Foto: Stadtarchiv - Stadtarchiv

Der Stuttgarter Politiker Conrad Haußmann hat im Kaiserreich für die Parlamentarisierung gekämpft, gegen die deutsche Rüstungspolitik und für ein Miteinander der Europäer.

StuttgartBeim Festakt zum 100-Jahr-Jubiläum der Weimarer Reichsverfassung hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im vergangenen Jahr in seiner Rede auch den Namen eines Stuttgarters genannt: „Hier in diesem Theater“, sagte Steinmeier in Weimar, „wirkten vergessene Heldinnen und Helden unserer Demokratiegeschichte! Liberale wie Hugo Preuß, Gertrud Bäumer oder Conrad Haußmann; katholische Demokraten wie Hedwig Dransfeld oder Matthias Erzberger; Sozialdemokraten wie Simon Katzenstein oder Antonie Pfülf. Mit all ihren Unterschieden und auch Widersprüchen schufen sie die erste deutsche Demokratie!“

Der Stuttgarter, den der Bundespräsident heraushob, war der linksliberale Politiker Conrad Haußmann. „Es ist das Verdienst Steinmeiers, dass er bei seiner Jubiläumsrede ihre Namen dem Vergessen zu entreißen versucht hat“, schreibt später die „Süddeutsche Zeitung“. Versucht. Denn Haußmann ist trotz seiner Bedeutung für die deutsche Demokratiegeschichte heute im öffentlichen Bewusstsein nahezu unbekannt – auch in seiner Geburtsstadt Stuttgart. Auf die Frage, wieso dieser Wegbereiter der ersten demokratischen Verfassung Deutschlands und Mitbegründer der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in Württemberg keine Erinnerungsfigur von Rang darstellt, fällt die Antwort auch Historikern erkennbar schwer.

Vor Rüstungsspirale gewarnt

Der Vortrag des Singener Forschers Michael Kitzing, der am Dienstagabend auf Einladung des Stadtarchivs und der Stiftung Theodor-Heuss-Haus ein Schlaglicht auf den 1857 geborenen Politiker wirft, macht deutlich, dass Haußmann bereits während der Monarchie als Landtags­abgeordneter beharrlich an der Parlamentarisierung des politischen Systems arbeitete. Gleichzeitig stemmte er sich als Reichstagsabgeordneter schon Ende des 19. Jahrhunderts gegen die forcierte Rüstungspolitik des Deutschen Reichs. Hellsichtig warnte er vor der Rüstungsspirale, die ab 1898 einsetzte, berichtet Kitzing. Für Haußmann bestand eine zukunftsweisende Außenpolitik nicht in der Konfrontation, sondern im kooperativen Miteinander der europäischen Mächte. „Eines seiner zentralen politischen Ziele war der internationale Ausgleich“, betont der Historiker. Haußmann suchte noch unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Nähe zu französischen Parlamentariern wie dem sozialistischen Politiker Jean Jaurés, der im Juli 1914 von einem französischen Nationalisten ermordet wurde.

Als einer der Gründer der DDP wurde der Linksliberale direkt nach dem Krieg Mitglied der Weimarer Nationalversammlung, die ihn zum Vizepräsidenten und Vorsitzenden des Verfassungsausschusses wählte. Das war der Höhepunkt seiner politischen Karriere. Der Staatsrechtler und DDP-Politiker Hugo Preuß betonte später, so Kitzing, dass ohne die Autorität und die straffe Lenkung des Juristen Conrad Haußmann es nicht gelungen wäre, die 181 Absätze der Weimarer Verfassung durchzuberaten. Im Publikum saß am Dienstagabend im Stadtarchiv auch die Enkelin Conrad Haußmanns, Gabriele Volk. Sie berichtete, wie ihr Großvater einmal ausgerechnet habe, dass er aufgrund seiner vielfältigen politischen Aufgaben in Württemberg und im Reich „insgesamt vier Jahre lang im Schlafwagen zwischen Stuttgart und Berlin zugebracht hat“. Nach dem Tod Haußmanns 1922 sollte in Stuttgart schon 1925 eine Straße nach den Zwillingsbrüdern Conrad und Friedrich Haußmann benannt werden. Erst 1946 kam es dazu. Dass der Blick auf das politische Leben Haußmanns angesichts der jüngsten Ereignisse in Thüringen, „die das Selbstverständnis des politischen Liberalismus wieder auf die Agenda gesetzt hat“, einen unerwarteten Aktualitätsbezug erhalten hat, daran erinnerte der Leiter des Stadtarchivs, Roland Müller. So könnte Haußmann für Liberale heute wieder zum Vorbild taugen.

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