Das Verkehrsschild „Vorfahrt gewähren“ an der Kreuzung Hindenburgstraße-Olgastraße wird oft übersehen. Foto: Kaier

Von Pia Hemme

Esslingen - Viel zu oft kracht es an der Kreuzung Hindenburgstraße-Olgastraße. Obwohl die Hindenburgstraße schon seit drei Jahren eine Fahrradstraße ist, und sich die Vorfahrtsregeln an der Kreuzung geändert haben, scheint dieser Umstand den meisten Autofahrern noch immer nicht bewusst zu sein. Es kommt zu Kollisionen zwischen Rad- und Autofahrern – oft ein Vorfahrtsproblem.

So wie vergangenen Montag als eine 22-jährige Esslingerin mit ihrem Smart auf der Olgastraße unterwegs war. Sie übersah den vorfahrtsberechtigten Toyota-Fahrer, der in Richtung Blumenstraße unterwegs war. Die beiden Fahrzeuge kollidierten so heftig, dass sich der Smart der 22-Jährigen überschlug. Die beiden Fahrer mussten daraufhin ins Krankenhaus gebracht werden.

Dies ist nur ein Beispiel für viele Unfälle und gefährliche Situationen, die sich an der Kreuzung ereignen. Nicht umsonst ist der Knotenpunkt an der Olgastraße bei der Stadt als „Unfallhäufungsstelle“ bekannt.

Eine eindeutigere Kennzeichnung der Fahrradstraße könne eine Lösung sein, Unfälle und Beinahe-Kollisionen zu vermeiden, teilten bereits die Grünen aus dem Esslinger Gemeinderat im vergangenen Juli mit. Fraktionschefin Carmen Tittel schlug große und deutlich sichtbare farbige Piktogramme auf der Straße vor. An den die Fahrradstraße querenden Straßen sollen Stoppschilder angebracht werden. Die Forderungen hat die Stadt weitestgehend umgesetzt: Stoppschilder stehen zum Beispiel an der Georg-Deuschle-Straße. An der Kreuzung Olgastraße-Hindenburgstraße wurde ein Fahrrad-Piktogramm auf die Fahrbahn gemalt. Doch den schweren Unfall am Montag hat es nicht verhindern können. War das vielleicht noch zu wenig und zu unauffällig?

Für Christian Völkel, Abteilungsleiter für Verkehrsangelegenheiten im Esslinger Ordnungsamt, ist weniger die Kennzeichnung das Problem, sondern die Aufmerksamkeit der Autofahrer. Wer aufmerksam fahre, wie es im Straßenverkehr üblich sein sollte, würde auch die Vorfahrtsschilder an der Kreuzung erkennen. „Die Olgastraße schließt an die viel befahrene Ulmer Straße an. Wo es viel Verkehr gibt, da kann es häufiger zu Unfällen kommen. Wenn die Autofahrer aufmerksamer wären, und sich an die Verkehrsregeln halten würden, dann gäbe es deutlich weniger Unfälle.“

Dass die Autofahrer noch immer die alten Vorfahrtsregelungen im Kopf haben, und es deshalb zu gefährlichen Situationen kommt, ist für Völkel keine Erklärung. „Wer sich in Esslingen auskennt, dem müsste die Fahrradstraße mittlerweile bekannt sein. Wer sich nicht in Esslingen auskennt, der müsste eigentlich umso vorsichtiger fahren.“

Eine schlechte Sicht durch parkende Autos oder Bäume könne auch nicht die Ursache für die gefährlichen Situationen sein. Die Unfallverkehrskommission (siehe Infokasten) habe die Fahrradstraße an der Olgastraße-Hindenburgstraße geprüft und keine großen Sicherheitsmängel festgestellt. Trotzdem werde die Kennzeichnung an der Kreuzung Hindenburgstraße-Olgastraße auffälliger werden, kündigt Völkel an. Die Vorfahrtsschilder, die im Sommer teilweise von Bäumen verdeckt werden, sollen vor die Bäume versetzt werden. Weitere Schritte sollen folgen. „Wir warten auf die Richtlinien des Ministeriums für Verkehr Baden-Württemberg, um die Fahrradstraße noch besser zu kennzeichnen“, sagt Völkel. Das Ministerium werde Musterlösungen vorschlagen. Was genau, sei ungewiss. Wahrscheinlich würden die Piktogramme dann etwas bunter oder auffälliger gestaltet, sagt Christian Völkel.

Jan Lutz vom Bündnis Esslingen aufs Rad setzt sich für die Interessen der Fahrradfahrer in Esslingen ein. Regelmäßig radelt er die Hindenburgstraße entlang. Nicht selten trifft auch er auf unaufmerksame Autofahrer. „Wir Fahrradfahrer fühlen uns unwohl. Einige Autofahrer hupen, meckern, drängeln und wollen überholen“, weiß Lutz aus eigener Erfahrung. Vielen Fahrern sei einfach nicht klar, dass es sich um eine Fahrradstraße handelt und die Radfahrer dort gleichberechtigt sind. „Wir dürfen dort nebeneinander fahren, das wissen viele nicht.“

Christian Völkel vom Ordnungsamt kennt das Problem, dass viele Autofahrer mit einer Fahrradstraße wenig anfangen können. „Für sie ist das ein Novum. Sie wissen oft nicht, was das ist. Somit ist die Situation an der Kreuzung Hindenburgstraße-Olgastraße kein Sicherheitsproblem, sondern eher ein mangelndes Akzeptanzproblem.“

Für Jan Lutz von Esslingen aufs Rad ist das Verhalten im Straßenverkehr ohnehin dramatischer geworden. „Die Rücksichtslosigkeit hat massiv zugenommen. Es ist unglaublich, was Autofahrer teilweise billigend in Kauf nehmen, und dabei andere, und sich selbst in Gefahr bringen.“
Nicht nur die Autofahrer sind schuld

Die oft brenzligen Situationen an der Kreuzung Hindenburgstraße-Olgastraße würden aber nicht nur an der mangelnden Aufmerksamkeit der Autofahrer liegen, sondern auch an der schlechten Kennzeichnung des Radwegs, findet Lutz. „Die Autofahrer müssen in wenigen Sekunden entscheiden, ob sie auf die Bremse treten oder nicht. An der Hindenburgstraße ist die Situation eindeutig, es wurden Vorfahrtsschilder angebracht. Vielen Fahrern fällt es aber schwer, die Situation richtig einzuschätzen, wenn die Kennzeichnungen nicht eindeutig sind.“ Eindeutigere Fahrbahnmarkierungen könnten seiner Meinung nach Unfälle mit Radfahrern und Autos verringern.

Für Jan Lutz ist die Fahrradstraße zwar schön gedacht, aber eben nicht gut gemacht. Die Stadt habe die Fahrradstraße halbherzig und lieblos umgesetzt. Damit die Verkehrssituation für alle Beteiligten eindeutig ist, müsse die Kennzeichnung hundertprozentig durchdacht sein.

Das macht die Unfallverkehrskommission

Aufgabe: Unfallkommissionen untersuchen gezielt gleichartige und gehäuft auftretende Unfälle an Unfallschwerpunkten und entwickeln Lösungsvorschläge zur Vermeidung. Die Kommission für die Stadt Esslingen trifft sich einmal jährlich, um die von der Polizei gemeldeten Unfallhäufungsstellen zu überprüfen und zu entschärfen. Muss an bestimmten Örtlichkeiten etwas getan werden, leitet die Kommission das Thema an das Tiefbauamt weiter. Bei größeren Vorhaben muss auf die Richtlinien des Ministeriums Verkehr geachtet und gegebenenfalls gewartet werden.
Dokumentation der Unfälle: Die Polizei dokumentiert alle Unfälle im Straßenverkehr akribisch: beteiligte Verkehrsteilnehmer, Unfallort, Datum und Uhrzeit, Unfallfolgen. Diese Daten werden in einer landesweiten Datenbank gespeichert und ausgewertet. Diese Dokumentation liegt der Unfallkommission vor.

Zusammensetzung: Die Esslinger Unfallverkehrskommisssion besteht aus Vertretern der Straßenverkehrsbehörde, der örtlichen Polizei, des Verkehrsbetriebs (SVE), dem Tiefbauamt sowie Verkehrs- und Radverkehrsplanern und einem Referent des Finanzbürgermeisters. Bei Unfallhäufungsstellen, die nicht in der Baulast der Stadt Esslingen liegen, sie aber betreffen (zum Beispiel Landstraßen, oder die B 10), wird das Straßenbauamt des Landratsamts zu den Sitzungen hinzugezogen. Die Vertreter der Straßenverkehrsbehörde leiten die Kommission und laden auch die Vertreterinnen und Vertreter ein.

Verkehrskommission: Sie trifft sich alle zwei Wochen, um über Verkehrsprobleme aller Art zu beraten, zum Beispiel über Großbaustellen.

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