Der Limburger Bischof Georg Bätzing wird Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Er gilt als Mann des Ausgleichs. Doch in einem bedeutenden Gebiet kennt er sich nicht aus.
München - Die Badewanne. Diese unsterbliche Badewanne. Dass sie ihm immer noch im Kopf herumgeht, auch wenn sie längst eingemottet ist in einem Abstellraum, drum herum alles verpackt ist, damit die Geister nicht wiederkehren –, das macht Georg Bätzing gleich am Beginn seiner neuen Amtszeit deutlich. Bischof ist er in Limburg seit knapp vier Jahren, Nachfolger des Protzklerikers Franz-Peter Tebartz-van Elst, der 31 Millionen Euro ausgegeben haben soll für seine privaten Räume im bischöflichen Palais, inklusive jener Luxusbadewanne, die zum Symbol für die Verschwendung und in den Schlagzeilen der Medien – farblich allerdings zu Unrecht – auch noch golden geworden ist.
Bätzing hat aufgeräumt in Limburg und offenbar so überzeugend Ordnung geschaffen in seinem eigenen Haus, dass ihn seine 68 Amtsbrüder diesen Dienstag an ihre Spitze gewählt haben: Nach dem Münchner Kardinal Reinhard Marx wird nun also Georg Bätzing die Deutsche Bischofskonferenz in den nächsten sechs Jahren führen. Und zum Komplex Badewanne sagt er in seiner ersten Pressekonferenz gleich nach der Wahl, die „Limburger Krise“ sei auch das Resultat mangelnder Beschwerdeverfahren gegen Bischöfe. Deshalb werde er sich dafür einsetzen, dass es in der deutschen katholischen Kirche bald eine Verwaltungsgerichtsbarkeit gebe. Die absolute, unantastbare Herrschaft von Bischöfen, heißt das übersetzt, geht dem Ende entgegen.
Georg Bätzing gehört zu denen, die sich eindeutig für Reformen einsetzen
Georg Bätzing, der im April 59 Jahre alt wird, gehört nicht nur zur jüngeren Generation der deutschen katholischen Bischöfe, sondern auch zu denen unter ihnen, deren Geduld mit einer unbeweglichen Kirche zunehmend schwindet und die sich eindeutig für Reformen einsetzen. Dass er sich Lockerungen beim priesterlichen Pflichtzölibat vorstellen kann, dass er Öffnungen bei einer Sexuallehre will, die von den Menschen heute nur als Verbotsmoral und nicht mehr als Orientierungswissen wahrgenommen werde, hat Bätzing schon vielfach deutlich gemacht.
Und jetzt, bei seinem ersten Auftreten als Vorsitzender der Bischofskonferenz – der Ausdruck „Chef“ verbietet sich in diesem Falle, denn zu befehlen hat man in dieser Position gar nichts –, spricht er gänzlich unerschrocken auch aus, was konservative Kollegen gar nicht gerne hören. Bätzing sagt, selbst wenn Papst Franziskus zu manchen Themen – etwa die verheirateten Priester – keine Position beziehe, „dann heißt das nicht, dass wir das nicht tun könnten“.
Bätzing hat keine Zweidrittel-Mehrheit bekommen
Erstaunlich schnell waren die Bischöfe bei ihrer Vollversammlung in Mainz fertig mit der Suche eines neuen Vorsitzenden. „Nicht wesentlich mehr als zwei Wahlgänge“, hätten sie gebraucht, sagt Bätzing. Das ist angesichts des Gegeneinanders von Konservativen (um den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki) und „liberaler“ Mehrheit zwar bemerkenswert. Das heißt aber auch, dass Bätzing keine Zweidrittel-Mehrheit bekommen hat, sondern nur etwas zwischen 51 und 65 Prozent. Für den Chef einer politischen Partei wäre das tendenziell ein Misstrauensvotum. Dass es in der Bischofskonferenz an „Gemeinsamkeit“ fehle, spricht Bätzing ungeschönt an. Aber zum Vermitteln ist er auch gewählt worden; nach dem dominanten Reinhard Marx war ein Teamplayer gesucht. „Zuhören“ wolle er, sagt Bätzing: „Wir müssen in Verantwortung für die Gesellschaft und das Evangelium viel mehr und enger zusammenrücken.“
Zuhören, versöhnen, Stürme beruhigen und Kehrtwenden einleiten musste Bätzing schon in der eigenen Diözese, die nicht nur wegen Tebartz-van Elst zerklüftet war. Es hat sich herausgestellt, dass der frühere Limburger Bischof Franz Kamphaus, den man wegen seines sozialen Engagements, wegen seines Kampfes für Menschenrechte und gegen die römische Hierarchie bewunderte –, dass ausgerechnet dieser Bischof Missbrauchs-Priester gedeckt hat: durch Vertuschung, durch Versetzung, durch die Verweigerung eines Gesprächs mit Opfern. Auch rein soziogeografisch ist die Diözese Limburg zerklüftet. Sie bindet Gegenden, Menschen, Gesellschaftsschichten zusammen, die unterschiedlicher nicht sein können: den Westerwald, den Rheingau, die Finanzmetropole Frankfurt.
Der neue Vorsitzende kennt sich in der Ausbildung von Seelsorgern ganz praktisch aus
Bätzing stellte gerade diese, gewissermaßen programmatisch, in den Fokus seiner ersten Pressekonferenz: In Frankfurt lebten Menschen aus 182 Nationen und vielen Religionen friedlich zusammen. Nicht nur das: 2021 finde dort der nächste Ökumenische Kirchentag statt, eine doppelte Herausforderung für Bätzing, der dann gastgebender Ortsbischof und führender Repräsentant der katholischen Kirche Deutschlands zugleich sein wird.
Anders als seine Mitbewerber für die Spitze der Bischofskonferenz kommt Bätzing nicht aus der „Kölner Schule“ des früheren Kardinals Joachim Meisner und seines Nachfolgers Woelki. Bätzing stammt aus Trier; unter Reinhard Marx, der Bischof dort war, leitete Bätzing das Priesterseminar – kennt sich also in der Ausbildung von Seelsorgern ganz praktisch aus – und organisierte in Marx’ Auftrag auch die populäre Wallfahrt zum Heiligen Rock, die 2012 etwa 550 000 Pilger anzog. So freute sich Marx an diesem Dienstag denn auch sichtlich über Bätzings Wahl zu seinem Konferenznachfolger. Viel musste er dazu nicht sagen. Nur das: „Georg, jetzt bist du dran.“
Bätzing ist „nicht kurienaffin und kurienbewandert“
Bätzing seinerseits wird Marx brauchen. Denn ein Kriterium erfüllt er nicht, das eigentlich zur Pflicht in seinem Amt gehört: Da er im Gegensatz zu etlichen Amtsbrüder nicht in Rom studiert oder gearbeitet hat, spricht Bätzing kein Italienisch und gibt freimütig zu, er sei „nicht kurienaffin und kurienbewandert“. Angesichts der Verständigungsprobleme mit dem Vatikan, gerade was den Synodalen Weg und damit die deutsche Diskussionen über Kirchenreformen betrifft, ist das durchaus ein Manko, und Bätzing sieht das auch. Er hoffe auf „Unterstützung derer, die den Laden kennen“, sagt er. Wen er meint, lässt er diplomatisch weise offen. Er könnte an Marx denken, den Papst Franziskus ja auf Dauer in seinen engsten Beraterkreis aufgenommen hat, oder auch an einen Kardinal Woelki, der gelegentlich, gefragt oder ungefragt, eine ganz andere Version vom Zustand der deutschen Kirche nach Rom berichtet.
Intern wartet derweil schon eine Riesenaufgabe des Ausgleichs und der Integration auf Bätzing. Diskutieren will die Bischofsversammlung diesen Mittwoch über die neue Form und die neue Höhe der finanziellen Entschädigung für Missbrauchsopfer. Bislang werden „in Anerkennung zugefügten Leids“, aber ohne Schuldeingeständnis, maximal 5000 Euro pro Person bezahlt. Eine von der Bischofskonferenz vergangenes Jahr eingesetzte Expertenrunde und Opferverbände selbst verlangen Summen von 300 000, in Einzelfällen gar von 400 000 Euro. Der Widerstand gegen solche Beträge ist unter den Bischöfen nicht weniger groß wie der Unterschied in der Finanzkraft der einzelnen Diözesen und Ordensgemeinschaften.
Währenddessen werfen Opfersprecher wie Matthias Katsch vom Eckigen Tisch der Kirche immer erbitterter vor, sich um Zahlungen überhaupt herumzudrücken. „Ich hoffe, dass wir zu einer einvernehmlichen Entscheidung kommen“, sagt Bätzing. Weiter will er an seinem ersten Amtstag der Diskussion nicht vorgreifen. Lieber nicht. Und übrigens: In Limburg wohnt Bätzing nicht auf dem Domberg, wie es sein Vorgänger für sich selbst so schön geplant hatte. Er hat ein kleineres Einfamilienhaus in der Stadt bezogen. Fußläufige Entfernung zum Büro: fünfzehn Minuten nach offiziellen Angaben.