Vor den Augen eines gespannten Publikums: der Volocopter über dem Mercedes-Benz-Museum. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko - Lichtgut/Max Kovalenko

Beim Mercedes-Museum ist erstmals in Europa ein Volocopter in den öffentlichen Raum aufgestiegen. Der Flug sollte auch die Akzeptanz der neuen Technologie untersuchen.

StuttgartKlingen so die Städte der Zukunft? Punkt 14 Uhr hebt am Samstagnachmittag von einem Fußballfeld vor dem Mercedes-Museum „zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt“ ein Flugtaxi vom Boden ab. Auch wenn kaum zu erwarten ist, dass die Premiere misslingt, herrscht auf dem proppevollen Platz vor dem Museum, von wo aus der Flug des Volocopters 2X beobachtet werden kann, gespannte Erwartung. Die 18 Rotoren, die den 700 Kilogramm schweren Prototyp aus der Ideenschmiede des gleichnamigen Bruchsaler Start-ups anheben, erzeugen eine Art flatterndes Sirren. Das ist nicht wirklich unangenehm, solange nur einer in der Luft ist. Und es ist dem Geräusch, das eine Drohne macht, viel ähnlicher als dem ohrenbetäubenden Lärm, der von einem Helikopter ausgeht.

Die Präsentation, die live zur IAA nach Frankfurt und ins Internet übertragen wird, dauert kaum mehr als vier Minuten. Vom Rand des Fußballfelds aus lenken Pilot und Co-Pilot das weiße Lufttaxi per Fernsteuerung in rund 30 Meter Höhe zuerst ein wenig auf die Zuschauer zu. Dann dreht sich der unbemannte Volocopter einmal um die eigene Achse, bevor er etwas zurücksetzt, um wieder sanft auf dem Fußballfeld zu landen. Das war’s. Unter den Zuschauern brandet Beifall auf, sogar ein Johlen geht durch die Menge.

Mehr Begeisterung als Skepsis

Haben wir soeben Fluggeschichte miterlebt? Wird es in 100 Jahren heißen: Das erste Lufttaxi der Geschichte hob in Anwesenheit des Ministerpräsidenten, des Landesinnenministers und des Daimler-Chefs in Bad Cannstatt ab? Gut möglich. Vielleicht war es aber auch nur ein Event für Technikbegeisterte. Letztere waren beim Themenwochenende „Vision Smartcity“ im und um das Mercedes-Benz-Museum jedenfalls eindeutig in der Mehrheit. Schon kurz nach Beginn der Veranstaltung bildet sich eine lange Schlange vor einem Volocopter-Modell, in dem man probehalber Platz nehmen darf. Das Fluggerät bietet Raum für zwei Personen und etwas Gepäck. Kein Steuerknüppel, keine Bordtechnik, nur ein Bildschirm. Die Vision des elektrisch angetriebenen Flugtaxis sieht, abgesehen von einer Übergangsphase, keine Piloten vor. Am Ende soll alles algorithmengesteuert funktionieren. Die Antwort auf die Frage, ob sich aber tatsächlich genug Menschen in der Luft den Befehlen eines Computers anvertrauen wollen, wird wohl über Erfolg und Misserfolg der Technologie entscheiden. Alexander Leutritz aus Möhnesee im Sauerland, der eigens auf der Rückfahrt aus dem Schwarzwald-Urlaub halt in Stuttgart gemacht hat, um den Flug des Volocopters mitzuerleben, ist absolut optimistisch: Die Idee eines elektrisch angetriebenen, autonom fliegenden Flugtaxis sei der richtige Weg, den Verkehr von der Straße wegzubringen. „Vor allem dort, wo noch gar keine Straßen existieren“, sagt er und denkt dabei an Entwicklungsländer. Auch Anette Belz aus Stuttgart glaubt, dass sich Flugtaxis in naher Zukunft etablieren werden und hofft, „dass sich das nicht nur Reiche leisten können“. Auf kritische Stimmen trifft man eher selten. Ingo Rothenberg, der mit dem Drahtesel aus Leonberg hier ist, glaubt: „Man verschiebt mit dem Flugtaxi das Verkehrsproblem in die nächste Etage.“ Ob den Traum vom „Fliegen für jedermann“ tatsächlich viele träumen, genau das wollen an diesem Tag der Professor Patrick Planing und sein Team herausfinden. Der Wirtschaftspsychologe der Hochschule für Technik in Stuttgart untersucht die gesellschaftliche Akzeptanz der neuen Technologie. Zu diesem Zweck verteilten am Samstag Studenten des Studiengangs Wirtschaftspsychologie Fragebogen an möglichst viele Besucher – einmal vor und einmal nach dem Präsentationsflug. Mit dem Fragebogen wollen die Forscher zum Beispiel herausbekommen, ob der Volocopter „Sicherheit ausstrahlt“ oder ob man sich sicherer fühlen würde, „wenn der Volocopter von einem Piloten gesteuert wird“. Rund 1000 Probanden wollen die Wissenschaftler befragen. Dass vor dem Mercedes-Museum an diesem Tag besonders viele technikaffine Menschen anzutreffen sein könnten, räumt Planing ein. Erste Ergebnisse sollen Ende des Jahres vorliegen.

Ob Stuttgart auch irgendwann das erste Anwendungsfeld für Flugtaxis sein wird, weiß auch Patrick Planing nicht. Sicher sei aber, dass „wir hier ein Stück weit Forschungsgeschichte schreiben“. Also in jedem Fall: ein historischer Tag.

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