Platz machen, bevor man zum „Auslaufmodell“ wird: Das hat sich Jürgen Haas vorgenommen. Er spricht über den Ausstieg aus dem Beruf und dem Gemeinderat.
Wer bekommt die meisten Stimmen? Das wird bei der nächsten Kommunalwahl in Wernau spannend, denn Jürgen Haas, der bei den vergangenen Wahlen regelmäßig Stimmenkönig wurde, ist nicht mehr dabei. Der 76-Jährige, der für die Freien Wähler im Gemeinderat saß, ist nach mehr als 30 Jahren aus dem Gremium ausgeschieden.
Bei einem Pressetermin im Bistro City geht niemand an Jürgen Haas vorbei, ohne ihn freudig zu grüßen. Er ist stadtbekannt, das steht außer Frage. Wen wundert’s, wenn einer gleich in doppelter Hinsicht eine wichtige Funktion hatte: als niedergelassener Allgemeinarzt und als Gemeinderat und Fraktionsvorsitzender. Wobei Haas die Medizin und die Ratsarbeit auseinandergehalten hat. Natürlich gab es Patienten, die in der Sprechstunde des Arztes auf Kommunalpolitisches zu sprechen kamen. Ihnen bot er dann einen Extra-Gesprächstermin an, worauf sie in der Regel verzichteten. Und auch Wahlwerbung hat er nie in der Praxis gemacht: „Das gab’s bei mir nicht“, betont er.
1994 wurde Haas erstmals gewählt
Der 2019 verstorbene Eugen Bauer, ein Wernauer Urgestein, lud Haas Anfang der 1990er-Jahre zu den Freien Wählern ein, nachdem die beiden sich über die damals anstehende Neugestaltung des Stadtplatzes unterhalten hatten. Der Arzt wartete allerdings noch ab, bis er einen Partner für seine Praxis gefunden hatte – dann sprang er sinnbildlich ins kalte Wasser. „Ich war völlig unbeleckt, ich habe das erst lernen müssen“, sagt er über die Anfänge seiner kommunalpolitische Arbeit. Viel Zeit hatte er nicht, denn gleich beim ersten Anlauf wurde er 1994 in den Gemeinderat gewählt. Er kniete sich rein, vor allem in das Thema Haushaltsplanung, wollte wissen, „warum was wo steht“. Das war viel Arbeit, hat aber – wie alle anderen Themen im Rat – den Horizont ungemein erweitert, findet Haas.
In seiner Anfangszeit war es üblich, dass sich jüngere Ratsmitglieder zunächst im Gremium zurückhalten – was er nicht immer tat. Aber die Stimmung sei sehr gut gewesen, sagt Haas, die Gemeinschaft pflegte man unter anderem bei gemeinsamen Skiausfahrten. Wichtig waren auch die Nachsitzungen, „da hat man miteinander Deutsch geschwätzt“, erzählt er. Haas freut sich sehr, dass dieser Brauch nun mit der Bürgermeisterin Christiane Krieger wieder auflebt, nachdem er ob der langen Sitzungen zeitweise eingeschlafen war.
Einfacher ist die Gremienarbeit sicher nicht geworden, das steht für den Mediziner fest. Er sieht mehr Bürokratie, kompliziertere Prozesse, aber auch höhere Erwartungen seitens der Ratsmitglieder, die heute alles schon perfekt aufbereitet bekommen wollen. Mit der Digitalisierung hat der 76-Jährige aber nie ein Problem gehabt; dass die hybriden Ratssitzungen gegen seinen Einspruch „einfach so vom Tisch gewischt“ wurden, bedauert er. Persönlich nehme er das nicht, sagt er, denkt aber, dass man damit vielleicht auch Jüngere gewinnen könnte. Bei den Freien Wählern sei das Instrument jedenfalls etabliert.
Dass er nun einen Schlussstrich im Gemeinderat zog, hänge einfach mit der Gelegenheit zusammen: Mit Thilo Willner stand ein engagierter und jüngerer Nachfolger bereit. „Was Besseres kann nicht passieren, als wenn jemand frische und andere Gedanken reinbringt“, sagt Haas, der nicht „zum Auslaufmodell“ werden wollte. Ähnlich hat er es mit seiner Praxis gehandhabt, die er zum Juli 2024 zwei nachfolgenden Ärzten übergab.
Nah bei den Leuten zu sein, war ihm wichtig
Ob Beruf oder Kommunalpolitik: Er war immer „nah bei den Leuten – das ist mir etwas grundsätzlich Wichtiges“, sagt Jürgen Haas. Auch in den Zeiten, in denen er einer der Bürgermeister-Stellvertreter war, hat er das sehr geschätzt. Denn gerade bei den repräsentativen Besuchen bei Jubilaren bekam er viele Geschichten zu hören, auch von den zahlreichen Heimatvertriebenen, die in Wernau heimisch geworden sind. „Die Leute haben einiges mitgemacht an Entbehrungen, schlimmen Erlebnisse und Angst“, sagt er. Er hat ihnen gern zugehört, wie auch den Patienten. „Nach einem Jahr merke ich immer mehr, wie sehr mir die Gespräche fehlen“, räumt er ein.
Aktiv bleibt Jürgen Haas aber weiterhin: auf dem Rennrad, mit seinen Töchtern und Enkelkindern und neuerdings sogar am Herd. Ab und zu zu kochen, mache „richtig Spaß, da kann man sich auch noch weiterentwickeln“, stellt er fest. Im DRK, dessen Bereitschaftsarzt und stellvertretender Vorsitzender er lange war, ist er weiterhin Mitglied, bei den Freien Wählern, die seine Erfahrung schätzen, nimmt er an den Fraktionssitzungen teil. Kürzlich saß er auch schon mal als Zuschauer in einer Gemeinderatssitzung, weil ihn der Finanzzwischenbericht interessierte.
Platz für einen Jüngeren
Abschied nach 31 Jahren
Jürgen Haas wurde 1994 zum ersten Mal für die Freien Wähler in den Wernauer Gemeinderat gewählt, dem er dann mehr als drei Jahrzehnte lang ununterbrochen angehörte. Sieben Mal nacheinander ist er wiedergewählt worden, die letzten fünf Mal war er Stimmenkönig. Ebenso war er viele Jahre lang Fraktionsvorsitzender und zeitweise auch einer der Bürgermeister-Stellvertreter.
Nachrücker
Theo Willner ist für Haas in den Gemeinderat nachgerückt. Er ist 39 Jahre alt, hat drei Kinder und ist als Physiotherapeut ebenfalls im Gesundheitswesen tätig. Zusammen mit seinem Kollegen Michael Wörn betreibt er Medisport Wernau.