Die bundesweit bekannte Schauspielerin Leslie Malton kommt mit „Drei Frauen aus Deutschland“ nach Fellbach. Im Interview erläutert sie, auf was sich die Zuschauer freuen können.
1993 hatte sie den Durchbruch in „Der große Bellheim“, stand mit Klaus Maria Brandauer am Wiener Burgtheater auf der Bühne. Mittlerweile gehört die 66-jährige gebürtige Amerikanerin Leslie Malton zu den profiliertesten Schauspielerinnen Deutschlands. Vor acht Jahren war Malton zuletzt in Fellbach in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ zu sehen. Zusammen mit den ebenfalls bekannten Kolleginnen Ann-Kathrin Kramer und Gesine Cukrowski gastiert Malton am Sonntag, 5. Oktober, in der Schwabenlandhalle. Im Interview äußert sie sich auch über ihre Figur in der literarischen Collage „Drei Frauen aus Deutschland.“
Frau Malton, in Fellbach lesen Sie aus Texten von Else-Lasker-Schüler. Hand aufs Herz: Bei einer Umfrage in der Fußgängerzone oder gar in einem gymnasialen Leistungskurs könnten wohl nicht allzu viele etwas mit dem Namen der Lyrikerin anfangen, oder?
Na ja, da ich das deutsche Schulprogramm nicht kenne, weiß ich nicht, ob Else Lasker-Schüler in der Schule vorkommt. Aber sie ist natürlich in literarischen Kreisen bekannt. Ich empfinde es als große Ehre, die Else Lasker-Schüler zu lesen und darzustellen. Sie war emphatisch, expressiv, zart und wie alle großen Dichter hatte sie die besondere Gabe, das Erlebte so umzusetzen, dass wir uns an ihrer Sprach- und Bildergewalt bereichern können.
Wie verläuft der Abend?
Es ist ein ungewöhnliches Format, weil es sehr pur ist. Wir sind drei Schauspielerinnen, sitzen jeweils auf einem höheren Hocker, hinter einem ganz dünnen Netz, jede mit einem Scheinwerfer zart beleuchtet. Eine Schauspielerin tritt vor und steht im Mittelpunkt, spricht die Texte. Und das ist es. Da ist keine Musik, der einzige Lichtwechsel findet statt, wenn eine Schauspielerin nach vorn geht. Die Zuschauer hören die Worte, die Gedanken, fühlen die inneren Bewegungen dieser drei Frauen, die so großen Eindruck in der deutschen Literatur hinterlassen haben. Nur das, ohne Ablenkung, und es ist phantastisch, wie das Publikum es aufnimmt. Es ist so berührend für uns, und wir merken einfach auch – ich erlaube mir das zu sagen – , dass da wirklich ein Hunger ist nach einer Purheit in der Darstellung, ohne Ablenkung durch ein Video oder eingespielte Musik, sondern die Konzentration auf die Sache genossen wird: Darum geht es. Und wir merken, das Publikum ist glücklich.
Grundsätzliches Thema des Programms: Frauen kommen in der traditionellen Geschichtsschreibung häufig nur am Rande vor. Wie sieht’s aus mit der Gleichberechtigung?
Also, ich will „den Mann“ überhaupt nicht schmälern, und ich finde auch das Schlagwort vom „alten weißen Mann“ furchtbar. Jede und jeder sollte für das, was sie oder er macht und kreiert, für ihre oder seine Fähigkeit und Talent beachtet werden. Und das muss gleichberechtigt erfolgen. Ich weiß nicht, warum manche offensichtlich meinen, dass ein Geschlecht dem anderen überlegen sei. Ohne das eine existiert das andere nicht. Wir brauchen einander.
Wie sieht es denn bei Film und Fernsehen aus?
Die Ungleichbehandlung der Geschlechter gibt es auch in unserer Branche. Meine Kollegin Gesine Cukrowski, die nun auch in Fellbach mit auf der Bühne steht, hat vor zwei Jahren die Aktion „Let’s change the Picture!“ ins Leben gerufen. Dabei wird das gängige Frauenbild stark kritisiert, weil es nichts, aber auch gar nichts mit der Realität zu tun hat. Hauptsächlich werden pflegende oder skurrile Großmütter, die depressive Ehefrau, die der Mann verlassen hat, oder ähnliche Stereotypen gezeigt – es schaudert einen! Die Frauen in meinem Leben sind jedenfalls nicht so, sondern lebendige, interessante Frauen mit viel Lebenserfahrung, die viel zur Gesellschaft beitragen und zu erzählen haben.
In den Biografien zu Ihrer Person wird ja immer als Durchbruch „Der große Bellheim“ erwähnt. 33 Jahre später spricht man immer noch davon.
Ja, ist das nicht schön?! Das waren spannende Dreharbeiten. Ich kann mich erinnern, bei meiner Recherche durfte ich in Frankfurt an die Börse, aufs Parkett. Plötzlich waren alle aufgeregt, irgendwas passierte und der Dax schoss nach unten. Unser Betreuer verschwand plötzlich, kam nach 20 Minuten zurück mit den Worten: „Nee, nee, war ´ne Ente, alles okay.“ Aber in diesen 20 Minuten sind so viele Gelder hin und her geflossen auf der ganzen Welt, das können wir uns nicht vorstellen. Es ist natürlich toll, wenn man durch seine Arbeit Einblicke in die unterschiedlichsten Branchen und Situationen bekommt. Außerdem war‘s eine herausfordernde und sehr gute Rolle.
Was ich nicht wusste: Es gibt einen Verband BFFS, und Sie sind die Vorsitzende. Leslie Malton ist also Schauspielerin und Schauspiel-Funktionärin?
Das ist der Bundesverband Schauspiel, Bühne, Film, Fernsehen, Sprache – den gibt’s seit 2006. Wir sind mittlerweile als Gewerkschaft anerkannt, denn wir schließen auch Tarifverträge ab. Den in der Branche sehr geschätzten Deutschen Schauspielpreis haben wir vor 13 Jahren ins Leben gerufen, der von Kollegen für Kollegen verliehen wird.
Ihr Kollege Hannes Jaenicke sagte dieser Tage: „Von meiner Rente kann ich nicht leben.“
Ein wichtiges Thema ist bei uns tatsächlich die Alterssicherung. Ich weiß, wenn man 22 ist, denkt man nicht an die Rente, aber man sollte sich darauf vorbereiten. Die Altersarmut unter Schauspielern ist sehr hoch. Weil die meisten sich schämen, zu sagen, ich komme nicht über die Runden, ich schaffe es nicht, ich brauche Hilfe, ist es einem nicht bewusst, wie viele unserer KollegInnen in die Altersarmut gefallen sind. Wir denken ja oft, ach, es ist jetzt ein schlechtes Jahr, nächstes Jahr wird’s besser, man möchte sich nicht eingestehen, dass man keine Arbeit bekommt. Das hat oft nichts mit der Person direkt zu tun, sondern es ist einfach so, dass die Budgets kleiner geworden sind und dass leider oft auf Nummer sicher gegangen wird – vermeintlich – und die bekannten Gesichter genommen werden.
Oft gibt es auch Kritik an der Behandlung von Schauspielern beim Casting.
Ja, wir beraten und informieren die Kollegen auch in Sachen Casting: Wie weit darf man gehen? Es gibt zum Beispiel Regieleute, wenige, Gott sei Dank, die meinen, sie können von Schauspielerinnen und Schauspielern verlangen, sich bei einem Casting auszuziehen. Oder Nacktfotos von sich schicken. Das gehört nicht zu einem seriösen Casting. Punkt.
Mit 66 Jahren Lebenszeit und fast 50 Jahren im Beruf sollte man meinen, es kann einen nichts mehr erschüttern. Doch noch vor ein paar Jahren haben Sie zum Thema Nervosität gesagt: „Lampenfieber ist mir gar nicht fremd, und es nimmt immer mehr zu.“ Gilt das denn immer noch, bei Ihrer Routine?
Ja, ja, das ist so. Aber das Wort Routine gibt es nicht im Zusammenhang mit meiner Arbeit. Für mich gibt es keine Routine in diesem Beruf. Jede Rolle ist vollkommen neu, ich fange immer wieder von vorne an und ich glaube auch, dass die Nervosität deswegen zugenommen hat, weil die Verantwortung der Figur gegenüber größer geworden ist. Das ist anders als bei diesem Sturm und Drang mit Anfang 20. Und die Komplexität der Rollen wird ja auch mit dem Alter intensiver, vielschichtiger.
Wie ist denn heutzutage die Lage am Set?
Weil die Budgets gekürzt werden, gibt es nicht mehr so viel Zeit, um am Drehort zusammen etwas zu erarbeiten. Proben, wie ich das noch von früher kenne, gibt es so gut wie nicht mehr, wenigstens für uns Schauspieler nicht. Regiemenschen sind, auch weil alles so technisch geworden ist, oft mehr mit der Kameraarbeit beschäftigt als mit der Schauspielarbeit und sagen mittlerweile auch, was nicht unrichtig ist: Das ist ja dein Beruf, du musst ja wissen, was du machst.
Ein Thema würde ich noch gerne ansprechen: Ihr Kollege Walter Sittler, der wie Sie ja auch in den USA geboren ist, in Chicago, meinte vor seinem letzten Gastspiel in Fellbach auf die Frage, ob er derzeit in die USA reisen würde: Nein, im Moment ist es kein wirkliches Vergnügen, weil man gar nicht weiß, wo man am Ende des Tages landet.
Natürlich weiß ich, was los ist, ich verschließe mich ja nicht. Aber ich habe Familie in den USA, und ich will meine Familie sehen. Ansonsten möchte ich eigentlich zu diesem Thema nicht so viel sagen – und das alleine ist schon ein Zeichen.
Bei unserem Interview vor acht Jahren, ein paar Tage nach der ersten Wahl Trumps, da haben Sie gesagt: Ich halte es mit Bob Dylan, „The Times, they are a changing“. Die Hoffnung stirbt zuletzt?
(Lacht) Richtig, das gilt auch jetzt wieder.
Gebürtige Amerikanerin
Leben
Leslie Malton wird am 15. November 1958 in Washington D.C. geboren. Sie wächst in Wien auf, im Erwachsenenalter zieht sie nach Berlin. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann, dem Schauspieler Felix von Manteuffel.
Rett-Syndrom
Im Oktober 2015 veröffentlicht sie das gemeinsam mit Roswitha Quadflieg verfasste Buch „Brief an meine Schwester“. Darin berichtet Leslie Malton über das Schicksal ihrer Schwester, die am Rett-Syndrom leidet. Bereits seit 2013 ist sie Botschafterin für Kinder mit Rett-Syndrom in Deutschland
Theater
Die literarische Revue „Drei Frauen aus Deutschland“, in der es um Bettina von Arnim, Else Lasker-Schüler und Erika Mann geht, ist am Sonntag, 5. Oktober, um 19 Uhr in der Schwabenlandhalle Fellbach zu erleben. Es gibt noch Karten an der Abendkasse.