Hat viel vor bei der EM in der Schweiz: DFB-Kapitänin Giulia Gwinn Foto: /HMB-Media

Die aus Friedrichshafen stammende Giulia Gwinn führt die DFB-Frauen beim EM-Auftaktspiel an diesem Freitag in St. Gallen als meinungsstarke Kapitänin aufs Feld.

Gabi und Florian Gwinn haben sich sicher schon Gedanken gemacht, welche Route sie mit ihrem Wohnmobil nehmen werden an diesem Freitag nach St. Gallen. Es gibt ja zwei Möglichkeiten von ihrem Wohnort Ettenkirch aus, der offiziell zu Friedrichshafen am Bodensee gehört: Gleich die Fähre rüber in die Schweiz nach Romanshorn nehmen und dann noch knapp 30 Kilometer weiterfahren bis zur Fußball-Arena. Oder: über die österreichische Seite über Bregenz und den Bodensee herum fahren, das ist mit einer Fahrzeit von einer Stunde und 20 Minuten etwas kürzer als die Fährenroute.

Wie auch immer die Gwinns nach St. Gallen fahren werden – sie haben zum EM-Auftakt der DFB-Frauen mit ihrer Tochter Giulia, die die deutsche Elf gegen Polen (21 Uhr/ARD) als Kapitänin aufs Feld führen wird, ein Heimspiel. Es hat ja Tradition, dass die Gwinns zu Spielen und Turnieren ihrer heute 26-jährigen Tochter mit ihrem Camper anreisen. Die EM-Partien in der nahen Schweiz werden da nun, verglichen zu vergangenen Turnier-Strecken, zu Katzensprüngen.

Selbstredend sind die Eltern längst stolz auf ihre Tochter und deren Karriere. Die ist Serienmeisterin mit dem FC Bayern, jetzt steigt das erste Turnier mit Giulia Gwinn als Kapitänin der DFB-Elf: mehr geht erstmal nicht. Dabei war es die Mutter, die anfangs die Augen verdrehte, als die in Tettnang geborene Giulia als Kind mit dem Kicken anfangen wollte. Zwei ältere Brüder, die permanent Fußball spielten, das reichte. So ist die Geschichte überliefert, dass Giulia Gwinn vor ihrem ersten Fußballtraining mit den Jungs ihrer Altersklasse normale Turnschuhe anzog und der Mutter erzählte, sie ginge zu einer Freundin. Dann kam am Abend die Beichte mit einem strahlenden Grinsen – die Mama wusste, dass sie keine Chance mehr hatte.

Auch die beiden älteren Brüder werden nun am Freitag im Stadion sein und beobachten können, wie ihre Schwester als Führungsfigur Einfluss aufs Spiel der DFB-Elf nimmt. Gwinn ist die Nachfolgerin von Alexandra Popp – und betonte schon vor ihrem ersten Spiel als Kapitänin mit einem Augenzwinkern, sie wolle auf dem Platz „nicht so herumbrüllen“ wie die 2024 verabschiedete Torjägerin. Der Rechtsverteidigerin schwebt ein Stil vor, wie ihn Bastian Schweinsteiger bei den Männern vorlebte, den Gwinn als Vorbild bezeichnet: „Ein emotionaler Leader, auch wenn alle Knochen wehtun.“

Damit ist schon vieles gesagt: Gwinn will mit Leistungen und Taten auf dem Platz Verantwortung übernehmen, nicht durch markige Botschaften. Die stellvertretende Spielführerin Janina Minge sagt, „dass Giulia durch ihre Spielweise vorangeht. Sie will, dass sich alle wohlfühlen.“ Gwinn selbst meint, es sei ihr wichtig, dass sich jede Mitspielerin mit ihr auf einer Stufe sehe. Sie ist die Anführerin auf Augenhöhe. Maren Meinert, Co-Trainerin unter Chefcoach Christian Wück, sieht in Gwinn die „ideale Kapitänin“. Und Torjägerin Lea Schüller, wie Gwinn Mitglied des großen Blocks des FC Bayern im DFB-Team, sagt vor dem EM-Auftakt: „Der Zusammenhalt in unserem Team ist besonders, das habe ich so noch nie erlebt.“

Gwinn sieht sich dabei als integrative Kraft – betont aber, dass sie auch auf den Tisch hauen könne. So wie zuletzt in eigener Sache, als sie auf eine „Bild“-Schlagzeile angesprochen wurde, in der sie als „die Hübscheste“ im Team betitelt wurde, nachdem Alexandra Popp sie mal so genannt hatte. „Darum geht es mir nicht“, sagt Gwinn: „Natürlich bin ich jung, eine Frau und mache gerne meine Haare schön und schminke mich auch mal. Aber viel wichtiger ist das, was auf dem Platz passiert.“ Und da sei es ihr egal, „wenn mir in einem Spiel ein Zahn ausgeschlagen wird“ – wie im November 2024 geschehen. „Also da kann man echt nicht von ‚der Schönsten’ sprechen, sondern eher von der, die sich fürs Team zerreißen will.“

Parallelen zu Schweinsteiger

So wie es ihr Vorbild Bastian Schweinsteiger oft getan hat. Eine weitere Parallele: Der Weltmeister von 2014 hatte auch oft mit Verletzungen zu kämpfen. So wie Gwinn, für die es keine Selbstverständlichkeit ist, nach zwei Kreuzbandrissen 2020 und 2022 jetzt DFB-Spielführerin zu sein. Als solche ist sie auch die Elfmeterschützin Nummer eins. Ihre Bilanz: elf Elfer, elf Tore. Die Kugel hinlegen, reinschießen, nicht groß darüber reden, auch das ist eine Führungsqualität der Kapitänin – die als Rechtsverteidigerin eine Vertraute neben sich hat in der Abwehrreihe.

Janina Minge ist stellvertretende Spielführerin der DFB-Frauen. Foto: imago/Fotostand

So kommt die aus Lindau stammende Innenverteidigerin Janina Minge wie die in Friedrichshafen-Ailingen aufgewachsene Gwinn aus der Bodenseeregion. „Wir kennen uns, seit wir mit elf erstmals in der Auswahl gespielt haben“, erzählte Gwinn kürzlich. Mit 16 Jahren wechselten die beiden im Sommer 2015 zusammen zum SC Freiburg. Gwinn ging dann 2019 zum FC Bayern. Minge dagegen blieb bis zum vergangenen Sommer beim Sport-Club und wechselte anschließend zum VfL Wolfsburg. In Freiburg hatte Minge parallel zum Fußball eine Ausbildung zur Polizistin gemacht und ging auf Streife. Jetzt ist sie längst für den Profifußball freigestellt – und bei der EM mit Kollegin Gwinn als Bodensee-Connection für die Ordnung und Sicherheit in der deutschen Abwehr zuständig.