Schauplatz des Terrors: Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin, wo am 20. Dezember 2016 der Attentäter Anis Amri einen Lastwagen Foto: dpa - dpa

Bei der Talkrunde der EZ "Im Gespräch" mit Buchautor und leiter des ZDF-Studios in Washington, ging es um Terrorismus und Terrorbekämpfung in Deutschland.

EsslingenTatort Tiefgarage. Ein in schwarz gekleideter Mann versteckt sich in der Tiefgarage hinter einer Säule und mimt den Täter. Es ist ein Selbstverteidigungskurs im Kellergeschoss der Sparkasse Esslingen-Nürtingen, etwa zehn weibliche Sparkassenangestellte nehmen teil. Eine Etage höher, im Haus des Kunden, hat es der gleichfalls in schwarz gekleidete Sicherheitsdienst am Einlass mit deutlich mehr Menschen zu tun. Aber es geht entspannt und komplett gewaltfrei zu. Rund 550 Menschen strömen zur Talkrunde „Im Gespräch“, und weil es so heiß ist, bekommt jeder der Gäste, sofern er das will, erst einmal ein Wasser gereicht. Thematisch befindet sich die Gesellschaft gar nicht so weit weg von der Tiefgarage: Auch hier geht es um Gewalt, systematische Gewalt, tödliche Gewalt: „Drehbuch des Terrors – Wie gefährlich sind Europas Islamisten?“ Eingeladen hatten die Veranstalter – die Kreissparkasse und die Eßlinger Zeitung – Elmar Theveßen, Buchautor und Leiter des ZDF-Studios in Washington. Geleitet wurde das Gespräch von EZ-Chefredakteur Gerd Schneider.

Theveßen ist bekannt aus dem Fernsehen, das ist auch das Motiv von Besuchern wie Heidrun und Günter Kaiser aus Nürtingen oder Magda Kaupp aus Esslingen. Sie fühle sich nicht bedroht, „nicht in Esslingen“, meint Magda Kaupp. Auch Nürtingen scheint sicher zu sein, denn dort sei es „noch beruhigter“, ergänzt das Ehepaar Kaiser.

Das Thema ist also heiß, doch der Saal, in dem sonst Kundengeschäfte abgewickelt werden, ist gut gekühlt. Die Atmosphäre vor dem Beginn der Veranstaltung – leise Unterhaltungen hier, ein helles Lachen dort – erinnert eher an einen entspannten Sommertheaterabend als an ein Terrorexpertengespräch.

Das dürfte ganz im Sinne des Gastes gewesen sein, denn das ist eine der wohl wichtigsten Botschaften Theveßens: Ruhig Blut! Der Journalist, der unter anderem das Buch „Terror in Deutschland“ geschrieben hat, unterscheidet sich wohltuend von vielen seiner Kollegen; Angstschreiber, denen das Arsenal an grauenhaften Wörtern gar nicht groß genug sein kann, um die Dramatik der Lage zu schildern – mit dem Kollateralnutzen, dass die schrille Ausdrucksweise vielleicht doch den einen oder anderen Käufer dazu bewegen könnte, das jeweilige Buch zu kaufen. In dieses Bild passt Theveßen nicht; und wie seine Botschaft ist auch sein Auftreten. Heiter, gelassen, dennoch ernsthaft, keinesfalls verniedlichend. So schätzt er die Terrorgefahr in Deutschland als „geringer geworden“ ein, aber sie sei „immer noch da“.

Häufig beginnen seine Sätze mit Wendungen wie „es ist ein Verbrechen, keine Frage, aber . . .“ oder „das soll nun nichts entschuldigen, aber . . .“. Er muss das wohl sagen, sonst wäre es womöglich zu einfach, ihm etwas zu unterstellen. Er tut nämlich etwas, was in der Politik fast schon ein Tabu geworden ist: Er bemüht sich um Erklärungen, warum ein Täter zu dem wird, was er ist. Oft, so führt Theveßen aus, stammen europäische IS-Terroristen aus zerrütteten Verhältnissen. „Junge Leute, auf der Suche nach Heldentum. Viele fühlen sich ausgegrenzt, bevor sie kriminell werden.“

Als Beispiel nennt er Daniel S., der als Mitglied der Sauerlandzelle verurteilt wurde, Anschläge in Deutschland vorbereitet zu haben. Aufgrund seiner sehr guten Zeugnisnoten hätte sich die Laufbahn von Daniel S. auch anders entwickeln können, aber es liegt nahe, dass die Scheidung der Eltern, verbunden mit Gewalt und Alkoholexzessen, keine gute Wirkung auf ihn hatte. Sein Versuch, in Brasilien ein neues Leben anzufangen und eine eigene Familie zu gründen, scheiterte. Er verlor ein Kind, das, so Theveßen, hätte gerettet werden können, wenn Daniel S. das Geld für Ärzte und Medizin gehabt hätte. In dieser verzweifelten Situation sei er auf Menschen gestoßen, die ihm scheinbaren Halt vermittelt hätten, die sich um ihn „kümmerten“.

„Unsere Politik verursacht Terrorismus“

„Das alles entschuldigt ihn nicht“, betont Theveßen ein weiteres Mal. Aber das ist auch nicht sein Punkt. Sein Anliegen ist ein anderes: „Was wäre aus Daniel S. geworden, wenn ihm an der Weggabelung etwas anderes“ als jenes unheilvolles Heilsversprechen „angeboten worden wäre“, das ihn letztlich in den Terrorismus führte? Anstatt erst dann zu reagieren, wenn es zu spät sei, sei es doch besser, am Anfang der Kette zu reagieren und den Nährboden für die Radikalisierung trockenzulegen. Hier sieht er die Gesellschaft in der Verantwortung. Theveßen spitzt seine These noch zu: „Unsere Politik verursacht Terrorismus.“ Und das meint er im weitesten Sinne und bezieht die Außenpolitik ausdrücklich mit ein.

Die Ausführungen bringen dem Gast viel Beifall ein. Die Kaisers sind begeistert: „Exzellent“ fanden sie den Vortrag. Mit anderen Gästen diskutieren sie nach der Veranstaltung weiter. Es gibt Getränke, Käsebrötchen und Brezel. Die Themenpalette weitet sich aus. Der Vortrag wird diskutiert, aber auch die Situation am Esslinger Bahnhof („Ich traue mich da nachts als Frau nicht hin“, so eine Besucherin), das Wetter und die vielen Baustellen. Ein gesellschaftlicher Abend eben, der in einer allmählich leiser werdenden Geräuschkulisse ausklingt.

Auch in der Tiefgarage ist es ruhig geworden. Als die Autofahrer das Kellergebäude verlassen, ist die Übung zur Selbstverteidigung längst vorbei. Die Welt scheint wieder ein Stück sicherer geworden zu sein.

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