Die Einwohner des Dorfs Marbach sind stolz auf ihre Kirche mit dem kleinsten Glockenturm der Welt, wie es heißt. Doch auch hier ist der sonntägliche Gottesdienst nur spärlich besucht und die Pfarrstelle seit Sommer vakant.
Sonntagmorgen. Ein heller Klang ruft die evangelischen Christen zum Gottesdienst in die Versöhnungskirche nach Marbach. Gelegentlich ist das zwischen Schwarzwald und Baar gelegene Dorf mit zwei prominenten namensgleichen Orten verwechselt worden. Doch seit es Navigationsgeräte gibt, hat sich keiner mehr hierher verirrt, die Scheibe heruntergekurbelt und orientierungslos am Straßenrand nach dem Weg zum Schillermuseum oder dem Landgestüt auf der Schwäbischen Alb gefragt. Dabei verfügt auch dieses kleine Marbach mit seinen 2000 Einwohnern über eine Attraktion – jenes Glöcklein, das die Gläubigen zur Andacht ruft.
Denn der Turm neben der Kirche, in dem die Glocke schlägt, ist mit einer Höhe von 3,80 Metern der kleinste frei stehende Kirchturm der Welt, wie es heißt. Ob das einmal ernsthaft nachgeprüft wurde, ist nicht überliefert. Im Dorf zweifelt eh keiner daran, und es hat zumindest auch noch nie jemand etwas anderes behauptet. Das Tourismusmagazin „Schwarzwald aktuell“ weist das Gotteshaus in einem seiner „G‘schichtle“ vor allem deswegen als Ausflugsziel aus. Und nur ein paar Meter vom Turm entfernt gibt es ein Glockenspiel des Künstlers Markus Artur Fuchs, das Tag für Tag um 7.10 Uhr, um 12.10 Uhr und um 18.10 Uhr erklingt. Touristen sucht man hier indes noch immer vergeblich.
Für Elke Lange sind die Kirche und das dazugehörige Pfarrhaus so etwas wie ein zweites Zuhause. Sie ist Prädikantin – eine von 30 im Kirchenbezirk Villingen. „Früher hat man Aushilfsprediger dazu gesagt“, beschreibt Lange ihr Amt. Die ehrenamtlichen Kräfte sprangen ein, wenn der Pfarrer oder die Pfarrerin mal ausfiel wegen Urlaub oder Krankheit. Was als Ausnahme gedacht war, ist in Marbach zur Regel geworden. Prädikanten predigen hier inzwischen Sonntag für Sonntag. Der Personalmangel macht nicht nur der katholischen, sondern auch der evangelischen Kirche zu schaffen. Seit dem vergangenen Sommer ist die Pfarrstelle in Marbach vakant.
Direkt an der alten badisch-württembergischen Landesgrenze gelegen, ist dieser Teil der Gegend katholisch geprägt. Bis in die 60er Jahre gab es im Bezirk nur wenige evangelische Familien. Dann stieg durch Zuzug die Zahl der Protestanten kontinuierlich. In Marbachs Nachbardorf Pfaffenweiler wurden Gottesdienste zeitweilig sogar im Gasthaus Waldrose abgehalten. Ein Gotteshaus musste her. Schließlich wurde der renommierte Architekt Horst Linde mit dem Bau der protestantischen Kirche im Diasporagebiet beauftragt. 1970 war Einweihung.
Mit ihrem sternförmigen Grundriss und der Aluminiumverkleidung mutet sie modern-futuristisch an. Das Modell des Zeltes ist dem Mythos vom wandernden Gottesvolk geschuldet. Doch Linde konnte nicht nur klein. Er entwarf die Karlsruher Stadtkirche und die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart. Zusammen mit Kurt Viertel und Erwin Heinle plante er den Landtag. Marbach war wohl eher eine Fingerübung für ihn. Zum kleinsten Kirchturm der Welt soll es sogar einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde gegeben haben, sagt Elke Lange. „Aber das war vor meiner Zeit.“
An normalen Sonntagen verlieren sich hier zwei Dutzend Gläubige
Sie schließt die Tür zu der am Waldrand gelegenen Kirche auf. Im Inneren dominiert warmes Holz. Die Atmosphäre ist heimelig, fast familiär. Die halbkreisförmig vor dem Altar angeordneten Sitzreihen bieten Platz für 160 Besucher. Vollbesetzt ist der Kirchenraum allerdings nur selten. Gut besucht ist das Gotteshaus bei Taufen oder zu den großen christlichen Festen wie zuletzt an Weihnachten. An normalen Sonntagen verlieren sich hier höchstens mal zwei Dutzend Gläubige.
Im Winter, wenn Schnee gefallen ist, begegnen sich Kirchgänger und Kinder mit Skihosen, Winterjacken, Schlitten, Poporutscher und Bob. Der Hügel am Fuß der Kirche ist einer von zwei Schlittenbergen in dem Dorf. Draufgänger schleppen ihren Schlitten für einen längeren Anlauf noch ein steiles Stück weiter den Berg hinauf und rufen dann „Bahn frei!“
In den 70er Jahren sauste auch Elke Lange die Piste hinab. Damals ging es hundert Meter hinunter, wer zu viel Schwung hatte oder nicht rechtzeitig bremste, wurde gehörig nass. Das Risiko besteht nicht mehr. Die Wohnbebauung bremst die Kinder vor dem Talbach aus.
Von der Köchin zur Prälatin
Elke Lange ist tief verbunden mit der Marbacher Kirche. Sie wurde hier konfirmiert, hier heiratete sie ihren Mann – „und hier habe ich meine Enkel selber getauft“, sagt die 59-Jährige. Seit mehr als 20 Jahren engagiert sie sich in der Gemeinde. Damals, zur Konfirmation ihres Sohnes, wurde sie gefragt, ob sie nicht Kirchendienerin werden wolle. Sie rückte in den Ältestenrat, und aus diesem Kreis heraus wurde sie schließlich für die Ausbildung zur Prädikantin vorgeschlagen.
„Jetzt oder nie“, sagte sie sich. „Religion fand ich schon immer spannend.“ Und so absolvierte die gelernte Köchin bei der Landeskirche in Baden die anderthalb Jahre dauernde Ausbildung. Predigen, trauen, taufen, bestatten: In der reformatorischen Tradition des Priestertums aller Gläubigen nach Luther ist Elke Lange dazu befähigt. Die Aushilfen sollen durch ihre Verankerung im Alltag die Perspektive auf den Glauben erweitern. Ersetzen sollen sie die Pfarrer nicht – und müssen es in der Praxis notgedrungen doch. Zwar leitet Pfarrerin Dorothea von Kalckstein in Vakanzvertretung auch Gottesdienste in Marbach. „Das Gros der Gottesdienste fällt aber auf uns Prädikanten“, sagt Elke Lange.
Mangelndes Interesse am Beruf des Pfarrers ist die eine Seite, der Kostendruck die andere. Durch die anhaltend vielen Kirchenaustritte verordnen sich die christlichen Kirchen Schrumpfkuren. Die katholische Kirche verlor 2023 allein im Südwesten mehr als 60 000 Mitglieder durch Austritte. Die Evangelische Landeskirche in Baden registrierte 2023 durch Austritte einen Schwund von mehr als 20 000 Gläubigen, hatte am Ende des Jahres noch etwa eine Million Mitglieder. In der Württembergischen Landeskirche lag die Zahl der Austritte bei rund 30 000.
Die Kirche will einige Gebäude verkaufen
Ende November kündigte die Landeskirche in Württemberg Einsparungen in Höhe von einer Milliarde Euro in den kommenden zehn Jahren an. Der Pfarrplan 2030 sieht einen Abbau von etwa einem Drittel der Pfarrstellen vor. Weiter steht die Unterhaltung des Gebäudebestands im Fokus. Wie bei den Pfarrstellen visiert die Evangelische Landeskirche in Baden eine Reduzierung um jeweils 30 Prozent an. Dafür ist eine „Beampelung“ eingeführt worden. Mit Rot eingestufte Gebäude sollen verkauft und umgenutzt werden. Das Gemeindehaus gegenüber der Marbacher Versöhnungskirche ist mit Gelb noch ein Wackelkandidat. Die Kirche selber steht auf Grün. Damit sind die landeskirchlichen Zuschüsse zur Unterhaltung bis 2040 gesichert, die 1910 gegossene Glocke im kleinsten Kirchturm der Welt wird nicht zum Sterbeglöcklein.
Einen Superlativ unter den Kirchtürmen kann der Südwesten damit behalten. Der zweite, weitaus bekanntere, geht indessen verloren. Noch hat Baden-Württemberg nicht nur den kleinsten, sondern auch den größten – im Ulmer Münster mit einer Höhe von 161,53 Meter. Nach mehr als 130 Jahren wird die Stadt den Titel wohl an Barcelona abtreten müssen. Schon im kommenden Sommer soll die Sagrada Família durch ein begehbares Glaskreuz die Ulmer Kirche um gut zehn Meter überragen. Und ausgerechnet eine Firma aus der Ulmer Nachbarschaft liefert dazu das entscheidende Bauteil.
In Ulm nimmt man den drohenden Verlust sportlich. Für Elke Lange sind Rekorde ebenfalls nicht so wichtig, so gerne sie hier auch tauft und predigt. Sie wünscht sich, dass sich möglichst schnell jemand auf die Pfarrstelle bewirbt. Denn ein regulärer Pfarrer (oder eine Pfarrerin) mit theologischem Hintergrund ist für sie die beste Voraussetzung, dass es endlich wieder bergauf anstatt immer weiter bergab geht.