Anlässlich der Maiversammlung in Sindelfingen gibt es vonseiten des DBG auch Kritik an Plänen von Mercedes. Der Konzern plant, die konzerneigenen Niederlassungen zu verkaufen – mehr als 8000 Mitarbeiter sind betroffen.
Die Sonne scheint, die Transparente leuchten. Mit mehr als 500 Teilnehmern rechnet Georg Patzek, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes, bei der Kundgebung zum 1. Mai auf dem Sindelfinger Marktplatz. Dort herrscht rege sommerliche Betriebsamkeit, noch ehe der Demonstrationszug der Gewerkschaften durch die Stadt beginnt; Infotische, Kinderspielangebote, Kaffee und Kuchen sind gut angefragt. Am Morgen fand eine ökumenische Andacht statt, bei der evangelischen Betriebsseelsorge Sindelfingen.
Der Zug der Demonstranten indes nimmt Aufstellung am Grünen Platz, zwischen Sterncenter und Postfiliale. Dort: Fahnen, Transparente überall. Neben den Forderungen nach sozialer Absicherung, besseren Arbeitsbedingungen, besserer Bezahlung wird der Wunsch nach Frieden häufig thematisiert. Die Demonstration zieht in weitem Bogen um den Marktplatz, die Lange Straße hinauf, über die Planiestraße schließlich hin zu ihrem Endpunkt. Dort wartet die Bühne, geht die Kundgebung nach 15 Uhr über in das Maifest. Kleinstadt, eine Band aus Herrenberg, sorgt während Kundgebung und Fest mit eigenen Stücken und einem Hit der Neuen Deutschen Welle für Stimmung.
Und Georg Patzek eröffnet den Reigen der Redner – indem er das Publikum auf dem Marktplatz bittet, einmal für jede Gewerkschaft zu applaudieren, die sich an der Kundgebung beteiligt: für die IG Metall, für Verdi, die IG Bauen-Agrar-Umwelt, die IG Bergbau, Chemie, Energie, die Gewerkschaft der Polizei, die Gewerkschaft Nahrung-Genussmittel-Gaststätten und die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft.
Liane Papaioannou von der IG Metall Stuttgart spricht in Sindelfingen von den Herausforderungen einer sich verändernden Arbeitswelt, sie sagt: „Wir werden nicht zulassen, dass die Last dieser Veränderung einseitig auf den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern abgeladen wird“ – und sie kritisiert vehement die Pläne von Mercedes, die konzerneigenen Niederlassungen zu verkaufen: „Das ist aus unserer Sicht eine klare Fehlentscheidung. Die mehr als 8 000 Beschäftigten in den Niederlassungen sind zutiefst verunsichert und haben unsere volle Solidarität.“
Bernd Vöhringer als Oberbürgermeister Sindelfingens begrüßt die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter auf dem Marktplatz. „Der 1. Mai“, sagt er, „ist nicht in erster Linde ein freier Tag. Wir erinnern uns an de Errungenschaften der Arbeiterbewegung, den langen Kampf für gerechte Arbeitsbedingungen.“ Vöhringer betont die Bedeutung der Gewerkschaften für die Demokratie. „Das Fundament unserer Gesellschaft“, sagt der Rathauschef, „steht zunehmend unter Druck.“ Er meint die Einflussnahme rechtspopulistischer Parteien.
Von diesem Problem, von der immer größeren Akzeptanz jüngerer Menschen für Positionen der AfD, spricht auch Farina Semmler, stellvertretende Landesvorsitzende der GEW – sie nimmt dabei Bezug auf Zahlen einer kürzlich veröffentlichten Studie. „Das fordert die Bildungseinrichtungen, die momentan eh schon am Limit sind, noch mehr heraus. Wir müssen alles, was uns möglich ist, dafür tun, dass Demokratiebildung und Friedensbildung stattfinden können. Dazu benötigen wir ausreichend Fachpersonal.“ Dieses Personal allerdings fehlt. Mehrere Lehrerinnen und Erzieherinnen treten sodann auf, um der Versammlung ein Bild von der Situation an den Schulen und in den Kindertagesstätten zu geben.
Betriebsseelsorger Schobel: Wir sind kriegsbesoffen
Bevor schließlich Elvita Bekolli für die Jugend- und Auszubildendenvertretung der Mercedes Benz AG und Yüksel Evren als Vorsitzender des Internationalen Zentrums Sindelfingen sprechen, ist es Paul Schobel, ehemaliger Betriebsseelsorger, geboren 1939 in Rottweil, der auf dem Sindelfinger Marktplatz sehr eindringliche Worte findet. „Wie kriegsbesoffen wir plötzlich wieder geworden sind!“, sagt er. „Mich würde nicht wundern, wenn bald wieder, wie ich es noch erlebt habe, bunt bebänderte, mit Blume geschmückte Rekrutenwagen durch die Straßen fahren.“ Schobel beschwört Bilder von russischen und ukrainischen Soldaten herauf, die in einem sinnlosen Krieg sterben, er spricht auch vom Krieg im Gazastreifen und bittet die versammelten Gewerkschafter deshalb um eine Schweigeminute. Dann spricht er von der Kraft der Solidarität der Arbeiter – „Ohne diese Kraft“, sagt er, „wären wir alle Arbeitssklaven geblieben.“