Filmszene aus Woody Allens „Stadtneurotiker“ („Annie Hall“) von 1977: Mansplaning über Marshall McLuhan. Foto: Screenshot StZ

Darf man gleich nach dem Kino- oder Theaterbesuch darüber sprechen, „wie es war“? Bei Kulturereignissen teilen Zuschauende gerne unmittelbar anderen ihre Meinung mit. Muss das sein?

Neulich im Wiener Burgtheater. „Ohhh“, stöhnen die Zuschauer in den oberen Rängen mitfühlend, als auf der Bühne Katharina Blums Mutter stirbt. Ach Gott, die Arme, auch das noch!

Wie unmittelbar diese Reaktion der Betrachtenden erfolgt, hat etwas Komisches, zugleich Anrührendes. Erfuhren diese Mitleidenden soeben wirklich zum ersten Mal von diesem weiteren Schicksalsschlag im Leben der Böllschen Protagonistin? Kaum vorstellbar, blickt man auf die Aufführung solcher Klassiker doch normalerweise mit der emotionalen Distanz der Gewöhnung.

„Die eine Schauspielerin war ja die Schwester von dem einen“

Kulturkonsumenten sind sehr mitteilsam. Ist es eigenartig, sich davon befremdet zu fühlen? Beim Verlassen des Theater- oder Kinosaals steht man im besten Fall noch im Bann des Geschauten. Da wirkt es schon wie ein Schock, auf die verregnete Straße zu treten, im schnöden Scheinwerferlicht der Reklamefenster, zurück im eigenen kleinen Leben. Und dann sagt wer: „Wie fandsch?“

Nach der Vorstellung im Burgtheater, wenn man diese extrem lange Treppe wieder hinunter geht von den oberen Rängen, und gerade denkt, das gehört eigentlich noch dazu, dass man diese Treppe gehen muss, das ist der letzte Akt, beim endlosen Gehen das Gesehene zu reflektieren, dann sagt irgendwer: „Die eine Schauspielerin war ja die Schwester von dem einen, der jetzt ,Hart aber fair‘ moderiert, und die sind ja die Kinder des Schauspielers Peter Lohmeyer und – Fun Fact – ihre Großtante war die Journalistin Wibke Bruhns.“

Uff. Da ist doch der Moment dahin! Theater, Oper, Kino, Konzerte oder Ausstellungen sind Orte wie Zwischenwelten, Nicht-Orte, die erlebt, erfühlt und dann erst mit ihren Nachbeben vollständig erfasst werden können. Wie kann man sofort etwas sagen? Doch, das geht, meinen viele. Und das Irritierende ist nicht die Banalität des Gesagten, Kinder können schließlich oft die besten Urteile fällen. Es ist seine Unmittelbarkeit. Auch die geisteswissenschaftliche Tiefenanalyse im Kinoflur ist zweifelhaft, wenn einer referiert: „Die Eingangssequenz war Antonioni, ,Blow Up‘, wobei, der Zoom in der Einstellung war eher eine Dolly, Hitchcock, du weißt schon.“

Hat nicht ohnehin keiner irgendetwas verstanden?

In Woody Allens „Stadtneurotiker“ findet sich die Urszene dieser Form der Zuschauerkritik, als der Fernsehtheoretiker Marshall McLuhan einen Gastauftritt hat. In der Kinoschlange steht hinter dem Protagonistenpaar ein Mann, der seine Begleiterin zu beeindrucken versucht, indem er Fellinis Filmkunst einordnet und über McLuhans Fernsehtheorien referiert – heute würde man das Mansplaining nennen.

Woody Allens Figur wendet sich durch die vierte Wand dem Zuschauer zu und beklagt sinngemäß: Was soll man nur tun, wenn man den Reden eines solchen Typen ausgeliefert ist? Der Vielredner tritt ebenfalls nach vorne und fragt, weshalb er nicht seine Meinung sagen dürfe, es sei ein freies Land. McLuhan wird dann selbst in die Szene gezogen und bescheinigt dem anderen, wirklich nichts von seinen Theorien verstanden zu haben. Diese selbstreflexive Szene führt die Arroganz der Meinungsstarken vor – und wirkt hoffentlich in gleichem Maße in diesem etwas polemischen Text. Denn hat nicht ohnehin keiner irgendetwas verstanden?

Auch in meinungsstarken Zeiten wie den heutigen, social-media-getränkten, ist das ein wertvoller Wink. Wenn wir allerdings das Kulturinteresse aller gesellschaftlichen Gruppen außer Rentnern und Schulklassen endlich wieder wecken könnten dadurch, dass diese überall und jederzeit zu allem ihre Meinung äußern dürften, wären wir im Sinne der Kunst bereit, uns das anzuhören.