Ein buchstabierter Abend: Theophilus Vesely in „ABC“. Foto: Holger Reuker - Holger Reuker

Getanztes Weihnachtskonfekt aus dem Repertoire – das ist „Holiday Special“ mit Gauthier Dance im Stuttgarter Theaterhaus. Ein neues Stück, „ABC“ von Compagniechef Eric Gauthier selbst, hat mit seinen ironischen Pointen und Seitenhieben auf den Tanzbetrieb das Zeug zum Klassiker des Ballettkabaretts.

StuttgartWeil man in der Weihnachtszeit was Nettes braucht“, hat Eric Gauthier im Stuttgarter Theaterhaus ein „Holiday Special“ aus dem Repertoire seiner Kompanie zusammengestellt, bevor sich seine Tänzer dann im nächsten Jahr auf die großen Uraufführungs-Abende „Out of the Big Box“ und „Swan Lakes“ stürzen. Drei kurze, lustige Stücke stehen neben dem futuristischen Abschieds-Duo „For D“ von Guy Weizman und Roni Haver und neben Virginie Brunelles harmlosem „Beating“, das bei der zweiten Begegnung doch weniger begeistert. Beschlossen wird der Abend von Ohad Naharins umwerfendem „Minus 16“, wo die Tänzer in ihren dunklen FBI-Anzügen grotesk zu Marimba-Rhythmen zucken. Das Pessach-Lied in Heavy-Metal-Fassung bleibt eine grandiose Szene, wenn eine immer heftiger werdende Wut wie eine Welle durch die Runde läuft – genau wie die selbstbewusst mitschwofenden Zuschauer, die am Ende mit den 16 Tänzern die Bühne rocken.

Itzik Galilis Miniatur „The Sofa“ entpuppt sich als früher Beitrag zur #MeToo-Debatte, der mit lakonischem Humor den Angrapscher zum Angegrapschten macht. Gauthier selbst lässt sich von Anneleen Dedroog verschmähen und vom herrlich femininen Jonathan dos Santos angraben. In seinem neuen Stück beweist der Theaterhaus-Tanzdirektor dann wieder einmal sein Genie als Ballettkabarettist: „ABC“ dürfte ein ähnlicher Gala-Knüller werden wie Gauthiers 13 Jahre altes „Ballet 101“, das seit seinem zarten Beginn bei einem Noverre-Abend von den tollsten Ballerinos zwischen New York und St. Petersburg herumgereicht wird.

Entstanden ist das ironisch mit der Nomenklatura des Balletts spielende „ABC“ im Oktober für den ehemals beim Royal Ballet brillierenden Dänen Johan Kobborg, der nach seinem Karriereende nun mit Sergei Polunin, dem volltätowierten „Bad Boy of Ballet“, durch die Häuser zieht. In Stuttgart tanzt der deutlich jüngere Theophilus Vesely das fröhliche Stück und folgt Gauthiers charmanter Stimme aus dem Off, die das Tänzer-Alphabet eben nicht nur mit „Arabesque“ oder „Entrechat“ herunterbetet, sondern harte Fakten der Theaterpraxis, Zitate aus den Klassikern und ironische Seitenhiebe aufs Tänzerleben einstreut. Zu I gleich „Intermission“, also Pause, verlässt der Solist mitten im Stück die Bühne, zu S gleich „Second Cast“, also Zweitbesetzung, winkt selbige freundlich von der Seite rein. Gauthier strickt durch Querbezüge jede Menge Pointen und hebt in den schönsten Momenten zur Ballettsatire ab, bevor sich sein Solist am Schluss in einen Schnelldurchlauf durch die berühmtesten Männer-Variationen stürzt. Ja, so etwas braucht man zwischen all dem diskurslastigen modernen Tanz manchmal.

Weitere Termine: Samstag, 20 Uhr, und Sonntag, 19 Uhr, im Theaterhaus.

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