Denis Ambroziak steigt nur noch in sein Kajak, wenn er Lust darauf hat. Foto: /Robin Rudel

Lange hat sich der erfolgreiche Kanute aus Ostfildern einem enormem Druck ausgesetzt, in Polen legte er eine steile Entwicklung hin. Doch dann brauchte er eine ausgiebige Pause. Nun ist er wieder zurück in Esslingen – und hat sich bei den süddeutschen Meisterschaften selbst überrascht.

Esslingen - Hinter der Vogelsangbrücke wendet Denis Ambroziak noch einmal. Sein Kajak gleitet leicht über das trübe Wasser des Neckars. Dann gibt er kurz Stoff, extra für das Foto, und paddelt auf das Vereinsheim der Kanuvereinigung Esslingen zu. „Du musst das Wasser fühlen, weißt du?“, sagt der breitschultrige Sportler, den man im ersten Moment eher für einen „Mann für’s Grobe“ gehalten hätte. Schnelligkeit durch pure Kraft. Doch so einfach ist das nicht.

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Etwas später sitzt Ambroziak auf der Vereinsheim-Terrasse der Kanuvereinigung Esslingen mit Blick auf den Neckar. Er brauche erst einmal eine Pause vom „Paddeln“, wie er es nennt. „Damit ich wieder Lust bekomme.“ Den Winter über wird er nicht trainieren. Vielleicht ins Fitnessstudio oder gelegentlich Joggen gehen, mehr nicht. „Irgendwann hat man die Nase voll“, sagt der gebürtige Ostfilderner.

Paddeln liegt in der Familie

Ein Auf und Ab der Motivation, wie es in vielen Sportarten der Fall ist, die auf Leistungsniveau betrieben werden. Obwohl Ambroziak erst 29 Jahre alt, und somit noch in einem guten Wettkampfalter ist, muss er es niemandem mehr beweisen. Weltmeister war er mit der polnischen Nationalmannschaft bereits, Europameister auch schon, nur die Teilnahme an den Olympischen Spielen hat er gleich zwei Mal nur um Haaresbreite nicht geschafft. Er lebte jahrelang in Polen und ackerte für seine Sportkarriere. In dieser Zeit trainierte er bis zu drei Mal am Tag. Dann kehrte er nach Deutschland zurück und legte erst einmal eine Pause ein.

Zum Kanusport kam Denis Ambroziak im Alter von sechs Jahren über seinen Vater Jan, selbst ein erfolgreicher Kanute. Lange Zeit trainierte der Vater den Sohn und erkannte das Potenzial, das in diesem steckte. Als Denis Ambroziak 13 Jahre alt war, ging er nach Olsztyn im Norden Polens, dort seien die Möglichkeiten einfach besser gewesen als in Esslingen. „Ich habe mich in Polen richtig entwickelt“, sagt der heute 29-Jährige. Er hätte auch nach Potsdam ziehen können, dort gab es zu dieser Zeit ebenfalls einen Platz für ihn. Doch im Heimatland seiner Eltern, waren die Bedingungen für ihn leichter. So hatte er Verwandte, die in der Nähe wohnten und den jungen Kanuten unterstützten.

Nur noch paddeln, wenn er Lust hat

Während der Jahre, in denen er für die polnische Nationalmannschaft an den Start ging, fuhr er viele Erfolge ein. In Duisburg holte er 2013 mit der Vier-Mal-200-Meter-Staffel den Weltmeistertitel. Ebenso wurde er mit seinem Kajak in Posen U-23-Europameister über 200 Meter. Lediglich sein großes Ziel, die Teilnahme bei den Olympischen Spielen, verpasste er 2012 vor London und 2016 vor Rio de Janeiro nur knapp. „Das war richtig heftig“, erklärt Ambroziak. „Doch man muss damit leben und dann einfach weitermachen.“

Ob Ambroziak diese Enttäuschungen, verdaut hat? Das weiß er vermutlich selbst nicht so recht. Zumindest waren die Niederlagen Gründe dafür, dass der Kanute Abstand zum Leistungssport gebraucht hat. Der neue Denis Ambroziak, der nun an diesem kühlen Vormittag auf den Neckar blickt, ist zumindest nicht mehr so verbissen wie der alte. Sport verbindet er nicht mehr mit Leistungsdruck, er betreibt ihn als Ausgleich zu seinem anstrengenden Job bei einem namhaften Autobauer. In sein Kajak steigt er nur noch, wenn er auch wirklich Lust darauf hat.

Noch nicht gerostet

Nachdem er 2017 aus Polen wieder in die alte Heimat zurückgekehrt war, folgte seine Auszeit. Aber in diesem Jahr packte ihn wieder die Lust. „Ich hatte meinem Trainer Andreas Hölderle versprochen, dass ich die Kanuvereinigung unterstütze und eine Regatta fahre“, erklärt er. So fuhr Ambroziak völlig befreit nach einer mehr als dreijährigen Pause nach Karlsruhe zu den süddeutschen Meisterschaften. Zwar schaffte er es mit seinem Kollegen Karol Garbacz im Zweier über 500 Meter lediglich auf den siebten Platz, und auch nach den 200 Metern kam das Duo eher enttäuscht aus dem Wasser. Doch über die 200 Meter-Distanz im Einer zeigte Ambroziak, dass er noch nicht eingerostet ist. Denn er holte die Bronze-Medaille.

„Ich war fast schockiert, dass ich es noch kann“, sagt der 29-Jährige und lacht. „Ich wusste gar nicht, dass ich noch 38 Sekunden lang durchpaddeln kann.“ Zwar sagt es der Ostfilderner nicht explizit, doch man wird im Gespräch mit ihm einfach das Gefühl nicht los, dass er wieder Blut oder nein, wieder Flusswasser geleckt hat. Doch bevor Ambroziak sich im kommenden Jahr wieder messen will, gönnt er sich erst einmal eine Winterpause.