Anna Hieber mit ihrem ihr Sohn Werner um 1940 Foto: Stadtarchiv Winnenden 

In der Marktstraße 7 wird am Samstag, 8. März, eine Gedenktafel zu Ehren von Anna Hieber enthüllt – die Winnenderin rettete das Leben des jüdischen Rechtsanwalts Robert Perlen.

Die Stadt Winnenden (Rems-Murr-Kreis) gedenkt einer mutigen Frau: Anna Hieber. In einer Mitteilung hebt die Stadt hervor, dass die Winnenderin in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs den jüdischen Juristen Dr. Robert Perlen versteckte und ihn vor der Deportation und damit vor dem sicheren Tod rettete. Ihr Mut und ihre Menschlichkeit blieben lange Zeit weitgehend unbekannt – nun wird ihr Name dauerhaft im Stadtbild verankert.

Schon jetzt stellt das Virtuelle Stadtmuseum Winnenden eine ausführliche Biografie über Anna Hieber online, die ihre Lebensgeschichte und ihre außergewöhnliche Tat dokumentiert.

Eine Frau mit Zivilcourage

Anna Hieber wurde am 10. Juli 1907 in Stuttgart geboren. Sie wuchs unter schwierigen Verhältnissen auf: Ihre Mutter war eine unverheiratete Dienstmagd, ihr Stiefvater, ein Schreiner, verstarb früh, sodass ihre Mutter die Kinder alleine großziehen musste. Trotz dieser Herausforderungen fand Anna ihren Weg ins Berufsleben und arbeitete in einer Metzgerei in Esslingen. Dort begegnete sie vermutlich zum ersten Mal Robert Perlen, dem Sohn eines jüdischen Textilkaufmanns, der später ihr Schicksal mitprägen sollte.

1938 heiratete sie Albert Hieber, einen Metzger aus Leutenbach. Gemeinsam führten sie ab 1939 eine Wirtschaft und Metzgerei in der Marktstraße 7 in Winnenden. Doch der Krieg veränderte alles: Albert wurde eingezogen, das Geschäft geschlossen und Anna musste sich alleine um ihren Sohn Werner kümmern. Trotz dieser Belastung zeigte sie in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte eine außergewöhnliche Courage.

Ein Versteck vor der Verfolgung

Ab Juli 1944 verwob sich Anna Hiebers Leben schicksalhaft mit demjenigen Robert Perlens. Perlen wurde am 7. Oktober 1884 in Esslingen geboren. Zwischen 1903 und 1907 studierte er Jura in Tübingen, Leipzig und Berlin. 1912 bekam er die Zulassung als Rechtsanwalt in Stuttgart, wo er auch seinen Wohnsitz nahm. Während des Ersten Weltkriegs war er Soldat an der Westfront. Danach wurde er Sozius von Rechtsanwalt Dr. Robert Mainzer, dessen Stuttgarter Kanzlei als eine der renommiertesten in Württemberg galt.

Im Zuge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verlor Robert Perlen nach und nach seine bürgerliche Existenz. Dem erfolgreichen Juristen wurde die Anwaltszulassung entzogen. Seit 1. Dezember 1938 konnte er nur noch als Rechtskonsulent für Personen jüdischer Herkunft tätig sein. Des Weiteren wurde er mehrfach gezwungen, innerhalb Stuttgarts umzuziehen. Zuletzt wohnte er in der Marienstraße 38, wo sich sein Büro befand. Dieses Haus wurde bei einem Fliegerangriff völlig zerstört. Obwohl in einer sogenannten Mischehe mit seiner Frau Martha lebend, musste er nun fürchten, deportiert und ermordet zu werden. Um dem zu entgehen, tauchte er in Winnenden unter.

Anna Hieber: Lebensretterin im Verborgenen

Während Robert Perlens Frau eine Wohnung in der Schorndorfer Straße 56 bezog, versteckte ihn Anna Hieber bei sich in der Marktstraße 7. Tagsüber war er meist im Keller, abends oder nachts in der Küche und im Gastraum der ehemaligen Wirtschaft. Zum Ausweichen im Notfall wurde eine kleine Dachkammer in der Bahnhofstraße ausgekundschaftet. Verpflegung erhielt Perlen von Hieber und ihren Nachbarn, der Bäckerfamilie Heinrich. Sie sorgten außerdem dafür, dass Martha Perlen den Kontakt zu ihrem Mann halten konnte. Quellen in geschriebener Form über Einzelheiten des Geschehens existieren keine. Doch hat sich im Stadtarchiv eine Meldekarte erhalten, die den Aufenthalt der Eheleute Perlen in Winnenden bestätigt.

Ein tragisches Ende

Der Krieg näherte sich dem Ende, doch für Anna Hieber kam die Befreiung zu spät. Am 20. April 1945, als Winnenden unter schwerem Beschuss lag, wurde sie von einem Granatsplitter getroffen und tödlich verletzt. Sie erlebte nicht mehr, dass der Mann, den sie gerettet hatte, überlebte und später für seine Verdienste um den Wiederaufbau der Justiz mit dem Verdienstkreuz der Bundesrepublik ausgezeichnet wurde.

Gedenktafel für Anna Hieber

Enthüllungsfeier
Die feierliche Enthüllung findet am Samstag, 8. März, dem Weltfrauentag, um 11 Uhr an der Marktstraße 7 in Winnenden statt – mit Begrüßung, historischer Einordnung, Enthüllung der Gedenktafel, Betrachtung aus heutiger Sicht und musikalischer Umrahmung.

Initiative
Die Initiative zur Gedenktafel stammt von der Winnender Ortsgruppe des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). An der Vorbereitung der Veranstaltung maßgeblich beteiligt waren die Leitungen des Hauptamts und Stadtarchivs sowie Vertreter des Historischen Vereins Winnenden. Der Gemeinderat hat der Aufstellung der Gedenktafel am 18. Februar zugestimmt.