Die Scheune im Haus Neckarstraße 1 ist riesig, hat mehrere Ebenen und zwei Ställe. An Maschinen und Geräten ließe sich landwirtschaftliche Geschichte erzählen. Hinterm Haus stehen noch Schuppen und Hühnerstall. Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Die Gemeinde Deizisau hat ein altes Bauernhaus erworben. Im Kaufvertrag sicherte zu, das Gebäude museal zu nutzen. Ein Förderverein soll das Projekt vorantreiben.

DeizisauDie Zeit ist im Haus von Martha Clauß stehengeblieben. Das letzte Garbenbündel lehnt noch im Heubarn, Getreidesäcke hängen auf einem Balken, Spinnweben wabern über aus Holz gebaute Maschinen, der lederne Treibriemen für den Häcksler liegt noch auf dem Transmissionsrad und mit ein wenig Fantasie sieht man die Kühe am Futtertrog stehen. Das Haus Neckarstraße 1, 1891 erbaut und 1952 erweitert, wirkt schon jetzt museal. Damit ein richtiges Heimatmuseum entstehen kann, hat es Martha Clauß, 92 Jahre alt, an die Gemeinde verkauft. Ein Förderverein soll nun ein Konzept dazu entwickeln. Auf Einladung von Bürgermeister Thomas Matrohs kamen 25 interessierte Bürger zum ersten Treff ins Rathaus. Sie hatten etliche Ideen mitgebracht.

Diakon Klaus Hilius hat schon vor vielen Jahren das Korn für die Museumsidee gesät. Die Lage in der Ortsmitte, die riesige Scheune, ein Gewölbekeller, der große Garten mit Hühnerstall und Schuppen – ideal für Ausstellungen, Führungen, eine Lesenacht oder gelegentlich ein Scheunenkino, meint er. Der Diakon kennt das Haus gut, weil die evangelische Kirche in Scheune und Hof manches Fest gefeiert hat, zum Beispiel im Seniorenferienprogramm. Auch Kindergärten kamen manchmal zu Besuch auf den Hof.

Dass junge Leute einen Eindruck bekommen, wie früher Landwirtschaft betrieben wurde, das ist ein Anliegen von Martha Clauß, früher Vorsitzende der Deizisauer Landfrauen. Und ihr zweiter Wunsch: „Ich will das Haus in gute Hände geben und nicht dass der Bagger kommt.“ Beim Bürgermeister kam die Idee gut an. Die Gemeinde, die früher von der Landwirtschaft geprägt war, hat bislang weder Geschichtsstube noch Heimatmuseum.

Deizisau brauche etwas Historisches, das über das Jubiläumsjahr hinaus gehe, meint Matrohs. Inzwischen hat er auch den Gemeinderat davon überzeugt. Vergangenes Jahr wurde der Kaufvertrag mit unterzeichnet, der Martha Clauß das Wohnrecht bis zum Lebensende einräumt, zum anderen eine museale Nutzung auf zunächst zehn Jahre vorsieht. Die Scheune soll eventuell schon genutzt werden, solange Martha Clauß noch im Wohntrakt lebt. Zunächst benötigt man aber ein Konzept und Ehrenamtliche, die sich engagieren wollen.

Viel Mühe auch ohne Kühe

Ein Förderverein sollte zunächst das Haus und seine Historie dokumentieren, schlug Matrohs den interessierten Bürgern vor. Einen Verein zu gründen, sei allerdings keine kommunale Aufgabe, die Gemeinde stelle eben das Haus zur Verfügung. Zusammen mit Martha Clauß, so ergänzte Klaus Hilius, könnte man die Geschichte von Hof und Familie mit Ton- oder Filmaufnahmen festhalten. Der Verein könnte auch weitere bäuerliche Gegenstände im Dorf sammeln und sichern. Eventuell könnte man auch die Geschichte von Flüchtlingen einbringen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deizisau eine neue Heimat gefunden haben.

So einen Hof weiterleben lassen und das Gebäude zu erhalten, bedeute viel Arbeit, gab Markus Eberhardt, Gemeinderat und Landwirt, zu bedenken. Sein Vater Otto Eberhardt würde gern das Wissen beisteuern. Er gehört zu den wenigen alten Deizisauern, die noch berichten können, wie die Landwirtschaft früher aussah, als man mit Kuh und Ochs den Berg hochgefahren ist. Aber wer pflegt den Bauerngarten? Auch der Verein? Das wollte eine Bürgerin wissen. Eine Antwort erhielt sie am ersten Abend noch nicht. Auch auf die Frage, wer das Museum bezahle, gab es keine konkrete Antwort. Matrohs will sich erkundigen, welche Fördermöglichkeiten es im Land gibt. Ermutigung erhielten die Frager von der 92-jährigen Bewohnerin. „Das Wichtigste ist, dass man Freude an der Sache hat – sonst wird’s nix. Und man darf nicht müde werden.“ Wenn die Beine noch mitmachen würden, wäre Martha Clauß sicher die Erste, die zur Hacke greifen würde. Energie versprüht sie immer noch.

Eine andere Idee von Heimatforschung brachte Dieter Schwarz ein: Man könne die örtliche Familiengeschichte noch detaillierter erkunden. Warum zum Beispiel die Deizisauer ihre Partner oft auf dem Schurwald suchten und welches Schicksal einzelne Familien in den Pestjahren oder im 30-jährigen Krieg erlitten. Angesichts der verschiedenen Vorstellungen sei es sinnvoll, verschiedene Arbeitsgruppen zu bilden, schlug deshalb Siegfried Künstle vor. Bürgermeister Matrohs will im Februar zu einer weiteren Versammlung einladen, um dem Förderverein eine Kontur zu geben.

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