Gerlinde Kretschmann, die Frau des Ministerpräsidenten, ist an Brustkrebs erkrankt. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Gerlinde Kretschmann kennt man als optimistischen Menschen. Jetzt ist sie schwer erkrankt. Ein Porträt der Frau, die eigentlich nicht Landesmutter werden wollte.

Sigmaringen - Manche sagen, die Frau sei Kult. Danach sieht es gar nicht aus. Die kleine Dame mit den dunklen Locken und dem braunen Mantel kommt ins voll besetzte Café in der Stuttgarter Innenstadt, und keiner nimmt Notiz von ihr. Kult, fragt Gerlinde Kretschmann und zuckt irritiert mit den Schultern. Was soll das genau sein? Sie neigt nicht zur Verehrung, und sie will auch nicht verehrt werden.

Sie ist protokollarisch die erste Frau des Landes, und sie bewahrt sich so viel Normalität wie möglich. Die Sigmaringerin kommt mit dem Zug nach Stuttgart. Der Zug hat Verspätung, ist ja klar. „Ha, hab ich halt gewartet, wie andere Leute auch.“

Erkrankt an Brustkrebs

Einige Jahre her ist diese Begegnung mit Gerlinde Kretschmann. Sie ist sich treu geblieben seitdem – eine natürliche, bescheidene Frau. Doch jetzt muss sie mit einem herben Schicksalsschlag fertig werden. Die Ärzte haben bei ihr Brustkrebs diagnostiziert.

Eine solche Erkrankung ist zunächst einmal eine ganz persönliche Angelegenheit. Doch Gerlinde Kretschmann und ihr Mann, der Ministerpräsident, haben sich entschieden, sie öffentlich zu machen. „Es geht ihr den Umständen entsprechend, aber es kommen nun schwere Zeiten auf sie zu“, sagte Winfried Kretschmann am Freitagmorgen in einer „Persönlichen Mitteilung“. „Ich will für sie da sein, so gut es geht.“

Der Ministerpräsident wird auf Termine im laufenden Wahlkampf verzichten, um mehr Zeit mit seiner Frau verbringen zu können. Mehr will Kretschmann nicht sagen: Er und seine Frau seinen dankbar für die Anteilnahme der Bürger. „ Aber wir bitten darum, von Nachfragen abzusehen.“

Ein Bildle mit der Landesmutter

Die Rolle als Gattin eines Regierungschefs bringt auch Gerlinde Kretschmann in die Lage, dass Persönliches politisch und damit öffentlich wird. Gedrängt hat sich sich nach einer solchen Rolle nie. Im Gegenteil. Vor der Landtagswahl 2011, die Winfried Kretschmann erstmals zum Miniterspräsidenten machte, dachte die Grundschullehrerin an den bevorstehenden Ruhestand, an mögliche Reitstunden, vielleicht ein Kunststudium.

Die inoffizielle Position als Landesmutter, dieses Etikett hat die inzwischen 73-Jährige dann aber doch hingenommen, „weil die Leute sich leichter tun, wenn sie mich in eine Schublade einsortieren können“. Seither führt Gerlinde Kretschmann ein Leben außerhalb des Gewöhnlichen. „Ich erlebe Sachen, die ich normal nicht erlebt hätte“, sagt sie mit ihrem Zollernalb-Zungenschlag. Sie hat Präsidenten, Könige und Fürsten getroffen.

Auch sie selbst ist durchaus auch eine Attraktion. „Viele Leute wollen ein Bildle mit mir machen“, schmunzelt sie. Das macht sie mit, auch wenn sie vermutet, dass die Aufnahme in irgendeiner Schublade verschwindet. Sie hätte auch nie gedacht, dass sie mal für die „Bild“-Zeitung Weihnachtsplätzchen backen würde. Kurz stutzt sie, dann sagt sie, „ich darf mich nicht zu prüde aufführen – und Brötle machen, das kann ich verantworten“.

Die passionierte Wanderin geht in ihrer Position ihren eigenen Weg. Tatsächlich hat ihr zu Beginn der Amtszeit jemand empfohlen, einen Kursus zum sicheren Auftreten zu belegen. Sie hat sich den Ratschlag angehört und ihn nicht befolgt. „Ich mach’s so, wie ich es für richtig halte.“

Echtes Interesse an den Gesprächspartnern

Die Frau des ersten grünen Ministerpräsidenten eines Bundeslandes nimmt die Leute und ihre Aufgabe ernst. Reine Repräsentation liegt ihr nicht, sie ist interessiert an ihren Gesprächspartnern und an den Geschehnissen. Anlässlich einer Dienstreise ihres Mannes nach Südamerika war sie zum ersten Mal außerhalb Europas. Dabei hat sie eines erstaunt: „Anscheinend war ich die Einzige, die noch nie außerhalb Europas war.“

Auf Delegationsreisen absolviert sie nicht einfach das Damenprogramm, sie erkundet die Welt hinter der offiziellen Kulisse. Vor einer Reise nach Israel hat sie sich schwer überlegt, ob sie überhaupt mitfahren soll. Die frühere Grünen-Stadträtin von Sigmaringen hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf eigenen Terminen den Menschen und ihren Problemen möglichst nahe zukommen. Davon berichtet sie dann ihrem Mann, dem Ministerpräsidenten. „Das ist meine Legitimation, dass ich bei den Fahrten dabei sein kann.“ Bei ihren Begegnungen abseits des Protokolls lässt sie nicht locker, „da frage ich hemmungslos“, und sie hört so einiges, das nicht politisch korrekt ist.

Sie nimmt Gedanken von Reisen mit, nicht Souvenirs

In Japan erfährt die Lehrerin aus Laiz, einem Stadtteil von Sigmaringen, warum es dort keine Bettler gibt. „Die würden nichts kriegen.“ Sich um den Nächsten zu kümmern sei ein Thema des Christentums, erkennt die Katholikin. Gespräche in Japan und Südkorea bringen sie zu der Erkenntnis, dass die sozialen Strukturen außerhalb der Familie noch aufgebaut werden müssen. „Die sitzen auf einem Pulverfass.“ Solche Gedanken nimmt Kretschmann von den Reisen mit, nicht Souvenirs von Shoppingtouren.

In der medialen Welt der smarten gestylten Society-Ladys ist die Bauerntochter manchmal schwer vermittelbar. Das stört Gerlinde Kretschmann überhaupt nicht. Im Radio beispielsweise, habe ihr mal ein Journalist gesagt, da müsse man schwätzen ohne Punkt und Komma, das liegt der Laizerin nicht. „Dann sag ich, ja, dann muss er halt jemand anders nehmen.“

Manchmal hat politische Korrektheit Vorrang

Manchmal muss sie sich Zwängen beugen. In der Zwickmühle war sie, als die Bahn ihr die Patenschaft für den Fildertunnel im Projekt Stuttgart 21 antrug. Die S-21-Gegnerin lehnte ab – nicht ohne den Bauarbeitern ihre Wertschätzung zu versichern. Später hat sie doch zugesagt, die Patenschaft für den Albabstiegstunnel auf der Strecke Wendlingen–Ulm zu übernehmen. Da hatte die politische Korrektheit Vorrang.

Mit ganzem Herzen ist die oberste Ehrenamtliche des Landes bei ihren sozialen Projekten dabei. Zusammen mit dem Tänzer Eric Gauthier und dem früheren Staatsrat Konrad Beyreuther bildet sie das Kuratorium der baden-württembergischen Alzheimer-Stiftung und stellt diverse Aktionen auf die Beine. „Wenn’s hilft, mach ich das“ ist das Leitmotiv ihres sozialen Engagements.

Singen ist ihr ein Anliegen

Auch das Singen ist ihr ein echtes Anliegen. Da stellt sie sich bei den Feiern zum Tag der Deutschen Einheit zusammen mit einer Frauenband auf eine Bühne in der Königstraße und swingt zu Gunsten des Netzwerkes „Singende Krankenhäuser“. Wenn es ums Singen geht, sprudelt es nur so aus Kretschmann heraus. Singen hole Demenzkranke für den Augenblick zurück in die Gemeinschaft, Singen sei gut für Babys im Mutterleib,Singen mache Kranke fröhlich, Singen und Musik müssten in der Schulen wieder einen anderen Stellenwert bekommen.

So sehr ihr die Kommunikation liegt, manchmal muss sie auch allein sein. „Ich kann dieses Immerwährende nicht brauchen“, sagt sie. „Wenn man abends nicht mehr weiß, mit wem man morgens gesprochen hat, dann birgt das die Gefahr der Oberflächlichkeit.“ Das will sie vermeiden und ergänzt beiläufig, „manchmal muss ich auch einfach meinen Haushalt machen“.