Der „Job-Turbo“ der Agentur für Arbeit soll vor allem Geflüchtete aus der Ukraine schneller in Arbeit bringen. Wie das gelingen kann, zeigt das Beispiel eines mittelständischen Unternehmens aus Echterdingen (Kreis Esslingen).
Porsche, Bosch, Mercedes-Benz – kennt fast jeder. Weltfirmen wie sie haben es daher meist leichter, Mitarbeiter zu finden. Die Firma Richard Tscherwitschke aus Echterdingen sucht auch händeringend Arbeitskräfte. „Aber wir bekommen so gut wie keine qualifizierten Bewerbungen mehr“, räumt Andreas Tscherwitschke, der Sohn des Firmengründers, ein. Dabei kann das mittelständische Familienunternehmen einen sicheren Arbeitsplatz bieten, ist es doch ein echter „Hidden Champion“: Es zählt es zu den führenden Anbietern im spezialisierten Anlagen- und Apparatebau. Vom Standort im Industriegebiet Nord aus werden seit über 50 Jahren Kunden auf der ganzen Welt beliefert.
Ob Bauteile von Computern und Prozessoren, Kabelstecker oder Schrauben: Unzählige Produkte werden mit funktionalen oder dekorativen Schichten versehen. Der Echterdinger Mittelständler entwickelt und produziert die erforderlichen Geräte für die Oberflächenbeschichtung und die Reinigung der Abluft, die in den galvanischen Prozessen entstehen. Die Anlagen und Apparate kommen in vielen Branchen zum Einsatz, etwa im Automobilbau, in der Elektronikindustrie oder in der Medizintechnik.
In der Regel werden die Komponenten nach Kundenwunsch individuell für den jeweiligen Einsatzzweck produziert. Dafür braucht es geschulte Fachkräfte. „Viele Mitarbeiter in der Fertigung wurden im eigenen Haus ausgebildet“, sagt Andreas Tscherwitschke stolz. Zum Beispiel zum Industriemechaniker, Maschinen- und Anlagenführer oder Kunststofftechnologen. Inzwischen liege der Altersdurchschnitt der etwa 30-köpfigen Belegschaft aber bei fast 50 Jahren. „Wir sind daher aktiv auf der Suche nach jüngeren Mitarbeitern.“ Der Betrieb setzt dabei zunehmend auf Quereinsteiger. Denn: „Die Zeiten, in denen sich die Unternehmen die Wunschkandidaten aussuchen konnten, sind vorbei“, ist sich Andreas Tscherwitschke bewusst.
Die Hoffnungsträger des Geschäftsführers heißen Oleksandr Ivanov und Andrii Poltoratskyi. Die beiden Ukrainer sind seit wenigen Wochen in der Produktion tätig. „Und sie machen sich gut“, betont Abteilungsleiter Alexander Pauen. Mit ihren grundständigen Deutschkenntnissen funktioniere auch die Verständigung. „Zumindest, wenn wir mit Schwäbisch nicht übertreiben“, sagt er lachend.
Weg geebnet für den Neuanfang
Vor gut anderthalb Jahren ist Oleksandr Ivanov mit Frau und Kind aus einer kleinen Stadt im Süden der Ukraine nach Deutschland geflüchtet. Vor dem Krieg hat der 36-Jährige, ursprünglich Anwalt, in einer Autowerkstatt gearbeitet. „Mit Kunststoff hatte ich noch nie etwas zu tun“, erzählt er, während er mit geschickten Handgriffen ein großes Werkstück bearbeitet. „Die ersten Tage waren schwer, aber jetzt gefällt es mir.“ Vor allem sei der Job und die Aussicht, wieder eigenes Geld zu verdienen, für ihn ein Schritt in Richtung Zukunft: „Ich möchte mir in Deutschland ein neues Leben aufbauen.“ Das Jobcenter Landkreis Esslingen und die Agentur für Arbeit haben ihm dafür den Weg geebnet: Über einen gemeinsam organisierten Bewerbertag mit Firmen aus dem Echterdinger Industriegebiet fanden er und das Familienunternehmen zusammen.
Auch Andrii Poltoratskyi freut sich über die Chance auf einen Neuanfang in der neuen Heimat. Seit November 2022 lebt der 41-Jährige aus Mariupol mit seiner Familie im Kreis Esslingen. In der Ukraine war er 20 Jahre in einem Stahlwerk beschäftigt. Welche Jobs auf dem deutschen Arbeitsmarkt für ihn überhaupt infrage kommen, davon habe er keine Vorstellungen, räumt er ein. „Hier ist alles anders.“ Aber er sagt mit fester Stimme: „Ich will unbedingt wieder arbeiten.“ Deshalb habe er mithilfe seiner Integrationsbegleiter viele Bewerbungen geschrieben – um die 50 Stück seien es gewesen, berichtet er. Eine davon ging an die Firma Richard Tscherwitschke, wo man ihn zunächst zum Probearbeiten einlud. „Er hat uns mit seiner Motivation überzeugt“, begründet der Firmenchef die Festanstellung.
Für Sabrina Steger, Bereichsleiterin beim Jobcenter Kreis Esslingen, und Florian Bauer vom gemeinsamen Arbeitgeber-Service der Arbeitsagentur und des Jobcenters, ist das ein gelungenes Beispiel dafür, wie die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten gelingen kann – vor allem für Ukrainer, die ihren Sprachkurs gerade beendet haben oder kurz vor dem Abschluss stehen. Für sie hat die Politik im vergangenen Herbst eigens den „Job-Turbo“ gezündet, damit sie so schnell wie möglich in Arbeit kommen.
Es einfach miteinander versuchen
Angelaufen ist die „Turbovermittlung“ Anfang dieses Jahres, seit Februar sei man nun so richtig „im flow“, sagen Steger und Bauer. Bestärkt durch erste positive Erfahrungen möchten sie hiesige Unternehmen dazu ermutigen, Geflüchtete einzustellen – auch wenn es bei der Sprache noch hapert oder die Qualifikation nicht genau passt. Das müsse ja kein Hindernis sein: Um den Mehraufwand auszugleichen, könne man den Firmen eine Reihe von Förder- und Unterstützungsleistungen anbieten, betonten sie. Dass es sich für beide Seiten lohnt, es einfach mal miteinander zu versuchen, davon ist Andreas Tscherwitschke jedenfalls fest überzeugt.
Der Job-Turbo ist eingelegt
Initiative
Im Oktober 2023 haben die Bundesregierung und die Bundesagentur für Arbeit mit Partnern aus der Wirtschaft die Initiative Job-Turbo ins Leben gerufen. Ziel ist es, Menschen mit Fluchthintergrund und Unternehmen, die Beschäftigte suchen, zusammenzubringen. Integrationsverläufe sollen beschleunigt und Geflüchtete schneller in die Lage gebracht werden, selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Arbeit statt Bürgergeld, lautet die Devise.
Zahlen
Aktuell leben in Baden-Württemberg knapp 113 000 Ukrainerinnen und Ukrainer im erwerbsfähigen Alter, davon sind 74 400 (65,8 Prozent) bei den Jobcentern und Arbeitsagenturen registriert. 27 566 Personen (37 Prozent) waren im März arbeitslos gemeldet. 8800 werden im zweiten Quartal dieses Jahres ihren Sprachkurs beenden. Nach Angaben der Arbeitsagentur haben die Beschäftigungsaufnahmen im ersten Quartal 2024 im Vergleich mit dem Vorjahreszeitraum um mehr als ein Drittel zugenommen.
Beispiel
Zum 1. Mai hat das Jobcenter Landkreis Esslingen fünf ukrainische Geflüchtete – vier Frauen und einen Mann – eingestellt. Alle fünf haben Studienabschlüsse in der Tasche: von internationaler Wirtschaft über Philosophie bis hin zu Personalmanagement. Eingesetzt werden sie im Vermittlungsbereich zur Unterstützung der Aktivitäten des Job-Turbos. Sie übernehmen administrative Arbeiten, beraten Kunden mit Migrationsgeschichte in Einzelgesprächen und führen Gruppeninformationen durch.