Der 1. FC Heidenheim und der SV Darmstadt 98 zählen nun zum Kreis der 18 Bundesligisten – ihr Potenzial in Sachen Auslandsvermarktung ist gering Foto: Baumann/Montage: Hintermayr

Der Verzicht auf große Investoren unterscheidet den deutschen Fußball von der internationalen Konkurrenz. Und trotzdem glauben Experten wie Michael Reschke oder Thomas Hitzlsperger an eine vielversprechende Zukunft.

Am Ende der Saison steht im Fußball besonders viel auf dem Spiel. Dann geht es um Titel, Trophäen, Triumphe. Aber auch um die Kräfteverhältnisse in Europa. Es ist zehn Jahre her, als der FC Bayern und Borussia Dortmund das Finale der Champions League bestritten. Heute? Gilt ein deutsch-deutsches Duell um die Krone der Königsklasse als undenkbar. Ein solches ist, meint BVB-Berater Matthias Sammer, „Lichtjahre“ entfernt. Und folglich eine Illusion, welche die Realität abbildet: Die Bundesliga steht vor großen Herausforderungen. Was, natürlich, mit Geld zu tun hat.

Manchester City gewann am Samstag durch ein 1:0 gegen Inter Mailand erstmals die Champions League. Hinterher meinte Kapitän Ilkay Gündogan, es fühle sich an wie ein Märchen, was eine trügerische Wahrnehmung war. Denn dieser Titel ist keine wundersame Geschichte, sondern teuer erkauft. Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan aus Abu Dhabi soll mit seiner Investorengruppe mehr als zwei Milliarden Euro in den Club gesteckt haben. Mit dem Ergebnis, dass bei ManCity Stars wie Erling Haaland, Kevin De Bruyne oder Ilkay Gündogan spielen, die früher in Dortmund, Bremen und Wolfsburg prägende Gesichter waren – und letztlich nicht zu halten. Deshalb sagt Uli Hoeneß, der Macher beim FC Bayern, mit Blick auf Saudi-Arabien und die Emirate am Golf: „Ich habe große Sorgen. Die scheinen unendlich Geld zu haben.“

Streit der Bundesligisten

Ein kleiner Teil davon fließt nach München, die Fluglinie Qatar Airways überweist als Sponsor angeblich bis zu 25 Millionen Euro pro Saison an den deutschen Rekordmeister. Doch das ist kein Vergleich zu den Summen, die potente Finanziers in den englischen, italienischen oder französischen Fußball stecken. Die Bundesliga beschränkt sich dagegen selbst. Durch die 50+1-Regel, die verhindert, dass Vereine von Investoren übernommen werden. Und dann sprachen sich zuletzt auch noch zu wenige Erst- und Zweitligisten für den Einstieg eines milliardenschweren Geldgebers in die Deutsche Fußball-Liga (DFL) aus. Seither streiten die Clubs heftig, es droht ein Ende der Zentralvermarktung oder die Trennung der beiden Ligen. „Es soll mir keiner mehr mit Solidaritätsforderungen kommen“, sagt Karl-Heinz Rummenigge, einer der Köpfe des FC Bayern, „die Verteilungskämpfe in der Bundesliga werden an Heftigkeit noch zunehmen.“

Ein Problem ist, dass die Interessen so unterschiedlich sind. Der FC Bayern, Borussia Dortmund oder RB Leipzig fürchten, wenn die Einnahmen nicht ständig wachsen, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit und den Verlust weiterer Stars – in diesem Sommer gehen Jude Bellingham und Christopher Nkunku. Und zugleich stellt sich die Frage, ob die Umsätze der 18 Clubs nicht jetzt schon viel zu weit auseinander liegen und darunter die Qualität der Bundesliga leidet. Oder ist es attraktiv, wenn ein Verein elfmal in Folge Meister wird? Wenn niemand in der Lage ist, eine schwache Saison des FC Bayern für sich zu nutzen? Wenn schon 16 Treffer reichen, um die Torjägerkrone zu gewinnen? Eher nicht. Und trotzdem sagt Michael Reschke: „Wer einen Abgesang auf die Bundesliga anstimmt, liegt völlig daneben.“

Michael Reschke: „Die Nummer zwei in Europa“

Natürlich sieht der frühere Sportvorstand des VfB Stuttgart, der auch für Bayer Leverkusen, den FC Bayern und den FC Schalke tätig war, dass die Premier League wegen der Investoren und ihrer TV-Einnahmen (rund 2,64 Milliarden Euro pro Saison) weit enteilt ist. „Das wirtschaftliche Potenzial dort ist immens. Wenn in England der Siebte auf den Zwölften trifft, ist immer noch unfassbar viel Klasse im Spiel“, sagt Michael Reschke, der nun für die Berateragentur ICM Stellar arbeitet, „doch die Bundesliga ist in der Breite die Nummer zwei in Europa. Was Infrastruktur, Fans und Qualität angeht, würde ich mit Spanien, Italien oder Frankreich nicht tauschen wollen – weil ich vom deutschen Weg überzeugt bin.“

Dank vieler gesunder Vereine, guter Nachwuchsarbeit und intelligenter Transfers hält Reschke die Bundesliga weiter „für ein tolles Produkt“. Daran werde sich so schnell nichts ändern: „Die Vereine werden es auch in Zukunft schaffen, neue Stars zu formen.“ Als Beispiele nennt der Experte Jamal Musiala, Florian Wirtz oder Hugo Larsson, der aus Malmö zu Eintracht Frankfurt wechselt. „In der Bundesliga“, sagt Michael Reschke, „wird es immer genügend interessante Spieler geben.“ Zustimmung kommt von Thomas Hitzlsperger. „Die Bundesliga wird weiterhin in der Lage sein, die besten Talente nach Deutschland zu holen und sie hier zu entwickeln“, erklärt der frühere Vorstandsvorsitzende des VfB Stuttgart. Alles andere? Ist auch eine Frage des Anspruchs.

Die Auslandsvermarktung ist eine offene Flanke

Die Premier League, da sind sich Hitzlsperger und Reschke einig, könne und dürfe nicht der Maßstab sein. „Umsätze wie dort zu generieren“, sagt Hitzlsperger, „ist unmöglich.“ Und trotzdem muss die Bundesliga, um im Geschäft zu bleiben, alle Optionen ausschöpfen. Eine offene Flanke ist die Auslandsvermarktung. Besonders bei den weltweit erzielten TV-Einnahmen ist die Bundesliga laut Karl-Heinz Rummenigge „katastrophal aufgestellt“. Nur rund 160 Millionen Euro pro Saison werden erlöst (Premier League: mehr als eine Milliarde Euro), prognostiziert worden sei den Vereinen eine Summe von 850 Millionen Euro. „Dieses Geld“, sagt Rummenigge, „fehlt.“ Und wird so schnell auch nicht zu erwirtschaften sein.

Denn die Bundesliga stößt national zwar (noch) auf ein ungebrochen großes Interesse, doch in Südamerika oder Asien sind der SV Darmstadt 98, der 1. FC Heidenheim, der VfL Bochum, die TSG Hoffenheim oder der FC Augsburg eben keine großen Nummern. „Klar kümmert der Aufstieg des 1. FC Heidenheim international niemanden“, sagt Michael Reschke, „dennoch hat dieser Verein großen Respekt verdient. Die Erfolgsgeschichte, die dort geschrieben wird, ist sehr wertvoll.“ Das sieht auch Thomas Hitzlsperger so: „Natürlich wäre es für die Bundesliga attraktiver, wenn Clubs wie der Hamburger SV, der FC Schalke 04 oder Hertha BSC dabei wären, aber in Darmstadt und Heidenheim wurde eben bessere Arbeit geleistet.“

Was zeigt, dass es im Fußball nicht nur aufs große Geld ankommt. Manchmal zählen am Ende auch andere Werte. Ob diese Erkenntnis der Bundesliga als Ansporn taugt?