Nebel – für Betroffene herrscht in der Seele vielleicht oftmals ein ähnliches Gefühl Foto: Jürgen bach

Depressionen können einen Menschen ein Leben lang begleiten. Wir haben mit drei Betroffenen aus dem Enzkreis gesprochen: über ihr Leben, ihre persönlichen Erfahrungen und ihre wichtigsten Erkenntnisse.

Depressionen können jeden treffen, egal in welchem Alter oder in welcher Lebenssituation. Sie können durch Traumata entstehen, durch Stress, Schwangerschaft und Geburt, ja sogar durch die Jahreszeiten und noch vieles mehr. Bei chronischen, also immer wiederkehrenden Depressionen werden die Weichen oft schon in der Kindheit oder Jugendzeit gestellt. Dennoch wird die Krankheit bei vielen erst spät diagnostiziert und behandelt, weil die Betroffenen sich die Situation nicht eingestehen möchten, sich schämen oder das Gefühl haben, „funktionieren“ zu müssen.

Das ist etwas, das drei von Depressionen Betroffene aus dem Enzkreis und Pforzheim gemeinsam haben, die mit unserer Zeitung über ihre Erfahrungen gesprochen haben.

„Ich fühlte mich schon immer anders“ Die Erzieherin Anna L. (28) erzählt: „Ich hatte schon seit der Pubertät das Gefühl, dass ich anders bin als die anderen.“ Ihre Mutter war medikamentenabhängig, sie wuchs viel bei ihrem Onkel und ihrer Tante auf. „Ich war nicht vernachlässigt, aber ich habe mich nie so richtig zu Hause gefühlt.“ In der Schule stellte sie häufig fest, dass ihr alles etwas schwerer fiel als den anderen. „Die haben immer von ihren Hobbys erzählt, und ich dachte nur: Wie kriegen die das hin? Ich war schon froh, wenn ich nur den Schulalltag gemeistert habe.“

Nadine Siebler (42) arbeitet ebenfalls als Erzieherin, ihr Familienleben als Kind beschreibt sie kurz als „dysfunktional“. Und der 58-jährige Rainer Weber (Name von der Redaktion geändert) zeigte bereits in der Grundschule selbstverletzendes Verhalten. „Mein Vater war depressiv, die Krankheit kann auch vererbbar sein“, erzählt er. Einen entscheidenden Einschnitt erfuhr sein Leben, als er mit 13 Jahren mitansehen musste, wie sein Vater in den Bergen vor seinen Augen in den Tod stürzte. Er war der einzige Zeuge. „Dieses traumatische Erlebnis war nicht der Auslöser für meine Depressionen, aber es hat alles noch mal verstärkt.“

„Ich musste funktionieren“ Als „wahnsinnige, lähmende Traurigkeit und Antriebslosigkeit“ beschreibt Nadine Siebler das Gefühl während einer depressiven Phase. „Man liegt nur vor dem Fernseher, schottet sich ab, hat Suizidgedanken.“ Und Rainer Weber bestätigt: „Man ist komplett handlungsunfähig.“ Trotzdem wurde die Krankheit bei beiden erst relativ spät diagnostiziert, bei ihm sogar erst mit 52 Jahren.

Wie er sein Leben bis zu seiner endgültigen Behandlung gemeistert hat, ist aus heutiger Sicht für den Musiker selbst eine „gute Frage“. Es gebe immer „gute und schlechte Phasen“, überlegt er und nennt dann den entscheidenden Satz: „Ich wollte und musste funktionieren.“ Zum Beispiel hatte er eine Frau und Kinder – von seiner Frau ist er mittlerweile geschieden. Häufig erliege man zudem der falschen Hoffnung, dass die Krankheit irgendwann von selbst vorbeigehe.

Das Gefühl, funktionieren zu müssen, kennt Nadine Siebler nur zu gut. „Bei mir war die Besonderheit, dass ich seit 19 Jahren alleinerziehend bin“, sagt die heute 42-Jährige. „Als Jugendliche bin ich von zu Hause weggezogen – nicht freiwillig – und hatte damit auch keine familiäre Unterstützung.“ Sie begann eine Ausbildung zur Friseurin, bevor ihr Sohn zur Welt kam, und machte später eine Ausbildung zur Erzieherin. „Seither habe ich einfach funktioniert.“

„Plötzlich ging nichts mehr“ Rainer Weber hat in seinem Leben schon viele schlimme Phasen durchlebt und trotzdem immer weitergemacht. Doch jedes Fass läuft einmal über. 2016, mit 52 Jahren, erlitt er einen völligen Zusammenbruch. Er kam in eine Klinik in Hirsau, wo er erstmals die Diagnose gestellt bekam: emotional instabile Persönlichkeitsstörung. „Von da an musste ich lernen, dass ich es ohne Hilfe nicht schaffe.“

Nadine Siebler war hingegen früher schon in Therapie und nahm zeitweise Antidepressiva. Die endgültige Erkenntnis, dass sie sich helfen lassen kann und muss, kam aber erst, als ihre Kinder erwachsen waren. „Da habe ich gemerkt, dass ich mich jetzt um mich kümmern kann“, erinnert sie sich. „Und da hat sich dann die Büchse der Pandora geöffnet. Da ging auf einmal gar nichts mehr.“ Selbst nachdem sie bereits mit einer neuen Therapie begonnen hatte, traf es sie eines Tages wie aus dem Nichts. „Ich hatte plötzlich Herzrasen, das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ich konnte das gar nicht zuordnen. Das war eine Panikattacke.“ Inzwischen hat sie sich in eine Klinik begeben.

„Der Nebel hat sich aufgelöst“ In der Klinik gibt es ein tägliches Programm, am Nachmittag geht es wieder nach Hause. „Es ist wichtig, den Alltag wieder zu lernen, ich will ja auch wieder arbeiten, das ist zurzeit mein Hauptziel“, sagt Nadine Siebler. Medikamente gehören für sie dazu, um die negativen Gefühle zu unterdrücken. Auch dafür sei der Aufenthalt in der Klinik wichtig, um richtig eingestellt zu werden. „Ich hatte schon Medikamente, unter denen habe ich zum Beispiel einen richtigen Suchtdruck entwickelt und wurde ganz hibbelig. Bei den jetzigen habe ich gar keine Nebenwirkungen.“

Auch Anna L. hat gute Erfahrungen mit ihrer neuen Medikation gemacht, die nicht ihre Depressionen behandelt, sondern ihr ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. „Das war damals eine meiner Diagnosen. Oft geht beides miteinander einher.“ Die Antidepressiva hatten keine richtige Wirkung gezeitigt, ihre Therapeutin empfahl daher die Umstellung, weil das eine Problem oft aus dem anderen resultiere.

„Eigentlich wollte ich nicht dauerhaft Medikamente nehmen“, sagt die 28-Jährige. „Aber seither habe ich das Gefühl, dass der Nebel in mir sich richtig aufgelöst hat. Davor habe ich mir viel mehr Sorgen gemacht, alles war viel schwerer und überfordernder, und in mir war es viel grauer“, beschreibt sie die Wirkung. Auch gebe sie sich seit der Therapie und der Medikation weniger die Schuld an Dingen und gönne sich öfter Pausen.

Rainer Weber befindet sich seit Anfang März in einer ambulanten psychiatrischen Pflege, zweimal am Tag kommt jemand vorbei, um nach ihm zu sehen. „Denn das Leben in den eigenen vier Wänden ist viel schwieriger als in der Klinik, dort ist man sehr behütet.“ Durch die täglichen Besuche gebe es einen Grund, aufzustehen und nicht den ganzen Tag im Bett zu liegen.

„Ich arbeite nicht mehr gegen mich“ Das Wichtigste, was Rainer Weber seit seiner Diagnose für sich gelernt hat: „Ich arbeite heute nicht mehr gegen mich.“ Damit meint er, dass er sich nicht mehr der Hoffnung hingibt, die Krankheit gehe von selbst vorbei. Denn während bei einer einmaligen depressiven Phase die Chancen gut stehen, die Krankheit zu überwinden, ist bei einer chronischen Depression eine vollständige Heilung fast ausgeschlossen. „Ich lasse mich davon nicht mehr enttäuschen und akzeptiere die Krankheit.“ Auch in Nadine Sieblers Leben gab es Zeiten, in denen sie dachte, die Krankheit überwunden zu haben. „Aber die depressiven Phasen kommen immer wellenartig, irgendwann fing es wieder an.“ Mit der richtigen Behandlung aber würden die Phasen kleiner und kürzer, „darauf arbeite ich hin“. Das ist genauso Anna L.s Ziel, dass sie ihre depressiven Phasen annehmen kann, „weil ich weiß, dass sie wieder vorbeigehen“.