Höhere Vergütung und mehr Verantwortung für Apotheken will Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Sie besuchte die Kosmas-Apotheke in Ostfildern.
Das Apothekensterben im ländlichen Raum trifft gerade ältere Patienten, die nicht mehr mobil sind. 2024 schlossen 400 Apotheken in Deutschland, 2023 waren es 300. Versandapotheken setzen sich zunehmend auf dem Markt durch. „Die Entwicklung müssen wir stoppen“, gab der Apotheker Stephan Mache Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) bei ihrem Besuch in Ostfildern mit auf den Weg. Die Bundespolitikerin versprach, „die Apotheken vor Ort zu stärken“.
In der Kosmas-Apotheke in Nellingen zeigte die Apothekerfamilie Mache der Ministerin unter anderem die sogenannte Verblisterungsanlage für Medikamente. Damit werden Tabletten automatisch hygienisch verpackt und so an Pflegeheime und Kliniken ausgegeben. „Das erspart den Pflegekräften viel Arbeit“, brachte der Apotheker Constantin Kondak das Konzept der deutschlandweit einmaligen Anlage auf den Punkt. „Sie haben dann mehr Zeit, sich um die Patienten zu kümmern“, sagte Robert Mache, der in das Familienunternehmen seines Vaters eingestiegen ist. 80 Kliniken und Pflegeheime beliefert die Apotheke, die 13 Standorte in der Region Stuttgart und in Reutlingen hat. Die Plastikhüllen nimmt die Apotheke zurück und kümmert sich um die Wiederverwertung.
Innovationen wie diese findet der Landtagsabgeordnete Andreas Deuschle (CDU) wichtig, um das Gesundheitswesen zukunftsfähig aufzustellen. Er kennt Warken von der gemeinsamen Arbeit bei der Jungen Union und vom Jurastudium. Deuschle ist es wichtig, Politiker und Apotheker ins Gespräch zu bringen. „Die Sparzwänge im Gesundheitswesen sind immens.“ Da verwies Deuschle auf das Millionen-Defizit des Klinikum Esslingen, das durch Personaleinsparungen abgefedert werden soll. Deuschle hofft, dass Innovationen dazu beitragen, die hohe Qualität der Pflege dennoch zu erhalten. Mit Björn Schittenhelm, der die Bären-Apotheke in Esslingen führt, hat Deuschle einen Gipfel initiiert, um die Sorgen der Unternehmer zu diskutieren und gemeinsam Perspektiven zu entwickeln.
Damit die Apotheken auch zukünftig gut wirtschaften können, sieht die geplante Apothekenreform der Bundesregierung unter anderem vor, die Vergütung anzupassen. „Wir müssen wirtschaftlich arbeiten können“, sagt Stephan Mache. Die Apotheken in Deutschland verdienten ab 2030 rund eine Milliarde weniger, weil sie sich immer stärker gegen den Versandhandel durchsetzen müssten. Da wünschen sich Mache und seine Kollegen „mehr Unterstützung von der Politik“. Den Auftrag nahm die Ministerin mit. „Wir können das Rad nicht zurückdrehen.“ Dennoch sieht Warken Möglichkeiten, die Apotheken vor Ort gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland durch politische Entscheidungen zu stärken.
Soziale Funktion: Die Apotheke vor Ort kennt die Patienten
„Wir erkennen, wenn ein Kunde zu uns in die Apotheke kommt, und es ihm nicht gut geht“, sagte Sabine Mickeler, die mit ihrem Sohn Tassilo in Neuhausen die Löwen-Apotheke betreibt. Da helfe man schnell und effektiv, schilderte die Esslinger CDU-Stadträtin ihren Alltag. Das könnten die Versandapotheken im Ausland nicht leisten. Wegen der unterschiedlichen Gesetzeslage dürfen sie aber Boni auf verschreibungspflichtige Medikamente gewähren, was in Deutschland nicht zulässig ist. Da wünschen sich die Apotheker aus dem Kreis Esslingen „Unterstützung von der Politik“.
Die Apothekenreform sieht unter anderem vor, die Kompetenz der Apotheken besser zu nutzen. Impfungen in der Apotheke gegen Grippe oder Covid-19 gibt es bereits; weitere mit sogenannten „Totimpfstoffen“ sollen folgen. Auch im präventiven Bereich sollen die Pharmazeuten und ihr Team tätig werden dürfen – etwa, wenn es um die Beratung bei Diabetes geht.
Den Apotheken mehr Verantwortung geben, das will auch die Gesundheitsministerin. Derzeit diskutiert die Politik das Primärarztsystem. Das bedeutet, dass Hausärzte entscheiden, ob ein Patient an den Facharzt verwiesen wird oder nicht. „Da müssen wir die Allgemeinmediziner entlasten, weil mehr Arbeit auf sie zukommt“, sagte Warken. Der Ministerin ist bewusst, dass die Apotheken dafür wirtschaftlichen Rückhalt brauchen. „Ein flächendeckendes Angebot an Apotheken zu erhalten“, das sei ihr Ziel.
Die junge Apotheker-Generation will mehr Verantwortung tragen
Bei der jungen Generation in der Apothekerfamilie Mache stößt der Ruf nach mehr Verantwortung auf Zustimmung. „Wir sind bereit“, sagte Leonie Mache, die Inhaberin der Südapotheke in Reutlingen. Wie ihr Bruder Robert, ihr Mann Constantin Kondak und ihre Schwägerin Anna Mache hat sie sich für das Pharmaziestudium entschieden. Den Familienbetrieb mit Innovationen in die Zukunft zu führen, das ist Leonie Maches Ziel. Doch dazu braucht es aus Sicht der jungen Apothekenchefin und ihrer Kollegen klare Bekenntnisse der Politik.