Johannes M. Fischer. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Johannes M. Fischer über die Ecken und Kanten von Esslingen und die Geheimnisse, die die Stadt verbirgt.

EsslingenDer Marktplatz. Die Maille. Kessler am Samstag, wo sich nach dem Markt die ganze Stadt beim Sekt trifft. Das Mittelalterflair, die Feste. So lernt man sie kennen, wenn man als Neuankömmling durch das Wohnzimmer, also die Innenstadt flaniert. Schön, dass in Esslingens Mitte vieles stimmig ist. Doch eine Stadt ist immer mehr als das, was in ihren Prospekten steht. Städte haben Geheimnisse, Ecken und Kanten – auch Esslingen.

Am Wochenende bin ich aus Versehen in ein solches Geheimnis hineingeplumpst. Eine heimliche Hochzeitsfeier mit lokaler Prominenz an Bord. Als ich mich als Journalist zu erkennen gab, wurde das Fest flugs zurückgestuft zu einem „ganz normalen Fest“ und schließlich zu einer privaten Feierlichkeit. Tatsächlich ist eine dermaßen herunterdeklinierte Feier kaum noch interessant für die Öffentlichkeit und der Journalist in mir hätte abschalten können. Zudem gilt es den Wunsch nach Privatheit zu respektieren. Dennoch sei mir als Neuankömmling die Frage erlaubt, ob das Understatement der „Schönen und Reichen“ ein Einzelfall war oder ob es vielleicht zum guten Ton in der Stadt gehört, nicht so viel Wind um sich zu machen und unter sich zu bleiben, ohne dass es sonst jemand mitbekommt. Sollte Letzteres der Fall sein, wäre es ein Charaktermerkmal. Dann hätte das öffentliche Sekttrinken bei Kessler am Samstag einen Zwilling, der sich aber aus gesellschaftlichen Gründen diskret versteckt .

Ganz offen ging es hingegen auf einer Hinterhof-Fest zu, in das ich wenig später geriet. Ich radelte durch die Straßen, als ich an einem Gebäude vorbeikam, das von lauter Reggae-Musik umhüllt war. Vorsichtig lugte ich um die Ecke des Hauses, das, sagen wir es mal höflich, nicht im Zentrum der Esslinger Sanierungsbemühungen steht. Einer der Festteilnehmer – es stellte sich später heraus, dass er der Gastgeber war – kam auf mich zu, fragte, wer ich bin, und nach ein paar Worten hin und her lud er mich ein, zu bleiben. Die Gäste, rund 50 Frauen, Männer und Kinder, hatten sich fast allesamt mächtig aufgeputzt; Stunden musste es gekostet haben, die fantasiereichen Frisuren herzurichten. Es gab Essen, Trinken, Lachen, Musik, es wurde geraucht und getrunken, und es hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich Bob Marley neben mir gestanden hätte. Dass ich der einzige Weiße in dieser Hinterhof-Karibik war, brachte mich auf den Gedanken, dass man hier ja auch weitgehend unter sich war. Die Frage, ob das Fest interessant für die Öffentlichkeit ist, stellte sich vermutlich keiner der Anwesenden. Wer interessiert sich schon für eine Hinterhoffeierlichkeit am Ende der Stadt, in einer Straße, die auch nur wieder in eine andere, ähnlich triste Straße führt.

Esslingen, die altehrwürdige Reichsstadt, hat nicht nur eine beeindruckende Kulisse in der Innenstadt und ein paar schöne Spazierwege am Neckarufer und in den Weingärten. Es ist auch reich an kleinen und großen Unbekannten, die etwas unbeachtet am Wegesrand liegen. Es passierte übrigens noch mehr an diesem intensiven Wochenende. Aber – da bin ich ganz bei dem diskreten Charme der Hochzeitsfeier – es muss ja nicht alles in der Zeitung stehen. Aber ein Versprechen habe ich noch für dich, Esslingen: Was auch immer du bist, ich komme dir auf die Spur.

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