Das Broken-Heart-Syndrom ist ein schwerwiegendes Krankheitsbild und beschäftigt Ärzte und Wissenschaftler. Foto: Gaby Weiß

Extreme Gefühle können das Herz krank werden lassen. Das Broken-Heart-Syndrom ist ein Krankheitsbild, das sehr ernst genommen werden muss.

Esslingen - Aus Trauer um ihren geliebten Tristan stirbt Richard Wagners Isolde an einem gebrochenen Herzen – ein Dramenstoff, der bereits im Mittelalter zur Legende wurde. Das Broken-Heart-Syndrom, das lange als „Morbus Herzeleid“ abgetan wurde, ist mittlerweile als schwerwiegendes Krankheitsbild anerkannt und beschäftigt Ärzte und Wissenschaftler. Immer wieder werden vor allem Frauen mit den typischen Symptomen eines Herzinfarktes – Brustschmerzen, Enge-Gefühl, Atembeschwerden und Luftnot – in die Notaufnahme eingeliefert. Bei der anschließenden Herzkatheter-Untersuchung lässt sich jedoch keine verstopfte Herzkranz-Arterie finden, wie sie für einen Koronar-Infarkt kennzeichnend ist. Stattdessen ist eine typische Verformung des Herzens zu erkennen: eine aufgeblähte linke Herzkammer, ein verengter Abfluss und eine dadurch stark eingeschränkte Pump-Funktion des Herzens.

Typische Symptome eines Herzinfarktes

Professor Matthias Leschke, Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Pneumologie und Angiologie am Klinikum Esslingen, geht davon aus, dass bei bis zu sieben Prozent der Frauen, die mit den typischen Symptomen eines akuten Herzinfarktes ins Krankenhaus eingeliefert werden, ein solches Broken-Heart-Syndrom, auch Takotsubo-Kardiomyopathie genannt, vorliegt. Bei weiteren Untersuchungen lasse sich dann feststellen, dass ein Übermaß an Stresshormonen freigesetzt wurde: „Es werden große Mengen an Katecholaminen, Adrenalin und Noradrenalin, und ihre Abbauprodukte nachgewiesen. Deren exzessive Ausschüttung stört vermutlich die Durchblutung der kleinen Blutgefäße im Herzen, sorgt für eine maximale Verengung der Arterien und löst die Symptome aus“, erklärt Matthias Leschke.

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Bei der Anamnese, der Erfragung der Kranken- und Vorgeschichte, erfahre man häufig, dass diese Patientinnen zuvor außergewöhnlichem Stress, einem Schicksalsschlag oder einem heftigen emotionalen Ereignis ausgesetzt waren: „Ein Streit mit dem Lebenspartner, eine Scheidung, der Tod des Partners, ein Unfall oder auch der Tod des Familienhundes können diese Reaktion auslösen“, so Leschke.

Wobei in der medizinischen Fachliteratur beschrieben sei, dass auch übergroße Freude ein solches Broken-Heart-Syndrom herbeiführen kann: „Dann spricht man vom Happy-Heart-Syndrom, das bei einer freudigen Nachricht wie etwa einer Hochzeit oder einem Lottogewinn eintreten kann. Happy-Heart ist eigenartigerweise bei Männern häufiger, während Männer vom Broken-Heart-Syndrom nur sehr, sehr selten – etwa ein bis zwei Prozent der Fälle – betroffen sind“, erläutert Leschke. Das Broken-Heart-Syndrom sei eine überaus ernst zu nehmende Erkrankung. In der Akutphase weisen die Patientinnen klassische Symptome einer Herzschwäche auf, können zudem Herzrhythmusstörungen oder sogar einen Schlaganfall entwickeln: „An der ausgedehnten und erweiterten Herzkammer können sich Gerinnsel festsetzen, die sich losreißen und zu einem Schlaganfall oder einer Hirnembolie führen können“, warnt Matthias Leschke.

Behandlung mit Betablockern

Das Broken-Heart-Syndrom wird medikamentös ähnlich behandelt wie ein Herzinfarkt, nämlich mit Arzneimitteln zur Entlastung des Herzens wie etwa Betablockern zur Senkung des Blutdrucks und der Schlagfolge des Herzens. „Und wie beim Herzinfarkt werden die Patientinnen in der Klinik sehr genau überwacht“, betont der Chefarzt.

In der Regel könne man nach zwei bis drei Wochen beobachten, dass sich die anfangs hochgradig eingeschränkte Pump-Funktion des Herzens bessert. Manchmal dauere es aber auch vier bis sechs Wochen, bis sich das Herz wieder normalisiert. Viele Patientinnen erholen sich wieder ganz. „Leider können wir aber nicht in jedem Fall eine vollständige Genesung garantieren: Frauen, die zu Stress neigen, haben diesen Stress immer wieder. Ich habe mehrere Patientinnen erlebt, die zum zweiten oder dritten Mal mit diesem Syndrom bei uns in der Klinik waren. Und mit jedem neuen Ereignis verschlechtert sich die Prognose etwas“, hat Matthias Leschke beobachtet.

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Warum wirken sich starke Empfindungen überhaupt auf das Herz aus? „Das Herz wird vegetativ gesteuert durch das Nervensystem, es unterliegt also nicht dem Willen. Gefühle führen zur Freisetzung von Gefühlshormonen, auch von Stresshormonen, den Katecholaminen“, erklärt Matthias Leschke. Diese Katecholamine lassen das Herz schneller und schneller pumpen. „Das hat durchaus etwas Sinnvolles, denn es steigert zum Beispiel die Fähigkeit zur Flucht.

Dahinter steckt die Angst des Steinzeitmenschen vor dem Säbelzahntiger. Eine starke Herzbelastung mit stark vermehrten Kontraktionen führt aber bei manchen Patienten offenbar zu diesem sehr ungünstigen Syndrom“, erläutert Leschke.

Zusammenhang zwischen Psyche und Gesundheit

Am Klinikum Esslingen weiß man um die Zusammenhänge zwischen Psyche und Gesundheit, gerade auch das Herz-Kreislauf-System betreffend: „Wir nehmen das hier im Haus sehr ernst. Wir versuchen bei der Anamnese immer, auch die Stimmung des Patienten in Erfahrung zu bringen und durch gezielte Fragen zu erkennen, ob es Auslöser für das Broken-Heart-Syndrom gibt.“ Psychische Faktoren, so Leschke, führen gerade bei Herz-Kreislauf-Krankheiten häufig zu einer Verschlechterung. Eine tieftraurige Grundstimmung oder gar eine Depression gehe oft mit ungünstigen Verläufen bei Herzerkrankungen einher. „Patienten mit einer Herzschwäche, die sehr unter ihrem Kummer leiden, haben häufig einen weniger günstigen Verlauf als Menschen, die stimmungsmäßig eher positiv orientiert sind“, beobachtet Matthias Leschke immer wieder. Wobei klassische Antidepressiva dabei häufig nicht zu einer Verbesserung beitragen, so der Chefarzt: „In diesen Fällen brauchen die Patienten psychosomatische, psychologische und therapeutische Unterstützung.“

Entdeckung von „Takotsubo“

Beginn Anfang der 1990er-Jahre wurde das Krankheitsbild erstmals in Japan beschrieben bei einer Patientin, die mit Luftnot und Enge-Gefühl mit Verdacht auf einen Herzinfarkt in die Klinik kam. Anders als bei einem Herzinfarkt waren die Herzkranzgefäße der Dame jedoch in Ordnung. Die Ärzte stellten fest, dass die linke Herzkammer wie ein Ballon aufgebläht war.

Tintenfischfalle Diese stark gewölbte Herzkammer erinnerte die behandelnden Ärzte an eine Tintenfischfalle aus einem bauchigen Tonkrug mit schmalem Hals. Dieser „Takotsubo“ wird traditionell in Japan eingesetzt. Deshalb nannten sie die Erkrankung Takotsubo-Syndrom oder Tako­tsubo-Kardiomyopathie.

Europa Später wurde dieses Syndrom auch immer wieder in Europa beobachtet. Hierzulande wird oft die Bezeichnung „Broken-Heart-Syndrom“ verwendet, weil die meisten Betroffenen von einem psychisch belastenden Ereignis oder massivem emotionalem Stress berichten, die den Symptomen vorausgingen.