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Die Bahn will Reisenden auf der Gäubahn in Stuttgart-Vaihingen über mehrere Jahre einen Zwangsumstieg zumuten. Die Strecke aus Singen soll dort enden. Dagegen regt sich Protest.

StuttgartWeil sich Planungs- und Bauabläufe beim Projekt Stuttgart 21 verzögern, werden Reisende aus Richtung Singen und Freudenstadt den neuen Tiefbahnhof mehrere Jahre nicht direkt erreichen. Die Deutsche Bahn AG plant in Abstimmung mit dem Land als Zwischenlösung den Endhalt der Gäubahnzüge in Stuttgart-Vaihingen. Dort sollen die Fahrgäste an einem neuen Bahnsteig auf die S-Bahn in die City umsteigen. Betroffen wären täglich mindestens 8000 Menschen, und zwar für mehrere Jahre. Aber ist dieser Zwangsumstieg wirklich nötig?

Mehrere Umweltverbände haben sich intensiv mit Bauplänen und dem von der Stuttgart-21-Projektgesellschaft im März 2019 im Kreistag Böblingen als „Unterbruch der Gäubahn“ bezeichneten Ablauf befasst. Um die S-Bahn im Talkessel an die neue S-21-Infrastruktur anzupassen, soll ein Erddamm abgetragen werden, auf dem heute die Gäubahn verkehrt. Das Bauwerk liegt zwischen dem Nordbahnhof und dem neuen S-Bahn-Halt Mittnachtstraße. Gekappt werden soll der Gäubahnzulauf in den Kopfbahnhof sechs Monate vor Inbetriebnahme der S-21-Infrastruktur, also Mitte 2025.

Eigentliche Ursache der Gäubahn-Misere sind die schleppenden Planungen für den Anschluss der Gäubahn an den Stuttgarter Flughafen. Das S-21-System sieht vor, dass die Züge aus dem Süden über einen noch zu bauenden Abzweig durch den Wald bei Rohr auf die bestehende S-6-Strecke nach Echterdingen und zum Airport gelenkt werden. Von dort aus geht es über den neuen Fildertunnel in den Durchgangsbahnhof. Diese Planung hinkt den sonstigen S-21-Bauarbeiten weit hinterher. Für die neue Zuführung über den Flughafen nennt die S-21-Projektgesellschaft keinen fixen Zeitpunkt mehr. Mitgliedern des Kreistags Böblingen wurde in einem Folienvortrag das Jahr 2027 angedeutet, die Dauer der Gäubahn-Unterbrechung lasse sich jedoch erst nach der Erteilung der Baugenehmigung für die Flughafen-Zuführung „konkretisieren“.

Aufschrei und Brandbriefe

Im Kreistag und bei Anliegerkommunen der Strecke bis Rottweil sorgte das für einen Aufschrei und Brandbriefe an das Verkehrsministerium. Man sieht einen ganzen Landesteil abgehängt. Die Antwort von Minister Winfried Hermann (Grüne) befriedigte kaum. Die Unterbrechung der Gäubahn werde sich „voraussichtlich auf mehrere Jahre“ verlängern, ließ Hermann den Böblinger OB Stefan Belz Ende 2019 wissen. Aber immerhin werde beim Umbau der A 81 zwischen Böblingen und Sindelfingen, der bis „mindestens 2026 dauern“ werde, deren Kapazität für die Autofahrer nicht eingeschränkt, versuchte Hermann zu beruhigen. Sein Ersatzkonzept für die Gäubahn mit dem Halt in Vaihingen steht. In diesem Jahr soll mit dem Bau eines Zusatzbahnsteigs begonnen werden – für 7,2 Millionen Euro. Das Land zahlt alles.

Dabei könnte die Lösung sehr viel einfacher aussehen. Das sagen Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Verkehrsclub Deutschland (VCD), Mitglieder des VVS-Fahrgastbeirats wie dessen Sprecher Wolfgang Staiger und Vertreter von privaten Eisenbahnunternehmen. „Die Unterbrechung der Gäubahnstrecke im Stuttgarter Talkessel ist überhaupt nicht notwendig“, sagt Klaus Arnoldi vom VCD. Zur Lösung des Problems rede man „über eine Strecke von 200 Metern“ auf der die bestehenden S-Bahn-Gleise in der City an die neuen herangeführt werden müssten. „Die Unterbrechung ist weder baulich zwingend nötig noch mit irgendwelchen Vorteilen behaftet“, sagt Hans-Jörg Jäkel, Geschäftsführer einer private Eisenbahngesellschaft. Die Bahn, sagt Jäkel, habe rechtlich und bautechnisch Spielraum. Die Unterbrechung der Fernbahngleise zum Lückenschluss der S-Bahn sei zwar Teil der S-21-Genehmigung, auf der Planungsmappe prangt aber der Stempelabdruck „nur zur Information“.

Die Bahn dürfte also anders vorgehen. Sie habe ihren ursprünglich geplanten Bauablauf auch bereits teilweise geändert, sagen die Verbandsvertreter. „Die neue S-Bahn-Trasse samt Brücke über die Nordbahnhofstraße ist im Rohbau fertig“, so Jäkel. Die Gleise für die S-Bahn müssten auf kurzer Distanz nur noch verschwenkt werden. Ein Vorgang, der für Bahnbauer „zum täglichen Geschäft“ gehöre. Dazu müsse man den Gäubahndamm nicht abtragen. Eine Stützmauer würde wohl reichen.

„Die Kappung ist nicht notwendig“, sagt auch Gerhard Pfeifer vom BUND. Einem möglichen Missverständnis will er aber vorbeugen: „Wir reden hier nicht über das Thema Kombibahnhof.“ Es gehe nicht darum, die oberirdischen Gleise zum Kopfbahnhof dauerhaft als Infrastruktur neben dem S-21-Tiefhalt zu belassen. Pfeifer: „Es geht um den Zeitraum, bis die Gäubahn über den Flughafen in die City geführt werden kann.“ Der Städtebau, den Stuttgart auf dem alten Gleisgelände plane, sei davon „marginal und vorübergehend betroffen“, der Nutzen für die Reisenden aber enorm, der Zwangsumstieg bliebe ihnen erspart.

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