Leben an der Sektorengrenze: Szene aus „Sonnenallee“ Foto: Delphi-Filmverleih/defd Deutscher Fernsehdienst

Seit 1. Oktober ist der Kultfilm „Good bye, Lenin!“ wieder im Kino zu sehen. Die Tragikomödie gehört zu den acht besten Filmen, die seit 1990 versucht haben, die DDR zu erklären.

Kinder, die Mauer ist weg! Stolze 35 Jahre schon. Angesichts der Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg wummert aber die Frage lauter denn je, wie gespalten Ost und West eigentlich bis heute noch sind. Laut einer Studie der Universität Jena Anfang des Jahres fühlen sich rund 19 Prozent der Ostdeutschen abgehängt, gegenüber acht Prozent der Westdeutschen. Die Gründe unter anderem: Auf dem platten Ost-Land fährt kein Bus, die Löhne sind schmaler als im Westen, und „die Politiker“ hören nicht zu.

Wer aber vom nordrhein-westfälischen Geldern ins benachbarte Straelen kommen will, schafft das werktags auch nur einmal pro Stunde. Die guten Verdienste im Ländle werden oft von den obszön hohen Mieten aufgefressen, und dass der Kanzler nicht jedem einzelnen der 80 Millionen Bundesbürger höchstpersönlich sein Ohr leihen kann, gilt auch für Wessis. Das Unverständnis zwischen beiden Seiten scheint nach wie vor groß – wie das Trauma ehemaliger DDR-Bürger, die während der Wende ihre kapitalistisch gewieften West-Brüder und -Schwestern als Heuschrecken und Trüffelschweine kennenlernten, auf Raubzügen nach billigen Antiquitäten und den Konkursmassen aufgelöster VEBs.

Dafür mussten sich verarmte West-Gemeinden wegen der Soli-Beiträge hoch verschulden und stehen heute schlechter da als manche Ost-Preziose wie Görlitz. Seit 1990 haben einige Filmemacher versucht, zur deutsch-deutschen Verständigung beizutragen, indem sie DDR-Lebenswirklichkeiten auf die Leinwand bannten. Hier ein paar Heimkino-Tipps zum Tag der Deutschen Einheit:

Wiederauferstehung im Kino: „Good bye, Lenin!

Wolfgang Beckers Tragikomödie „Good bye, Lenin!“ (2003) etwa, die am 1. Oktober ihre Kinowiederaufführung feiert, gehört zu jenen Werken, die Westdeutschen das Lebensgefühl im Osten zur Zeit der SED-Diktatur nahe zu bringen versuchen. Und darüber hinaus auch, was es bedeutet, mit dem Staat ein Stück der eigenen Identität zu verlieren. Becker erzählt, wie eine vom Sozialismus überzeugte Hausfrau (Katrin Sass) im Koma die Wende verschläft und erst 1990 wieder erwacht. Deren Kinder (Daniel Brühl, Maria Simon) versuchen händeringend, den nicht mehr real existierenden Sozialismus für die schwer Erschütterte wieder herzustellen. Das bittersüße Gedankenspiel kam sowohl beim gesamtdeutschen als auch beim internationalen Publikum an, weil Becker nachvollziehbar Zeit- mit individueller Familiengeschichte verbindet. Stream via Amazon Prime, Joyn, Disney+, Netflix; ab 1. Okt. im Kino

Lebensgefühl von Ost-Teenagern: „Sonnenallee“

Leben an der Sektorengrenze. Foto: defd Deutscher Fernsehdienst

Wer etwas über das Lebensgefühl von Ost-Teenagern in den wilden 1970ern erfahren will, kommt an Leander Haußmanns Klassiker „Sonnenallee“ (1999) nicht vorbei, der voller Wehmut von der ersten großen Liebe und der aufreibenden Jagd nach dem in der DDR raren Rolling-Stones-Album „Exile on Main Street“ erzählt. Leander Haußmann, Jahrgang 1959, hat bis ins junge Erwachsenenalter in der Diktatur gelebt und arbeitete schon zur Vorwende-Zeit an ostdeutschen Bühnen als Schauspieler. In „Sonnenallee“ verarbeitet er die Erfahrung von Mangel und Unfreiheit, beschreibt aber auch, wie erfinderisch sich Teenager inmitten des rigiden Systems Freiräume schufen. Stream via Amazon, Apple, Magenta

Rituale und Schikanen des Militärs: die Komödie „NVA“

West-Platten und Markenjeans werden in diesem Kontext zu besonderen Artefakten eines leisen Widerstands, den Haußmann auch in der Militär-Komödie „NVA“ (2005) thematisiert. Mit der Klamauk-betonten Darstellung des Ost-Wehrdienstes kann er aber nicht an den Charme von „Sonnenallee“ anknüpfen. Die inhaltlich flache Klamotte über Kameradschaft und die Tücken des Soldatenlebens spart die realen Härten der DDR-Wehrertüchtigung aus.

Zwar schildert Haußmann, wie ein aufmüpfiger Jungsoldat gebrochen aus einer berüchtigten Strafkompanie zurückkehrt. Die grausame Umerziehungsmaßnahme selbst findet jedoch abseits der Szene statt. Wie in „Sonnenallee“ konzentriert sich der Filmemacher auf die amourösen Abenteuer seines jugendlichen Protagonisten (gespielt von Kim Frank, Sänger der Band Echt) und auf militärtypische Schikanen und Rituale, wie sie im Prinzip auch im Westen üblich waren. Stream via Amazon, Apple, Magenta

Und noch mal Leander Haußmann: „Stasikomödie“

Mit seiner „Stasikomödie“ (2022) über einen fiktiven Autor und Ex-IM (Jörg Schüttauf), der nach dem Mauerfall die eigene Stasi-Akte einsieht, schließt Leander Haußmann seine DDR-Trilogie ab, bleibt seiner ostalgisch verklärten Sicht auf den Unrechtsstaat jedoch weitgehend treu. Intensiv berührt hier allerdings die Melancholie des inzwischen 64-Jährigen angesichts der eigenen verflossenen Jugend. In der Darstellung von Mielkes dekadenter Geburtstagsparty und einer Beinahe-Exekution im Keller der Stasi-Zentrale blitzt Haußmanns rabenschwarzer Humor auf. Trotz der verharmlosenden Konklusion, im Grunde sei jeder und jede in der DDR IM gewesen, kann man die „Stasikomödie“ aufgrund vieler starker Szenen und der tiefen Emotionalität als gelungensten Teil der Trilogie sehen. Stream via Amazon, Apple, Magenta

Die Spitzel-Diktatur: „Das Leben der Anderen“

Ulrich Mühe in „Das Leben der Anderen“. Foto: BR/Bildarchiv/BR/Wiedemann & Berg

Düster und kritisch blickt der westdeutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck in seinem 2007 erschienenen Langfilm-Debüt „Das Leben der Anderen“ auf die Spitzel-Diktatur. Es geht darin um den fiktiven Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe), der den Theaterautor Georg Dreyman ausspioniert. Der elegische Politthriller wurde mit dem Oscar für den besten ausländischen Film geehrt, die internationale Presse schrieb begeistert. Kritik kam unter anderem vom Schriftsteller Christoph Hein, der äußerte, 2002 von Henckel von Donnersmarck als DDR-Zeitzeuge interviewt worden zu sein, der Filmemacher habe dann aber ein „Gruselmärchen“ über seinen Künstler-Alltag erzählt, „vergleichbar mit Tolkiens Mittelerde“.

Ulrich Mühe, Darsteller des Stasi-Hauptmanns, bezeichnete seine zweite Frau, die Schauspielerin Jenny Gröllmann, in einem Buch zum Film als Stasi-IM, was ihm per Gerichtsbeschluss untersagt wurde. Als junger Mann hatte Mühe in der Zeit seines NVA-Wehrdienstes bei der Grenztruppe an der Berliner Mauer ein schweres Magengeschwür entwickelt. 2007 starb er an Magenkrebs. Stream via Amazon, Netflix, Sky, Apple

Weibliche Perspektive: „In einem Land, das es nicht mehr gibt“

Die DDR aus weiblicher Perspektive schildert Regisseurin Aelrun Goette in ihrem teils autobiografischen Drama „In einem Land, das es nicht mehr gibt“. Darin wirft das DDR-Ex-Model einen Blick auf die Mode- und Kreativszene des Arbeiter- und Bauernstaats, die, teilweise im Untergrund, einen widerständigen Lebensstil zum sozialistischen Einheitsgrau entwickelte. Im Zentrum steht die 18-jährige Suzie (Marlene Burow), die wegen eines verbotenen Jackenaufnähers nicht studieren darf, stattdessen als Mannequin für das Ost-Modemagazin „Sibylle“ entdeckt wird. Die DDR-Modebranche war zuvor noch nie Thema eines Spielfilms, Goettes mit drei deutschen Filmpreisen ausgezeichnetes Werk von 2022 beleuchtet damit einen interessanten Aspekt ostdeutscher Alltags-, Konsum- und Subkultur. Stream via Arte, Amazon, Apple, Magenta

Erstklassige Doku: „Auswärtsspiel – Die Toten Hosen in Ost-Berlin“

Sie haben Farbe in die DDR gebracht: Die Toten Hosen vor ihrem Tourbus in der Doku „Auswärtsspiel – Die Toten Hosen in Ost-Berlin“. Foto: SWR Presse/Bildkommunikation

Dass es sogar eine Punkszene im Osten gegeben hat, scheint unvorstellbar. Martin Groß’ inhaltlich wie visuell hervorragende Doku „Auswärtsspiel – Die Toten Hosen in Ost-Berlin“ (2002) erzählt nicht nur von einem illegalen Konzert der Düsseldorfer Fun-Punker 1983 jenseits der Mauer. Sie schildert auch, wie die Punkszene in der DDR gegen harte Repression und Bespitzelung ankämpfen musste, inklusive erschütternder Interviewsequenzen mit einem Ex-Stasi-Offizier, den bis heute keine Gewissensbisse plagen angesichts der üblen Methoden, mit denen er die Teenager damals zu brechen versuchte. Nicht nur für eingefleischte „Hosen“-Fans! ARD-Mediathek

Mit Schauspielerstar Lars Eidinger: „Nahschuss“

/Franziska Stünkel

Einem selten beachteten, grausamen Kapitel ostdeutscher Geschichte widmet sich die westdeutsche Filmemacherin Franziska Stünkel in „Nahschuss“ (2021) über die Todesstrafe in der DDR. In Anlehnung an den Fall Werner Teske, der 1981 als letztes Opfer per unerwartetem Genickschuss hingerichtet wurde, entwickelt Stünkel ihre Geschichte um den Wissenschaftler Franz Walter (Lars Eidinger), der für besondere Vergünstigungen beim Auslandsnachrichtendienst der DDR anheuert, bald aber als Doppelspion ins Visier seiner Arbeitgeber gerät. Stream via Amazon, Sky, Apple, Magenta