Pappkameraden statt echter Fans: Trotz dieser sehenswerten Kulisse unterlag Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach am Samstag gegen Bayer Leverkusen mit 1:3 Foto: dpa/Ina Fassbender

Die Bilanz ist extrem: In den bisherigen 18 Geisterspielen seit dem 16. Mai gab es in der Bundesliga nur drei Siege für die Gastgeber. Geht der Heimvorteil ohne Fans komplett flöten – oder ist es Zufall?

Stuttgart - Eigentlich hat Borussia Dortmund eine richtig gute Erfahrung hinter sich: Gegen den FC Schalke 04 siegten die Schwarz-Gelben souverän 4:0. Der Prestigeerfolg war einer von nur drei Heimsiegen in 18 Spielen, seit am 16. Mai in der Fußball-Bundesliga vor leeren Rängen gespielt wird. Dennoch wäre es BVB-Sportchef Michael Zorc mit der gelben Wand im Rücken vor dem Hit gegen den FC Bayern München an diesem Dienstag (18.30 Uhr/Sky) deutlich wohler: „Für uns ist es definitiv ein Nachteil, ohne Zuschauer zu Hause zu spielen. Wir haben nicht umsonst so eine tolle Heimbilanz. In der zweiten Halbzeit auf die Südtribüne zu spielen, löst bei uns was aus, und es löst auch beim Gegner etwas aus. Das fehlt.“

Heimsieg-Quote 17 Prozent

Die Statistik dazu ist eindeutig. Bisher jedenfalls. Seit wegen der Corona-Pandemie keine Fans zugelassen sind, beträgt die Heimsieg-Quote 17 Prozent. In den beiden vergangenen Spielzeiten lag diese Quote noch bei jeweils 45 Prozent. „Ich glaube nicht, dass das Zufall ist“, sagt Bayer Leverkusens Trainer Peter Bosz. „Es ist halt so, dass das Publikum der Heimmannschaft immer hilft. Und wenn wir dann als Auswärtsteam ohne Publikum spielen, ist das natürlich einfacher.“ Bayer selbst siegte seit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit 4:1 bei Werder und mit 3:1 in Gladbach.

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Allerdings muss bei der Auswertung der Zahlen immer bedacht werden, dass als Grundlage erst zwei Bundesliga-Spieltage herangezogen werden konnten und es in der zweiten Liga komplett anders aussieht. Im Profi-Unterhaus wurden acht von 16 Heimspielen gewonnen, dazu gab’s sieben Unentschieden und nur einen einzigen Auswärtssieg. Die Buchmacher sehen jedenfalls auch bei Geisterspielen einen Heimvorteil, denn bei Duellen auf Augenhöhe gilt stets der Gastgeber als Favorit. So auch der VfB Stuttgart an diesem Donnerstag (20.30 Uhr/Sky) gegen den Hamburger SV.

Vor- und Nachteil Hexenkessel

Man muss nicht zwingend ein Psychologie-Studium absolviert haben, um zu erahnen, dass eine stimmungsvolle Kulisse Einfluss auf die Verhaltensweise der Spieler hat. Experten geben allerdings zu bedenken, dass sich dieses Zusammenspiel nicht nur positiv auswirken kann, sondern auch negativ: Ein brodelnder Hexenkessel, anfeuernde Fans können auch zu mehr Fehlern bei der Präzision und Koordination führen, bis hin zu taktischen Dummheiten. Auch kann ein Auswärtsteam durchaus Motivation daraus ziehen, wenn es ein ganzes Stadion gegen sich hat.

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Für den Sportpsychologen Christian Heiss hängt der Heimvorteil sportartenübergreifend jedenfalls weniger von den Zuschauern ab, als vielmehr von anderen Kriterien wie zum Beispiel dem gewohnten Umfeld: „Die Vertrautheit des Stadions kann sich psychologisch positiv auswirken“, sagt der Experte aus Stuttgart. Ohne positive oder negative Impulse oder Drucksituationen von außen spielt die Mentalität die entscheidende Rolle – da ist sich zumindest Wolfgang Wolf ganz sicher: „Bei Geisterspielen brauchst du emotionale Leader-Typen, die auf dem Platz puschen können, mehr denn je“, betont der Fußballtrainer. Psychologe Heiss gibt zu bedenken: „Es wäre ein Anfängerfehler zu glauben, alle Profis müssen die neue Situation in leeren Stadien zwangsläufig meistern können.“ Deshalb sei eine gezielte, individuelle Vorbereitung von Seiten der Trainer mit ihren Spielern unumgänglich.

Fußball-Deutschland wird vor dem Fernseher weiter genau hinsehen – nicht nur beim Classico BVB gegen Bayern.

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