Während sich andere Familien zerstreiten, eröffnen Max und Julius Göttl ein Lokal nach dem anderen. Wie ein IT-Quereinsteiger und ein Profikoch Stuttgart kulinarisch umkrempeln.
Es gibt nicht viele Geschwister, die gemeinsam eine Gastronomie eröffnen würden, geschweige denn gleich drei plus Foodtruck. Max und Julius Göttl sehen das anders, haben im Juni 2021 die Wirtschaft Treber und Trester in Stuttgart-Feuerbach eröffnet und im letzten Jahr nicht nur die Eiswerkstatt und den Waldgasthof Mähderklinge (ehemals Baur’s, davor Zum Heurigen) übernommen, sondern auch noch einen Foodtrailer gekauft, mit dem sie unter anderem auf dem Feuerseefest in Stuttgart-West vertreten waren.
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Dass im Leben der beiden gerade Ausnahmezustand herrscht, muss man eigentlich nicht extra erwähnen. Anlass für Streitigkeiten und Familienzerwürfnisse ist der neue Workload aber trotzdem nicht, im Gegenteil. „Es ist ein großer Vorteil mit dem eigenen Bruder zusammenzuarbeiten“, findet Julius. Während er, der in der Schlosswirtschaft Schwaige gelernt und unter anderem schon bei Patrick Giboin im Fässle gearbeitet hat, der Küchenchef der gemeinsamen Betriebe ist, kümmert sich Max, der ältere von beiden, um die Restaurantleitung. „Miteinander können wir Tacheles reden und dann auch wieder zügig auf einen Konsens kommen, anders, als es vielleicht mit einem bloßen Geschäftspartner laufen würde“, findet der.
Vom gleichen Schlag sind die beiden Göttls dabei ganz und gar nicht. „Julius ist viel strenger als ich“, sagt Max, der als studierter Informatiker als Quereinsteiger zur Gastronomie kam, „ich bin eher ein Trial-and-Error-Typ.“ Das sei aber schon immer so gewesen, weiß Vater Paul Göttl zu berichten. Auch er spielt seine Rolle im gastronomischen Familiengeschäft, hilft jeden Dienstag und Donnerstag in der Küche seines Sohnes aus. „Max ist eher der Organisator und Handwerker fürs Große und Ganze. Julius ist eher der Kreative.“ Zusammen ergeben die beiden unterschiedlichen Charaktere offensichtlich aber eine gute Mischung. Und wenn’s mal Streit gibt, „dann nur in der Sache“, beteuern sie.
Gastronomie im Blut: Eine Familientradition seit 1902
Dass Essen und Trinken in ihrem Leben einen so großen Platz einnehmen, ist dabei kein Zufall. „Schon meine Urgroßmutter hat von etwa 1902 bis 1927 den Gasthof Zum Goldenen Hahnen hier in der Stuttgarter Straße in Feuerbach betrieben“, erinnert sich Vater Paul Göttl zurück an seine eigene Kindheit. Besagte Urgroßmutter legte damit den ersten Stein für die nachfolgenden Generationen.
„Meine Mutter hat zusammen mit meiner Schwester 1973 ihre erste Gastronomie eröffnet“, berichtet Paul Göttl. „1978 haben die beiden dann den Gasthof zum Löwen in Leutkirch übernommen.“ Und auch er selbst ist von der gastronomischen Familiengeschichte nicht ganz unberührt geblieben, führte während seines Studiums eine Pommesbude mit Gartenwirtschaft. „Danach hat man abends immer gestunken. Das fanden die Frauen zwar immer nicht so toll, aber die Taschen waren voller Geld“, lacht er.
Seit 1988 besitzt Göttl Senior außerdem einen Wengert in Feuerbach, macht selbst Wein, der im Treber und Trester ausgeschenkt wird. „Am Weinberg helfen wir, seit wir denken können, jedes Jahr mit“, erzählt Max. Wenn er und sein Bruder wiederum an ihre Kindheit zurückdenken, fällt im Gespräch schnell die Oma, die durch und durch Köchin und Gastgeberin war. „Sie hat zweimal die Woche auf uns aufgepasst, das waren immer die Highlights der Woche. Es gab Pfannkuchen, selbstgemachtes Apfelmus, Jägerschnitzel …“, erinnern sich die beiden Brüder zurück. „Und auch unser Vater hat sonntags immer etwas Schwäbisches, Geschmortes mit Spätzle gekocht und uns vieles beigebracht.“ Die Äpfel sind bei den Göttls über Generationen nicht weit vom Stamm gefallen.
An ihre ersten gemeinsamen Schritte in der Gastronomie erinnern sich die Brüder gut. „Wir hatten gerade das Treber und Trester während der Pandemie im Lockdown übernommen gehabt – und plötzlich hieß es, dass nächste Woche Bars und Restaurants offiziell wieder öffnen dürften.“ Damit wurden sie schneller ins kalte Wasser geworfen, als sie geahnt hätten. Renovierungsarbeiten, Kassensysteme, Corona-Apps, Speisekarten, Wareneinsatz und mehr waren plötzlich Themen, mit denen sich die beiden frischgebackenen Gastronomen innerhalb einer Woche auseinandersetzen mussten. „Wir hatten lange nur zwei Gerichte auf der Karte, eins mit Fleisch und ein vegetarisches“, erinnert sich Julius schmunzelnd.
Vom Kaltstart zur schwäbischen Fusionsküche: Kreativität ohne Grenzen
Das ist nun fünf Jahre her. Mittlerweile gibt es im Treber und Trester eine wöchentlich wechselnde Karte mit etwa gebackenem Blumenkohl an Eisbergsalat, Rotkohl, Gurke, Soja und geröstetem Sesam; Risotto mit Schwarzwurzelschaum, Ofen-Lauch und mariniertem Spinat oder mit konfiertem Forellenfilet mit selbstgestampftem „Champagnerkraut“ vom Spitzkohl, Kartoffelstampf, Beurre blanc und Dill-Öl. Dass Julius Göttl, der eine Zeitlang auch in Peru gekocht hat, sich gerne hier und da von unterschiedlichen Weltküchen inspirieren lässt, merkt man seiner „schwäbischen Fusionsküche“, wie er sie nennt, an.
Dazu gibt es selbstgebrautes Bier, Wein vom eigenen Weinberg, selbstgebackenes Treberbrot und selbstgebrannten Schnaps. Die Karte wechselt jede Woche – nicht, dass einem noch langweilig wird. Die kulinarische Neugier und Lust am Ausprobieren lodert bei den Gebrüdern Göttl, Stress hin oder her, nach wie vor hell. Das macht auch Papa Göttl stolz: „Selbst wenn es mal nicht so läuft, wie man es sich vorstellt – bei uns überwiegt der Optimismus und die Lust an neuen Ideen, daran haben wir alle Spaß.“
Veranstaltung: Family Business in der Gastronomie
Termin
Am Mittwoch, 25. Februar 2026, findet die nächste Veranstaltung von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten statt – das Thema: Family Business in der Gastronomie.
Gäste
Alina Meissner-Bebrout und Steffen Meissner (Bibraud, Edda, Maison Meissner), Sebastian Finkbeiner von der Traube Tonbach, Simon Tress von den Tress Brüdern von der Schwäbischen Alb
Moderation Anja Wasserbäch (Kulinarik-Autorin der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten)
Datum Mittwoch, 25. Februar 2026
Uhrzeit 19:00 Uhr
Ort Look 21, Türlenstraße 2, 70191 Stuttgart
Tickets gibt es unter www.zeitung-erleben.de/familybusiness