Inge Auerbacher bei einem Besuch im Jüdischen Museum in Jebenhausen, einem Stadtteil von Göppingen. Foto: /Giacinto Carlucci

Inge Auerbacher ist nie müde geworden, an ihre Kindheit im Konzentrationslager zu erinnern. Am Silvestertag wurde die Ehrenbürgerin von Göppingen 90 Jahre alt. Trotz ihres Schicksals glaubt sie immer noch an das Gute im Menschen.

So richtig Grund zu feiern sieht Inge Auerbacher in ihrem 90. Geburtstag nicht. Sie wohnt gesundheitlich angeschlagen in ihrem Reihenhaus im New Yorker Stadtteil Queens und muss fassungslos mit ansehen, wie Krieg, Antisemitismus und Rassismus die Welt in ein Chaos stürzen. Auch 70 Jahre nach der Auswanderung in die Vereinigten Staaten fühlt sie sich als Schwäbin und freut sich über jede Gelegenheit, Schwäbisch zu schwätzen. Zum Geburtstag wünscht sie sich „Sauerbraten mit Spätzle“.

Trotz des Leids, das ihr widerfahren ist, ist sie Optimistin geblieben, eine, die sich nicht den Mund verbieten lässt, eine Frau mit Herz und Verstand, eine Kämpferin. Ihre Kraft schöpft sie aus Begegnungen mit Menschen. Über den Anruf des Göppinger Oberbürgermeisters Alex Maier kurz vor Weihnachten hat sie sich sehr gefreut. „Ein guter Mensch“, sagt sie.

Sie lebte vier Jahre lang bei den Großeltern in Jebenhausen

Die couragierte Frau kennt das Leid, das Rassismus und religiöse Verblendung für die Menschen bedeuten. Eine Kindheit und Jugend im klassischen Sinn hat sie nie erlebt, ihre frühen Jahre waren geprägt von Angst – Angst, ihre Eltern zu verlieren, und Angst um ihr eigenes Leben. Den Wunsch nach Vergeltung verspürt sie nicht.

Vier Jahre lang lebte sie bei den Großeltern Max und Betty Lauchheimer in Jebenhausen. Zu ihnen war die jüdische Familie nach der Pogromnacht aus dem badischen Kippenheim geflohen. „Eigentlich wollten wir nur bleiben, bis wir das Land verlassen konnten“, blickt sie zurück. Daraus wurde nichts. Zu dem Zeitpunkt gab es für jüdische Familien keine Chance mehr, ins Ausland zu fliehen. Die Jahre in Jebenhausen hat das „Schwobamädle“ trotzdem in guter Erinnerung. Zusammen mit den christlichen Nachbarkindern habe sie eine glückliche Kindheit erlebt. „Die Leute waren gut zu mir, auch in der bösen Zeit“, erinnert sie sich.

Das Glück währte nicht lange. Großvater Max Lauchheimer, dessen Familie im 18. Jahrhundert nach Jebenhausen gezogen war, starb. Die Großmutter wurde 1941 nach Riga deportiert. Dort haben sie die Nazis als „lebensunwert“ ermordet. Dass die kleine Inge und ihre Eltern Berthold und Regina Auerbacher nicht wie die Großmutter endeten, hatten sie der Tatsache zu verdanken, dass ihr Vater im Ersten Weltkrieg schwer verwundet und für besondere Tapferkeit mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war. Die Familie musste in ein „Judenhaus“ nach Göppingen umziehen. Im August 1942 ging es dann vom Killesberg ins KZ Theresienstadt. Bei dem Sammeltransport war Inge der jüngste von 1100 Menschen. Die meisten kehrten nie zurück. In Theresienstadt, das für 7000 Menschen gebaut worden war, pferchte man zwischen 1942 und 1945 bis zu 60 000 Menschen zusammen, 30 000 starben. Für die meisten war das die Zwischenstation vor der Ermordung in Auschwitz.

Sie kehrte mit den Eltern 1946 nach Göppingen zurück

Wie durch ein Wunder überlebten Inge und ihre Eltern das Lager. Das Mädchen kam nach der Befreiung des KZ mit ihren Eltern nach Göppingen zurück, ehe sie im Mai 1946 in die USA auswanderte. „Der starke Wille, niemals zu vergessen, eine Wiederholung des schrecklichsten Verbrechens der Menschheitsgeschichte zu verhindern und Menschen zu versöhnen, das ist es, was Inge Auerbacher antreibt und seit Jahrzehnten durch die Welt reisen lässt“, befand der Göppinger Oberbürgermeister Alex Maier Anfang Februar 2022 bei der Feier zur Verleihung der Ehrenbürger-Würde an Inge Auerbacher.

Über ihre Erlebnisse schrieb die unermüdliche Mahnerin in den 80er Jahren ihr erstes, inzwischen in neun Sprachen übersetztes Buch „I am a star“, das 1986 in Amerika und 1990 in deutscher Ausgabe unter dem Titel „Ich bin ein Stern“ erschien. In Amerika studierte sie an der New Yorker Universität, wurde Chemikerin und arbeitete in der medizinischen Forschung. „Ich musste doch zeigen, dass mein Leben Wert hat.“

Wie wichtig die Holocaust-Überlebende für Deutschland ist, hat sie am 27. Januar 2022 im Bundestag in Berlin bewiesen. In einer ergreifenden Rede, bei der sie immer wieder ins schwäbische Idiom ihrer alten Heimat zurückfiel, erzählte die Amerikanerin von ihren Erlebnissen, vom Zusammenhalt der kleinen Familie und von ihrer ermordeten Freundin Ruth aus Berlin. „Der ganze Saal hatte Tränen in den Augen“, erinnerte sich später Göppingens Oberbürgermeister Alex Maier. Das Medienecho war riesig. Überregionale Zeitungen und Journale baten um ein Interview mit der Rednerin.

Zurzeit arbeitet sie an einem Kinderbuch über einen New Yorker Grundschulchor, dessen Kinder allen möglichen Nationalitäten angehören. „Mir fehlt nur noch ein Illustrator“, sagt sie. Als eine ihrer schlimmsten Erinnerungen bezeichnet sie den Besuch eines Massengrabs in einem Wald in der Nähe von Auschwitz. Trotz der schmerzhaften Erinnerung will die Kämpfernatur von ihrem Einsatz nicht lassen. „Was man in seinem Leben erlebt hat, schmeißt man nicht weg“, sagte Auerbacher in der Talkshow von Markus Lanz – und holte einen Judenstern von damals aus ihrer Jackentasche.

Schriftstellerin mit berühmten Vorfahren

Geschenk
 Die Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hat Inge Auerbacher nach ihrer Rede bei der Gedenkstunde am Internationalen Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag ein Geschenk übergeben: das Straßenschild „Auerbachstraße“, benannt nach ihrem berühmten Vorfahren Berthold Auerbach, der als Schriftsteller von den Nazis verfolgt worden war.

Hintergrund
 Die Straße wurde 1898 nach dem jüdischen Autor als „Auerbachstraße“ benannt und 1938 von den Nationalsozialisten aus antisemitischen Gründen in „Auerbacher Straße“ umbenannt, was 2013 rückgängig gemacht wurde. Auerbach lebte von 1812 bis 1882, er wurde 1843 zu einem der populärsten deutschen Erzähler. Auch seine Bücher haben die Nazis verbrannt. Zu seinen berühmtesten Werken zählen unter anderem die Erzählung „Barfüßele“, der Roman „Auf der Höhe“ sowie diverse weitere Erzählungen und Novellen.