In der Coronakrise haben viele Menschen die Börse für sich entdeckt. Dieses Mal könnte der Trend nachhaltiger sein als vor 20 Jahren, meint Barbara Schäder. Nach dem Platzen der Technologieblase kehrten damals viele Privatanleger der Börse den Rücken.
Frankfurt - Die Coronapandemie hat unsere Gesellschaft erschüttert wie kaum eine andere nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Börse hat sie Zulauf beschert: Ausgerechnet 2020 stieg die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland auf mehr als zwölf Millionen. So hoch war sie zuletzt 2001.
Damals ging die Sache bekanntlich böse aus. Die Terroranschläge des 11. September 2001 beschleunigten eine Talfahrt, die schon im Frühjahr 2000 mit dem Platzen der Dot.com-Bubble – einer Spekulationsblase auf Technologieaktien – begonnen hatte. Viele Anleger, die sich im Gefolge der Deutschen Telekom an den Kapitalmarkt gewagt hatten, wurden damals bitter enttäuscht.
Exzesse gibt es auch heute
Exzesse, wie sie damals auf dem Neuen Markt zu beobachten waren, gibt es auch heute. Ein Beispiel sind die Kursschwankungen von Krypto-Währungen wie Bitcoin, die ein einziger Tweet von Tesla-Chef Elon Musk auslösen kann. Oder die Turbulenzen um die Aktie des Computerspielehändlers Gamestop, der zum Spielball eines Wettstreits zwischen Hedgefonds und über das Internet organisierten Kleinanlegern wurde.
Doch diese Auswüchse sind nicht repräsentativ für das Anlegerverhalten insgesamt. Einiges spricht dafür, dass viele Börsenneulinge an einem langfristigen Investment interessiert sind. Ein Indiz dafür ist die steigende Nachfrage nach Fondssparplänen, von der die Anbieter berichten. Eine wachsende Zahl von Bundesbürgern nutzt offensichtlich die Möglichkeit, Monat für Monat einen fixen Betrag am Kapitalmarkt anzulegen, was auch mit bescheidenen Summen möglich ist.
Fonds und Depots sind deutlich billiger geworden
Sinkende Gebühren für Fonds und Wertpapierdepots sowie ein vereinfachter Zugang über Websites und Smartphone-Apps haben diesen Trend begünstigt. Die Hürden für einen Einstieg in den Kapitalmarkt sind erheblich gesunken. Das hat nicht nur Vorteile. Die Möglichkeit, Aktien mit wenigen Klicks auf dem Smartphone zu kaufen oder zu verkaufen, kann zu Kurzschlusshandlungen verleiten. Eine Studie der Uni Frankfurt zeigt, dass ein und derselbe Anleger via Smartphone riskantere Geschäfte tätigt als vor dem Computerbildschirm.
Nicht nur auf den Dax schauen
Zumindest aber das Bewusstsein über die Grundregeln einer ausgewogenen Aktienanlage scheint bei vielen Jüngeren vorhanden zu sein: In einer Umfrage des Online-Portals Finanztip schnitten die unter 30-Jährigen in diesem Punkt besser ab als die Älteren. 54 Prozent der Jüngeren schlossen sich der Aussage an, dass Investitionen in einen international aufgestellten Aktienfonds langfristig sicherer sind als eine Beschränkung auf deutsche Aktien. In der Wissenschaft ist dies seit Jahren Konsens, trotzdem wählten diese Antwort unter den Älteren nur 46 Prozent.
Wer Faustregeln wie eine breite Risikostreuung beherzigt, kann Aktien als Baustein für einen langfristigen Vermögensaufbau einsetzen. Angesichts der niedrigen Zinsen ist Fondssparen eine sinnvolle Ergänzung zum Bankkonto. Wie nachhaltig dieser Trend ist, wird sich freilich erst beim nächsten großen Kursrutsch zeigen. Der Einbruch zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 wirkte offenkundig nicht abschreckend, er war aber auch sehr kurz. Dank massiver Geldspritzen der Notenbanken ging der Deutsche Aktienindex (Dax) schon wenige Tage nach der Verkündung des ersten Lockdowns wieder auf Erholungskurs.
Der nächste Crash wird eine Bewährungsprobe
Nun wird aber über ein entgegengesetztes Szenario spekuliert: Flaut die Inflation nicht ab, könnten die Notenbanken mit Zinserhöhungen gegensteuern. So sehr sich viele Sparer das wünschen – dies würde Kredite verteuern und damit die Wirtschaft ausbremsen. Das wäre eine echte Bewährungsprobe – auch für Börsenneulinge.