Ein Jugendlicher hängt an seinem Smartphone. Experten warnen vor der in der Pandemie zunehmenden Ermattung als Lebensgefühl. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Viele Menschen leiden unter chronischer Aufschieberitis. Experten wie der US-Psychologe Adam Grant warnen davor, dass Ermattung und Dahindümpeln in der Corona-Pandemie zunehmend zu einem weitverbreiteten Lebensgefühl werden.

New York/Berlin - In der angelsächsischen Welt werden Phänomene oft früher benannt als in der deutschsprachigen. Voriges Jahr lag in den USA und Großbritannien die „Revenge Bedtime Procrastination“ als Begriff im Trend – also die Angewohnheit, etwa wegen zu viel Smartphone-Guckens zu spät schlafen zu gehen, auf Deutsch vielleicht am besten als Bettgeh-Aufschieberitis aus Rache am Leben beschrieben.

Nun hat die „New York Times“ (NYT) die Mattheit, das Dahindümpeln oder „Languishing“, als eine Art Gefühl des Jahres 2021 entdeckt.

Wohlfühlen? Fehlanzeige!

Der US-Psychologe Adam Grant schreibt in einem „NYT“-Artikel: Die geistige Ermattung sei in der Corona-Pandemie mit ihren Belastungen und Einschränkungen sozusagen die Leerstelle zwischen Depression und Euphorie – die Abwesenheit des grundsätzlichen Wohlfühlens.

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Man habe zwar keine echten Symptome einer psychischen Erkrankung, aber eben auch nicht alle Anzeichen für totale psychische Gesundheit. Man funktioniere nicht mit voller Kapazität, könne sich kaum motivieren und konzentrieren – und laufe dabei Gefahr, abzurutschen und womöglich im Kopf ernsthafter krank zu werden, so der Autor. Grant empfiehlt, dieses Phänomen zu benennen und damit weniger gefährlich für den Betroffenen selbst und die Gesellschaft zu machen.

Das Wichtigste: gutes Zeitmanagement

„Aufgehoben ist nicht aufgeschoben“. Diese Redensart drückt aus, was der Zungenbrecher Prokrastination meint. Was im Augenblick nicht erledigt werden kann, ist keineswegs vergessen, sondern zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden wird. Prokrastination – vom lateinischen „procrastinare“, auf morgen verschieben – meint extremes Aufschieben. Meistens von aversiven, also unangenehmen Aufgaben und Pflichten.

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Was kann man gegen die weitverbreitete „Aufschieberitis“ tun? Damit ein Vorsatz gelingt, ist vor allem ein gutes Zeitmanagement vonnöten. Psychologen raten, sich Ziele zu setzen, die einen nicht überfordern. Gewohnheiten – und seien sie auch noch so falsch – haben immer etwas Beruhigendes und Stabilisierendes. „Das Gehirn strebt danach, alles zu routinisieren“, erklärt der Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth.

Steter Tropfen höhlt den Stein

Doch wie kann man das umsetzen, was man sich vorgenommen hat? Voraussetzung hierfür ist, dass das Handeln zielgerichtet und man selbst motiviert ist. Generalisierende und schwammige Vorsätze nach dem Motto „Morgen wird alles besser“ kann man gleich vergessen.

„Gutta cavat lapidem“ – der stete Tropfen höhlt den Stein –, heißt es beim römischen Dichter Ovid (43 v. Chr.-17 n. Chr.). Anders ausgedrückt: Erst wenn ein Verhalten oft genug und in überschaubaren Schritten wiederholt wird, setzt es sich im Gehirn fest.

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