Im Prinzip können psychische Erkrankungen jeden treffen. Aber mit bestimmten Verhaltensweisen können Eltern psychischen Störungen bei ihren Kindern vorbeugen. Vieles davon klingt banal – ist laut Fachleuten aber sehr effektiv.
Wenn Kinder wiederholt die Schule schwänzen, ewig über ihren Hausaufgaben brüten oder sich ständig in ihrem Zimmer verkriechen, können das Anzeichen für psychische Probleme sein. Grundsätzlich kann eine psychische Störung jeden treffen. Es gibt aber bestimmte Faktoren, die helfen können, Kinder vor einer Erkrankung zu schützen. Eltern können dabei durchaus Präventionsarbeit leisten.
Die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, die Klimakrise: Derzeit ist der Alltag geprägt von den Auswirkungen komplexer Probleme. „Das sind alles Sachen, die diffus und nicht so greifbar sind“, sagt Gunter Joas, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Klinikum Esslingen. Wohl auch deshalb beobachte man eine deutliche Zunahme von Angststörungen und anderen internalisierenden – also nach innen gerichteten – Störungen wie Depressionen oder Essstörungen. Hätten früher etwa ein bis zwei Prozent der Kinder unter einer solchen Erkrankung gelitten, so seien es heute etwa sechs bis sieben Prozent, sagt Joas. Derzeit verzeichne man auch extrem viele Notaufnahmen von Jugendlichen mit suizidalem Verhalten, also Selbsttötungsabsichten. Insgesamt seien rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen von psychischen Störungen betroffen. Das bedeute nicht, dass diese alle schwer psychisch krank seien – aber es zeige, dass Prävention sehr wichtig sei.
Laut Monika Herma-Boeters zählen neben Angststörungen, Panikattacken, depressiven Verstimmungen und Mediensucht mittlerweile auch Aufmerksamkeitsstörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Nach Beobachtung der Esslinger Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie hat die Zahl der jungen Menschen, die von diesen Störungen betroffen sind, in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Viele von ihnen seien sich der Krankheit lange nicht bewusst. Oft merkten sie nur daran, dass sie es nicht schaffen, die Hausaufgaben in adäquater Zeit zu erledigen, dass etwas nicht stimme. Vielfach zeige sich erst bei speziellen Tests, dass die Kinder unter einer psychischen Störung litten, sagt Herma-Boeters, die in Esslingen das Zentrum für psychisch belastete Kinder und Familien betreibt.
Zu den Störungsbildern, die sie oft bei Kindern beobachtet, gehörten aber auch schizophrene und autistische Störungen sowie die sogenannte oppositionelle Verhaltensstörung, bei der sich die betroffenen Kinder sehr aggressiv, ungehorsam und feindselig gegenüber Autoritätspersonen verhalten. Darüber hinaus habe sie bei ihren jungen Patientinnen und Patienten auch häufig mit den Themen Schulangst und Schulverweigerung oder aber mit Störungen der Interaktion zwischen Mutter und Kind zu tun, berichtet die Psychiaterin.
Es gibt gute Behandlungsmethoden, aber Prävention ist besser
Laut Monika Herma-Boeters kann man viele dieser Erkrankungen zwar gut behandeln. Sinnvoll sei es aber, einen Schritt früher anzusetzen und zu versuchen, derartige Störungen zu verhindern. Dafür sei etwa eine konsequente Erziehung sehr wichtig. Eltern sollten sich gut absprechen, was sie ihrem Kind erlauben wollten und was nicht – und die selbst gesetzten Grenzen dann auch konsequent einhalten. Wenn Verbote immer wieder missachtet und Grenzen überschritten würden, ohne dass das Konsequenzen habe, könne das etwa oppositionellem Verhalten Vorschub leisten, so Herma-Boeters.
Unerlässlich sind laut der Kinderpsychiaterin zudem geregelte Strukturen und Rituale. Das gebe Sicherheit und Halt im Alltag. Besonders für Kinder, die unter depressiven Verstimmungen leiden, sei ein festes Ritual am Morgen sehr wichtig. Und: „Ich empfehle dringend, dass die Kinder frühstücken“, sagt Herma-Boeters – und wenn es nur eine Kleinigkeit sei. Damit könne oft schon das erste Tief am Morgen überwunden werden. Zudem sei es sinnvoll, dass Kinder ab einem gewissen Alter eine Aufgabe haben, die sie regelmäßig erledigen müssen – etwa das Tischdecken vor dem Abendessen. Hilfreich sei auch eine konsequente Mittagspause nach der Schule. Dabei reichten schon 20 Minuten, in denen die Kinder sich bestenfalls einfach nur ausruhen sollten, ohne Medien zu konsumieren.
Auch Gunter Joas betont, dass Prävention mit ganz einfachen Mitteln gelingen könne. Wichtig seien etwa eine geregelte Tagesstruktur, ausreichend Schlaf, genügend Bewegung und eine ausgewogene Ernährung. Zudem rät er: „Eltern sollten sich Zeit für ihre Kinder nehmen. Die Kunst ist, in Kontakt mit den Kindern zu bleiben.“ Ganz wichtig sei es, die Kinder und Jugendlichen mit ihren Sorgen und Nöten ernst zu nehmen und im Gespräch zu bleiben. Zudem sollten junge Menschen lernen, mit Stress, Problemen und negativen Gefühlen umzugehen. „Helfen können dabei ganz banale Sachen: Raus gehen, Sport machen, sich bewegen“, sagt Joas. Ganz generell seien auch eine positive Grundeinstellung sowie ein „gescheiter Umgang mit Medien“ hilfreich.
