Bei Volker Kleinle geht ohne Bargeld gar nichts. Karten oder Apps? Fehlanzeige. Der Bäcker setzt auf Scheine und Münzen – auch aus Sorge, dass er und die Kunden unnötig Geld ausgeben.
Die Kunden wissen: Im Laden von Volker Kleinle in Poppenweiler kommen sie nur mit Scheinen und Münzen weiter. „Ich lehne den bargeldlosen Zahlungsverkehr ab“, sagt der Bäckermeister, der selbst mit der Kreditkarte nur im Ausland während seines Urlaubs hantiert. Der Dinkelbäcker hält im Geschäft gegen den allgemeinen Trend zur Kartenzahlung am Althergebrachten fest – und findet bei der Kundschaft Verständnis.
Kritiker warnen schon lange davor, dass mit dem Bargeld auch ein Stück Freiheit verschwinden könnte. Mit der Digitalität wachse die Überwachbarkeit. Wer mit Karte zahlt, hinterlasse Datenspuren, die von Banken und Unternehmen genutzt würden.
Das bewegt auch Volker Kleinle. „Wir sind gläsern genug – warum sollte ich in etwas investieren, mit dem ich kontrolliert werden kann?“, so der Bäckermeister, der angibt, erst kürzlich die Betriebsprüfung erfolgreich bestanden zu haben und die Ehrlichkeit als Wert an die folgende Generation weitergeben zu wollen. Für Kleinle zählt auch die Überschaubarkeit: „Wer mit Bargeld bezahlt, sieht, wann es endet.“ Karten verleiteten dazu, mehr auszugeben als nötig.
Der Bäckerladen im Ludwigsburger Stadtteil Poppenweiler mit seinen rund 4700 Einwohnern wirkt wie eine der letzten Bastionen gegen den Fortschritt mit seinen Vor- und Nachteilen. Kartenlesegeräte gehören in den meisten Einzelhandelsgeschäften zum Standard. Irgendwann werde das auch in seinem Bäckerladen so sein, prophezeit Volker Kleinle: „Die nächste Generation in unserer Familie steht schon bereit – wahrscheinlich wird sich dann etwas ändern.“
Bargeldlose Zahlung: Gefahr der Kontrolle und Stigmatisierung?
Bargeldloses Bezahlen ist jedoch keineswegs unumstritten. Kritiker warnen, dass ein vollständig digitales Zahlungssystem ohne Bargeld neue Abhängigkeiten schaffen könnte. In autoritär regierten Staaten ließe sich ein solches System theoretisch zur Kontrolle oder Sanktionierung der Bevölkerung missbrauchen – ein Argument, das Befürworter von Bargeld immer wieder betonen.
Politische Motive sind für Volker Kleinle nebensächlich. Er will sich den Ärger über nicht funktionierende Geräte und das ständige nachträgliche Prüfen aller digitalen Zahlungsvorgänge ersparen. Die Kunden reagierten tolerant: „Sie wissen, dass sie Bargeld mitbringen müssen, und können notfalls nebenan bei der Bank Geld abheben.“ Kleinle führt die friedliche Stimmung auf das „bodenständige“ Publikum im ländlich geprägten Stadtteil zurück – sowie auf die aufgeschlossene Abnehmerschaft seiner Dinkelprodukte, welche auch „von außerhalb“ in den Ort gefahren käme.
Bekannte Bargeldschützer wie Hansjörg Stützle kritisieren, dass immer größere Teile der Bevölkerung von Banken und Dienstleistern auf die digitale Zahlung eingestimmt wird. Minderheiten wie Kinder oder alte Menschen drohten, unter den Tisch zu fallen. Stützle fordert für das Bargeld eine gesetzlich verankerte Annahmepflicht in Läden – ohne staatlichen Schutz drohe das Verschwinden. In den Niederlanden hätten schon 38 Prozent der Kinos angegeben, nur noch digitale Zahlungen anzunehmen.
Stützles Petition für einen europaweiten Schutz des Bargelds haben eine Viertelmillion Menschen unterschrieben, unter ihnen der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer und die Sängerin Jule Neigel, heißt es in einem Pressetext des Teams von Stützle.
Bäcker Keim kämpft mit Kosten und Ausfällen bei Kartenzahlung
Ganz unabhängig von den Diskussionen über die EU-Bargeldverordnung im Währungsausschuss der Europäischen Union, in denen der Bargeld-Erhalt nach Meinung von Stützle zu kurz kommt, hat sich Boris Keim als Bäckermeister in Marbach inzwischen auf die digitale Zahlung eingelassen. Er habe jahrelang gezögert, doch könne er sich dem Trend nicht mehr entziehen. Die Bilanz nach etwa sechs Monaten fällt für den Ladeneigentümer zwiespältig aus.
Viele Kunden verlangten laut Keim nach digitaler Zahlung – die Lasten müsse aber er tragen. „Ich zahle 120 Euro im Monat für das System. Außerdem brechen Zahlungen weg, wenn meine Mitarbeiter nicht erkennen, dass ein Vorgang nicht geklappt hat und der Kunde dann weg ist.“ Ärgerlich seien auch Situationen, in denen das System ausfalle, der Kunde kein Bargeld dabei habe und er anschreiben lassen müsse.
Beide Zahlweisen müssten bleiben: digital und bar, meint Thomas Rechkemmer, Bäckermeister aus Ludwigsburg. „Es geht gar nicht mehr ohne Kartenzahlung – 40 Prozent läuft bereits digital.“ Zu ihm kämen auch Japaner und Amerikaner, die froh darüber seien. Allerdings stiegen die Kosten für ihn, wenn mehr als 1000 Bezahlvorgänge digital abgewickelt würden. Der Dienstleister nehme dann 0,03 Prozent pro Vorgang. „Bargeld kostet aber auch: Wenn wir es von der Bank holen oder abgeben – es kostet auch Zeit, es zu zählen.“
Bei einem Ausfall von Strom oder des Servers müsse mit Bargeld bezahlt werden können, sagt Rechkemmer. Tatsächlich kämen auch sechs- bis zwölfjährige Kinder, die für ihre Eltern einkaufen und nur mit Scheinen und Münzen bezahlten. „Die meisten 70- bis 75-Jährigen zahlen ebenfalls bar.“