Gee Hye Lee liebt Jazz – und teilt ihre Freude an der Musik gerne. Foto: Gottfried Stoppel

Im Rems-Murr-Kreis leben und arbeiten viele Eingewanderte. Einige brachten ihre Instrumente mit. Deren Nachkommen schaffen eigene Sounds. Gee Hye Lee stammt aus Südkorea, die Jazzpianistin unterrichtet an der Musikschule Fellbach.

Für Gee Hye Lee war die frühere Heimat unerreichbar geworden. „In der Corona-Zeit bin ich zwei Jahre fast nur zu Hause gehockt“, sagt die aus der südkoreanischen Hauptstadt stammende Musikerin. Gigs und Gagen brachen weg. Stattdessen bestimmten Kontaktsperren, Quarantäne, Lockdown und die Angst vor dem Virus auch ihr Leben: „Das hat mich richtig runtergezogen.“ So gerne wäre die in Stuttgart lebende Jazzpianistin damals zu ihren Eltern nach Seoul geflogen: „Ich habe in dieser Zeit großes Heimweh bekommen.“

Stattdessen setzte sie sich in ihrer Wohnung im Stuttgarter Süden ans Piano, komponierte Songs und schuf „What Matters Most“. Die gleichnamige CD ist ihr Corona-Kind geworden: „Die Pandemie hat mich dazu inspiriert, neue Stücke für mein Trio zu schreiben“, erklärt Lee. Sie besann sich in der Zeit der sozialen Isolation auf das, was wirklich zählt. Und sie holte sich damit auch ein Stück Heimat zurück. Denn in ihren 2021 und 2022 veröffentlichten Jazz-Alben „What Matters Most“ und „Parangsae“ gelingt ihr ein kleines Kunststück. Die Bandleaderin schlägt darin mit ihren Mitstreitern Joel Locher (Bass) und Mareike Wiening (Drums) einen musikalisch brillanten Bogen zwischen Hier und Dort. Sie verknüpft bei manchen Stücken koreanische Volksmusik aus ihrer Heimat mit westlichem Jazz.

Ihr Kinderlied wird neu arrangiert

Mit „A Cottage On An Isle“ schafft sie ihr eigenes Erinnerungsstück: „Das war mein Lieblingsschlaflied, als ich klein war. Meine Mutter hat es mir zum Einschlafen vorgesungen“, berichtet Gee Hye Lee. Sie hat das Kinderlied neu arrangiert und mit einem Neun-Viertel-Takt versehen.

Bei „Parangsae“ kommt Song Yi Jeon mit ihrer einzigartigen Stimme dazu. Den Song „Hiding Hope“ aus der „What-Matters-Most“-CD hat Gee Hye Lee mit ihrer langjährigen Freundin und der Cellistin Nayon Han aufgenommen. Bei „Schlafparalyse“ oder „My Funny Quarantine“ lässt das Trio die Zuhörer an diesen emotionalen Achterbahnfahrten und seltsamen Gefühlen während der Pandemie teilhaben. Bei „Breath“ verschlägt es einem wirklich den Atem. Lochers schnell gezupfter und hüpfender Bass und Lees lebendiges und virtuoses Pianospiel holen einem raus aus dem Lockdown-Blues.

Apropos virtuoses Spiel: Mit 17 oder 18 Jahren hatte Gee Hye Lee ihr ganz eigenes Schlüsselerlebnis: „Mein Flügel in der Wohnung meiner Eltern hatte einen Schlüssel, mit dem man den Deckel des Instrumentes abschließen konnte. Diesen habe ich genommen, habe das Piano abgeschlossen und dann den Schlüssel weggeworfen“, berichtet sie. „Meinen Eltern habe ich danach gesagt: Ich spiele ab jetzt keine Klassik mehr, ich will nunmehr Jazz machen.“

Lees Akt der Revolte hat wiederum eine längere Vorgeschichte. Als 16-Jährige bekommt die bis dato komplett auf Klassik konditionierte Gee Hye Lee eine CD von einem Freund geschenkt: „Das war Miles Davis ‚Kind Of Blue‘. Ich habe die Aufnahme gehört und fand das so faszinierend.“ Sie spürt: „Solche Musik will ich auch spielen. Aber ich war halt noch so jung und habe mich nicht getraut.“ Mit 18 Jahren lernt sie in einem Jazzclub in Seoul einen Pianisten kennen. Er gibt ihr eine Plattenliste in die Hand. Oscar Peterson und Bill Evans stehen darauf ganz oben: „Ich habe alles zu Hause gehört.“ Die Eltern sind davon nicht erfreut. Als Gee Hye Lee ihnen eröffnet, dass sie auf Jazz umsatteln wolle, reagieren sie erst einmal ablehnend. Sie wollen, dass sie weiter ihr klassisches Spiel perfektioniert. Die junge Musikerin realisiert – das wird ein weiter Weg.

Doch ihr größter Wunsch ist nun, im Ausland zu studieren, um sich dort zu einer echten Jazzpianistin ausbilden zu lassen. Beim Zielort USA legen ihre Eltern indes sofort ihr Veto ein. Lees Professorin am Musik-Konservatorium in Seoul, die selbst in Köln studiert hat, findet den passenden Kompromiss und bricht letztendlich das Eis. Sie schlägt Lees Eltern vor: „In Deutschland kann man auch wunderbar Jazz studieren.“ Diese willigen endlich ein.

Als 19-Jährige setzt sich Gee Hye Lee in Seoul in den Flieger. Sie landet 1996 in Stuttgart, findet im Lehenviertel eine Wohnung und wundert sich über manche schwäbische Eigenart. Nachts wird es ihr beim Heimweg manchmal mulmig: „Ich war ganz allein auf der Straße. In Seoul waren da noch ganz viele Menschen unterwegs.“

Studium an der Musikhochschule Stuttgart

Das Studium an der Musikhochschule Stuttgart erweist sich als Glücksgriff. Paul Schwarz unterrichtet sie und wird ihr Lehrer und Mentor. Schon davor lernt sie auch bei Klaus Mueller die Grundlagen des Jazzpianospiels. „Das ist ein Wahnsinns-Pianist, der inzwischen in New York lebt“, erklärt sie. Mit ihren Mitstudenten an der Musikhochschule Stuttgart versteht sie sich blendend: „Wir waren wie eine Familie und haben viel gejammt.“ Längst ist sie in der Jazzszene angekommen. Zwischen 2006 und 2019 spielt sie immer montags in der „Kiste“. Die teilweise sensationellen Sessions in dem Stuttgarter Jazzclub locken die besten Jazzmusiker aus ganz Süddeutschland an. Das Publikum ist aus dem Häuschen und feiert die Reihe in den unterschiedlichsten Besetzungen. Unter dem Titel „Genius Monday“ erscheint 2010 eine CD, rund 40 Musiker wirken daran mit.

Ihr neustes Album – es ist das Fünfte – heißt passend dazu „Encounters“. Es wurde am 11. September in den Bauer Studios Ludwigsburg präsentiert. Musikjournalisten und Jazzkenner sind begeistert vom „Gee Hye Lee Trio“. Bereits im Jahr 2012 gab es den Jazzpreis Baden-Württemberg für die inzwischen 47-Jährige. Ihr Konzept klingt simpel: „Ich möchte Dinge aus dem Alltag, also was ich so erlebe und was mir Spaß macht, mit meiner Musik dokumentieren.“

Seit 2005 unterrichtet sie in Fellbach

Von ihrem Können soll auch der Nachwuchs profitieren. Seit 2005 unterrichtet sie an der städtischen Musikschule Fellbach Schülerinnen und Schüler im Fach Jazz. Sie will ihnen Freude an der Musik und am Üben vermitteln. Der Rest ergibt sich. Momentan kommen drei motivierte Talente zu ihr.

Sicherlich hätte diese Geschichte auch anders enden können. Etwa so: Mit drei Jahren sitzt die kleine Lee bereits am Klavier. Sie übt und übt. Die Eltern fördern sie. Als Zwölfjährige besteht sie die Aufnahme an der Seoul Art High School in Südkorea. Die Weichen für eine Karriere in der Klassik sind gestellt. „Ich muss sagen, dass ich es gern gemacht habe, aber nur bis ich 16 oder 17 Jahre alt war.“ Irgendwann sei der Druck sehr groß geworden. Von dem hat sie sich nun befreit.

Vielleicht war ja die einstige „Schlüsselszene“ der Auslöser dafür? Oder die Miles-Davis-CD? Ganz egal. „Parangsae“, ihr jüngstes Album, heißt blauer Vogel. Er ist auch ein Sinnbild für die koreanische Revolution. Ihren eigenen blauen Vogel lässt sie nun frei fliegen und hat ihn für immer aus dem Käfig gelassen. „Jazz bedeutet für mich Freiheit und macht mich glücklich.“