Gärtnern im Frühling entspannt die gestresste Seele. Foto: Johannes M. Fischer

Gärtnergedanken von Johannes M. Fischer in einer ungewöhnlichen Zeit. EZ-Serie macht Hoffnung auf Normalität.

Esslingen - Als die Redaktion im vergangenen Jahr die „Gartenzeit“ konzipierte, war von Corona noch keine Rede. Wir erwarteten eine ganz „normale“ Saison. Der Plan: Wir wollten mit unseren Leserinnen und Lesern mit Lust und Freude in das Gartenthema – das uns ja alle Jahre wieder beglückt – hineingleiten. Und dann hörten wir von der Ferne – erst China, dann Italien – den Corona-Tsunami heranrollen. Wobei heranrollen das falsche Wort ist: Das Virus verbreitet sich ja lautlos. Fast gleichzeitig mit Beginn der Serie kam der Shutdown: Von heute auf morgen fuhr das gesamte öffentliche Leben herunter. Die Wirtschaft, die Schulen, die sozialen Kontakte – eine unheimliche Stille machte sich breit. Begleitet von der berechtigten Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang. Aber wie das Leben so spielt: Was auch immer passiert, oft kommt auch was Gutes mit. Nicht für jeden, leider, aber für manche dann doch. Das Gute, das die Corona-Krise mit sich bringen könnte, wäre ein neues Verständnis von der Zeit.

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Der große Gewinn: Die Zeit

Neulich saß ich mit einer guten Freundin am Neckar und sie erzählte mir, dass e eigentlich gar nicht so schlimm sei, erst mal keine Urlaubsreise mehr zu planen. Es ergeben sich andere Sachen. Hausputz, Tagebuch schreiben, spielen, Gartenarbeit. Die hektische Vorbereitungszeit entfällt, auch der Zwang, im Urlaub irgendwas „machen“ zu müssen, was ebenfalls nach Planung verlangt. Die gesellschaftliche Übereinstimmung, dass man sich im Urlaub auf eine Vergnügungsreise begibt, gilt nicht mehr. Übrig bleibt: Zeit.

Zeit spürt man nicht in der Hektik, da vergeht sie nur. Zeit spürte man, als die Sonne Salzwasser von der Haut leckte und im Hintergrund die Wellen rauschten. Das fällt aber für viele in diesem Jahr aus. Andere Möglichkeiten warten. Womit wir wieder im Garten wären. Zeit spürt man beim pflanzen. Zeit spürt man beim Unkraut jäten. Zeit spürt man, wenn im Herbst die Blätter fallen. Es klingt absurd, ich weiß, aber das Zusammenkehren von Blättern übt auf mich zum Beispiel eine unfassbar beruhigende Wirkung aus. Ich fühle mich auf seltsame Weise beschützt bei dieser fast schon meditativen Beschäftigung. Der Garten ist ein grünes Asyl für Corona-Gestresste, das vor der schnelllebigen Zeit schützt – die nun, als wollte sie uns das bewusst machen, mit einem Ruck stehen geblieben ist. Wir müssen nicht länger nach verlorener Zeit suchen – plötzlich finden wir uns in einem Blumenbeet wieder und stecken mittendrin, in der Zeit. Wir leben sie und atmen sie.

Solche Erlebnisse könnten sich einprägen und zu den späten Geschenken zählen, falls dieser Horrorfilm, in dem sich gerade die gesamte Menschheit bewegt, uns wieder ins „normale“ Leben zurücklässt. Aber das wird schon, höre ich in diesen Tagen oft. Oder: Alles wird gut.

Die Serie

Wir berichteten in Bild und Ton in den vergangenen Wochen über solidarische Landwirtschaft und erzählten vom Bauer Klaus, der selber sät, während seine Kunden pflegen und ernten. Wir stellten einen Garten vor, der ohne Gift auskommt, und beleuchteten die Situation der Schrebergärten. In einer Umfrage wollten wir von den Menschen im Kreis Esslingen wissen, wie sich auf die neue Gartensaison vorbereiten. Dann wagten wir einen Blick auf Gärten des Grauens: Zweckmäßige Anlagen ohne Gras und Kraut, wo wir nahezu vergeblich nach Ästhetik, Natur und sanftem Wachstum suchten. Umgekehrt entdeckten wir Gartenarchitekten, die nicht nur einen grünen Daumen haben, sondern offenkundig wissen, wie man die Dinge passend arrangiert. Wohlwissend, dass wir mit dieser Einschätzung auch nur einer Konvention folgen, die vielleicht morgen schon einen ganz anderen Ausblick auf das gibt, was als schön oder hässlich gilt. Und schließlich fragten wir uns noch: Was macht die Gartenarbeit mit meinem Körper?

Heute sind wir am Ende der Serie angekommen, aber natürlich berichten wir weiter über Gartenthemen. Das Schöne an diesem Thema ist ja, dass sich jeder ein bisschen Garten einrichten kann – selbst wenn es nur ein paar Töpfe auf der Fensterbank sind. Mit unserer Serie wollten wir unsere Leserinnen und Leser eigentlich nur aufs Gartenjahr einstimmen, nun ist es in der Coronazeit zu mehr als das geworden, so wie viele andere Dinge und Geschehnisse des Alltags plötzlich einen neuen Wert erhalten.

Alle Stücke der Gartenserie stehen weiterhin zur Verfügung und sind online auf dem EZ-Portal nachzulesen.

www.esslinger-zeitung.de/gartenzeit

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