Jonas Kienel betreibt in Aichschieß „Solidarische Landwirtschaft“. Foto: Roberto Bulgrin

Jonas Kienel betreibt in Aichschieß diese Landwirtschaftsform – Aktionen für Mitglieder geplant

Kreis Esslingen - Ein kalter Wind weht über die leeren Felder in Aichschieß, einem Ortsteil von Aichwald. Noch schaut kein Gemüse aus der Erde. Jonas Kienel, Student der Agrarwissenschaften in Nürtingen, besitzt hier knapp drei Hektar Land. Auf diesen Flächen betreibt er „Solidarische Landwirtschaft“ (Solawi), die er teilweise von seinen Großeltern geerbt hat. Im Januar hat er damit begonnen. „Das Grundprinzip ist, dass die Mitglieder die Landwirtschaft finanzieren“, sagt Kienel. Das bedeutet: Ein Bauer pflanzt Gemüse auf seinen Feldern und hält Tiere – betreibt somit eine herkömmliche Landwirtschaft. Aber das geschieht mit dem ökologischen Unterschied, dass es Mitglieder gibt, die ihm einen monatlichen Beitrag bezahlen. Sie erhalten dafür wöchentlich eine Kiste mit ökologische Produkten und wissen, woher ihre Lebensmittel stammen. Durch den monatlichen Beitrag ist gleichzeitig die Existenz des landwirtschaftlichen Betriebs auch bei Missernten gesichert.

ANZEIGE

Der ökologische Anbau stehe unter einem starken Marktdruck, so der Bauer. Diese neue Form der Landwirtschaft sei in Mode gekommen und immer noch eine Nische. Ob diese Form von Ackerbau und Viehzucht Zukunft hat? „Ich denke, solidarische Landwirtschaft ist die Speerspitze der Ökobewegung“, meint Kienel. Man wähle aus ökologischen Gründen nicht nur die Bio-Milch aus dem Supermarkt. Er habe das Prinzip auf dem Reyerhof in Möhringen kennengelernt. In Esslingen gebe es einige Menschen, die daran interessiert seien, da der Standort in Möhringen zu weit weg liege.

Auf den Feldern des Studenten sollen bald schon Kartoffeln, Rote Beete oder Salat wachsen. Eine besondere Funktion hat das Kleegras: Es nimmt den Stickstoff aus der Luft auf, speichert es in der Wurzel und dann im Boden. In der konventionellen Landwirtschaft wird zum Beispiel künstlich mit Stickstoff gedüngt. „Mit dem Klee wird der Boden umsonst gedüngt“, sagt Kienel. In seinem Solawi-Projekt hat er ein breites Angebot: „Ich baue alles an und achte auf eine möglichst große Vielfalt. Es ist wichtig, dass die Fruchtfolge abwechselnd ist, damit nicht immer Dasselbe auf dem gleichen Fleck wächst.“ Vor jeder Saison berechne er, welche Kosten anfallen, und das ergebe dann den monatlichen Beitrag für die Mitglieder. Zu den Ausgaben zählt Kienel zum Beispiel das Saatgut, Sprit und Reparaturen am Traktor, Dünger, Steuerberater, Verwaltung und Personalkosten. Im Moment arbeitet er selbst rund 16 Stunden neben seinem Studium auf den Äckern. Er habe einiges über die Landwirtschaft von seinem Opa gelernt, zum Beispiel, wie man sät.

Acht Mitglieder haben sich dem Projekt angeschlossen und zahlen einen monatlichen Beitrag von jeweils rund 100 Euro. „Mein Wunsch wäre, dass die Solawi in Aichschieß auf 20 bis 25 Mitglieder wächst“, sagt Kienel. Eine Person könne von der Gemüsebox sieben Tage lang kochen und satt werden. Jede Woche verteilt der Student die Kisten in Esslingen-Sirnau an die Mitglieder. Der Inhalt ist immer abhängig von der Saison. Gerade gebe es zum Beispiel immer ein Pfund Kartoffeln jede Woche. „Das Gemüse lagere ich zurzeit in der Garage meiner Oma“, sagt Kienel. Aber er hat schon Ideen, sollte es bald mehr Mitglieder und damit mehr Gemüse geben: die Erdmieten. Dafür müsse man ein Loch so tief in den Boden graben, so tief, dass es nicht mehr gefriert. Ist das Ganze zusätzlich mit Stroh ausgelegt, könne man darin etwa Karotten lagern – ohne dass diese durch Frost kaputt gehen. Der Student hat bereits eine Bio-Zertifizierung für seinen kleinen Betrieb beantragt.

Ein kleines Unternehmen und dennoch gibt es vielfältige Produkte. Denn neben dem Gemüseanbau auf dem Acker hat Jonas Kienel Pläne für das Projekt. In Zukunft soll es für die Mitglieder auch Aktionen wie einen Baumschnitt-Kurs geben. Und: „Wir haben noch 15 Hühner und 19 Schafe.“ Alle 14 Tage würden die Mitglieder sechs bis acht Eier bekommen, unregelmäßig gebe es Lammfleisch. „Die Schafe sind auf den Streuobstwiesen, die ich gepachtet habe, und grasen dort die Flächen ab“, sagt Kienel. Das Rasenmähen könne man sich dort sparen.

In Japan wurde 1960 das erste Projekt der heutigen solidarischen Landwirtschaft mit dem Namen Teikei gegründet. Damals waren Mütter besorgt, dass ihre Kinder nur noch mit Pestiziden belastete Lebensmittel bekommen würden. Sie trafen mit den Bauern vor Ort eine Vereinbarung, dass sie ihre Produkte kaufen würden, wenn sie auf Pflanzenschutzmittel verzichten. Mittlerweile gibt es weltweit Landwirte, die dieses Prinzip einsetzen. Der Name ist je nach Land unterschiedlich - nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz wird es Solawi genannt. In England und den USA heißt das Prinzip CSA (Community-Supported Agriculture), in Portugal wird es Reciproco, in Norwegen Andelslandbruk genannt.

Mehr Informationen unter www.solidarische-landwirtschaft.org

Zur Serie "Gartenzeit"

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: