Das Strümpfelbacher Rathaus (Mitte) prägt das Ortsbild. (Archivbild) Foto: Gottfried Stoppel

Weinstadt hat ein Geldproblem: rund 4,6 Millionen Euro fehlen. Der Verkauf historischer Ratsgebäude soll die Kasse wieder füllen. Ex-Stadtrat Ernst Schnaitmann ist entsetzt.

Als Ernst Schnaitmann erfahren hat, dass die Stadt Weinstadt (Rems-Murr-Kreis) den Verkauf der alten Rathausgebäude in Endersbach, Großheppach und Strümpfelbach plant, schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: „Um Gottes Willen.“ Denn seiner Ansicht nach sind Kirchen und Rathäuser „die zwei Fixpunkte in Ortschaften“ – selbst wenn die Rathäuser ihre ursprüngliche Bedeutung als Verwaltungssitze nach der Gemeindefusion 1975 verloren haben. Schnaitmann saß 30 Jahre für die Freien Wähler (FW) im Gemeinderat und bemängelt: „Einerseits jammert man, dass das innerörtliche Leben zurückgeht und andererseits werden die ehemals zentralen Anlaufpunkte verkauft.“

Das Großheppacher Rathaus zum Beispiel dient heute als Begegnungsstätte: Dort trifft sich der Kreis der Älteren und Alleinstehenden zum gemeinsamen Mittagessen, die Musikschule Unteres Remstal unterrichtet hier Musikschüler und es gibt Veranstaltungen für Geflüchtete. „Diese Angebote sind für den Stadtteil und das soziale Miteinander in Weinstadt von großer Bedeutung“, räumt selbst die Verwaltung in ihrer Gemeinderatsvorlage zur Vorberatung der beabsichtigten Verkäufe ein.

Auch das Rathaus Strümpfelbach ist ein Treffpunkt, beispielsweise für die Landfrauen. In den Sommermonaten präsentieren Weingüter sich und ihre Erzeugnisse rund ums Gebäude. Einige Vereine und Gruppen sind dort aber bereits ausgezogen, denn die örtliche Hausarztpraxis hätte interimsweise wegen Sanierungsarbeiten am bisherigen Standort einziehen sollen. Im Rathaus Endersbach sind das Amt für öffentliche Ordnung sowie das Prüfungsamt untergebracht.

Rathäuser als „Denk- und Mahnmale“

„Für mich sind die Rathäuser Denk- und Mahnmale zugleich“, fährt Schnaitmann fort, „viele der heutigen Probleme Weinstadts sind hausgemacht.“ So habe man über Jahre nur durch den Verkauf von Immobilien und Grundstücken versucht an Geld zu kommen. Doch in der vergangenen drei Jahren sei die Bautätigkeit zurückgegangen, Bauträger hätten sich zurückgehalten, die „Sahnehäubchen“ in jüngst entwickelten Neubaugebieten seien unverkauft geblieben.

Im Falle des Wohngebiets Halde V auch durch gerichtliche Auseinandersetzungen, spielt Schnaitmann auf die Lärmschutzstreitigkeiten mit der benachbarten Gärtnerei Hayler an. Auch einige Gewerbeplätze im Birkel-Areal sind unbebaut. Die erhofften Erlöse daraus fehlten nun der Stadt. „Da kann man doch nicht sagen: Die Karawane zieht weiter. Da muss man mal eine Zäsur machen“, spricht der Ex-Stadtrat Schnaitmann sich gegen einen Verkauf aus. „Immobilien sind die Grundlage von Vermögen. Das sind auch Werte.“

„Gut 500 Jahre stehen die Rathäuser und nun sollen sie nach nur 50 Jahren Weinstadt verklopft werden. Das ist hammerhart für mich“, stellt Schnaitmann seine Kritik in einen größeren Zusammenhang. Und setzt im Jubiläumsjahr der Stadt ein großes Fragezeichen hinter die Gemeindefusion von 1975 unter der damaligen CDU-Landesregierung. „Man hat damals gute, selbstständige Gemeinden zusammengezwängt zu einer Großen Kreisstadt, wodurch die Belastungen total aus dem Ruder gelaufen sind.“

2007 bewahrte ein Verein das Hallenbad Strümpfelbach vor dem Aus

Auch das Freibad Strümpfelbach ist durch den Sparzwang gefährdet. Foto: Gottfried Stoppel

Derweil seien es oft die kleinen Orte mit einer intakten Dorfstruktur, die vieles fertig bringen, und nicht die großen Kommunen. „Bestes Beispiel ist der Bädlesverein in Strümpfelbach“, spielt Schnaitmann auf die ebenfalls zur Haushaltskonsolidierung geplanten Freibadschließungen an. 2007 gegründet, bewahrte der Verein das Strümpfelbacher Hallenbad vor dem Aus.

Ein anderes Beispiel ist das Heimatmuseum Pflaster 14 in Endersbach. Vor rund 20 Jahren leisteten Mitglieder des Fördervereins unzählige Arbeitsstunden, um das älteste Gebäude im Ort, Baujahr 1455, wiederherzustellen. Vis-à-vis davon steht das historische Rathaus. An Ideen, wie man es als zweites Standbein des Museums nutzen könnte, mangelt es nicht. „Wir haben da schon herum sinniert“, berichtet die Vorsitzende Sylvia Ilg. Doch die überwiegend betagten Mitglieder des Vereins könnten nicht auch noch das Rathaus instandsetzen.

„Wir sind etwas ratlos“, sagt Sylvia Ilg angesichts der Lage. Einerseits verstehe man, dass die Stadt dringend Geld brauche. „Wir wissen, dass die Stadt nicht erst seit gestern klamm ist.“ Andererseits: „Das Rathaus gehört zur Dorfgemeinschaft, zum Stadtgebilde dazu.“ Es ungenutzt leer stehen zu lassen, sei aber auch nicht der richtige Weg. Protestaktionen gegen den geplanten Verkauf habe man daher vonseiten des Fördervereins trotz großen Bedauerns bislang nicht vor.

Der ehemalige Stadtrat Ernst Schnaitmann will derweil nicht schweigen. „Ein Verkauf der Rathäuser ist ein absolutes Unding. Das muss nicht sein. Es kommen auch wieder andere Zeiten“, sagt er und fügt hinzu: „Überall, wo es geht, werde ich meine Meinung sagen – auch wenn das manch einem nicht passt.“