt für diese Technik boome „wie noch nie“, so Bruch. Siemens Energy wolle bis 2030 rund 10 000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Bis 2040 will Baden-Württemberg klimaneutral sein. Kraftwerke wie Münster seien ein „wichtiger Anker im Energiesystem“, sagte Andre Baumann (Grüne), der Umwelt-Staatssekretär des Landes. Die Turbinen können innerhalb von 15 Minuten angefahren werden und damit bei einer so genannten Dunkelflaute bei erneuerbaren Energien das Stromnetz stützen. Baumann appellierte an die absehbare neue Bundesregierung, Anreize für derartige Kraftwerksneubauten zu setzen. Sie würden vor allem im Süden der Republik gebraucht. Gleichzeitig müsse das Land „Gas geben beim Ausbau der Windenergie“. Stamatelopoulos unterstützte Baumanns Appell: „Allein durch die Stromerlöse aus den wenigen erwartbaren Betriebsstunden „sind die benötigten Kraftwerke für Versorgungssicherheit und Netzstabilität nicht finanzierbar“, sagte er.